Kommt dann eh kein Böser??

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Mein kleiner Mann liebt Geschichten von Räubern, Gespenstern, Monstern, Hexen und Helden. Er spielt gerne den Batman oder lässt seine Ritter die Burg gegen Eindringlinge verteidigen, bringt als Polizist die „Bösen“ ins Gefängnis und wenn es brennt, dann kommt er als Feuerwehrmann zum Einsatz.

Kinder beginnen mit ca. drei Jahren, sich intensiv mit ihrer eigenen Phantasie zu beschäftigen, sie zu entwickeln und stetig zu erweitern. Märchen und andere Geschichten, die magische Inhalte vermitteln und dabei noch genügend Spielraum lassen für eigene Phantasien, gewinnen nun an Bedeutung. Das Spielverhalten des Kindes verändert sich – so werden Rollenspiele wichtig, um Szenen aus dem Alltag oder aus Geschichten immer wieder „durchzuspielen“ und neu aufzurollen, und zwar so lange, bis das Kind sie vollständig verarbeiten konnte.

Diese magische Phase, die bis ins zehnte Lebensjahr hinein andauert, ist eine Zeit der Phantasie, der Magie und Zauberei. Monster und Gespenster werden als real erlebt, auch wenn es sie nur in Geschichten gibt. Rationales Beschwichtigen damit verbundener Gefühle ist ebenso unwirksam wie unangebracht. Es hilft dem Kind nicht, gesagt zu bekommen, dass es diese Monster nicht gibt. Tatsache ist, das Kind erlebt sie als existierend – ob nun in der Realität oder nur in seiner Phantasie macht dabei keinen allzu großen Unterschied.

Die kindlichen Ängste ernst nehmen

Es ist also wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass wir es ernst nehmen. Die Monster mögen zwar nicht real sein, die Ängste des Kindes jedoch sind es. Was zählt ist also, sie anzuerkennen und ihnen Raum zu geben.

Wenn das Kind von einem Monster oder ähnlichem spricht, kann es helfen, genauer nachzufragen: wie sieht es aus? Wie groß ist es? Welche Farbe hat es? Was macht es denn?

Auf diese Weise erfährt das Kind, dass es ernst genommen wird. Gleichzeitig werden viele Ängste kleiner, indem man ihnen einen Namen oder ein Gesicht gibt. Wir können das Kind auch dazu ermuntern, dass es sein Monster malt, wenn das verbale Beschreiben vielleicht schwer fällt.

Was wir jedoch vermeiden sollten ist, kindliche Ängste  mit Aussagen wie „da ist doch kein Monster“, „ist doch nicht schlimm“ oder ähnlichem abzutun.

Monsterfresserpuppe und Bösen-Falle

Es ist schon eine Weile her, dass ich mit meinem kleinen Mann zusammen eine Monsterfresserpuppe gebastelt habe. Sie liegt immer in seinem Bett und frisst – wie der Name schon sagt – alle Monster auf, die sich nächtens ins Kinderzimmer wagen.

Bei einem Gespräch mit ihm neulich erfuhr ich, dass es „die Bösen“ sind, die ihm zur Zeit am meisten zu schaffen machen – konkret: Diebe, Einbrecher und Räuber, die in unsere Wohnung eindringen könnten. Also haben wir gemeinsam überlegt und schließlich eine Falle gebaut: wir haben eine Schuhschachtel verziert, ein Loch in den Deckel geschnitten und mein Sohn hat noch einen Zettel drauf geschrieben: „Liebe Böse, hier habt ihr schönes Essen“ – ein Lockruf sozusagen 🙂

Dann noch einen Stein mit einem selbst erfundenen Zauberspruch belegt, in die Kiste gelegt – zusammen mit einer Decke aus Filz, denn wir wollen ja nicht, dass die Bösen es allzu ungemütlich haben und ein paar Süßigkeiten – und fertig war die Falle! Ach ja, zur Erklärung für alle, denen das Prinzip der Falle unbekannt ist: durch den Zauberstein werden die „Bösen“ klein wie eine Kartoffel und in die Kiste gezaubert, wo sie dann gefangen sind. Am nächsten Morgen können sie dann wieder in die Natur gelassen werden, denn – wie mein kleiner Mann feststellte – „die kommen dann nicht wieder“.

Kindern ihren eigenen Weg zur Angstbewältigung zugestehen

Wir können Kindern dabei helfen, ihre Ängste durchzustehen, sie dabei begleiten und bei Bedarf Trost spenden. Allerdings ist es auch wichtig Vertrauen in sie zu haben. Kinder finden ihren Weg, mit Ängsten fertig zu werden, auch wenn wir diesen oft nicht (gleich) verstehen können. So wie ein Kind seinen Kuschelhasen überall hin mitschleppt, wird ein anderes Kind zeitweilig einen imaginären Begleiter erfinden, wieder ein anderes braucht dafür den Schnuller noch ein Weilchen länger. Die Arten der Kinder, mit ihren Ängsten umzugehen, sind vielfältig und wertvoll. Deshalb sollten wir ihnen vertrauen und ihnen ihre eigenen Mittel und Wege lassen.

Fazit: Die Ängste von Kindern immer ernst nehmen. Vertrauen in die Kinder haben, sie dabei begleiten und ihnen ihren eigenen Weg mit ihrer Angst umzugehen, zugestehen.

Eure

Tamara_Schrift

Nadine Hilmar: „Da musst du keine Angst haben“

IMG_1315Nadine Hilmar, Betreiberin des Blogs Buntraum und selbst Mama zweier Kinder, ist die heutige Verfasserin des Gastbeitrags zum Thema Ängste unserer Kinder im Zusammenhang mit medizinischen Untersuchungen und Eingriffen. Ein lesenswerter Artikel, der die Thematik sowohl aus der pädagogischen Perspektive als auch aus der Sicht einer liebevollen Mama beschreibt.

Danke, Nadine!


Da musst du keine Angst haben

Unlängst las ich in einem Forum die Sorge einer Mutter, dass ihr Kind – da es nun ja schon größer sei (6) – bei medizinischen Eingriffen und Untersuchungen genau wüsste, was auf es zukäme und wie sie ihm da die Angst davor nehmen könnte. Gedanken, die vermutlich viele von uns kennen. Sorgen, die uns ewig begleiten. Obwohl sie das gar nicht müssten.

Die Antwort auf diese besorgte Frage ist jedoch ganz einfach: Wir können unseren Kindern die Angst nicht nehmen. Weder die vor einer Spritze, noch die vor den Monstern unter dem Bett oder dem lauten Geräusch des Staubsaugers. Ängste sind etwas Natürliches und sie haben auch einen Sinn – sie beschützen uns. Sie sorgen dafür, dass wir in Gefahrensituationen aufmerksam sind und zögern, dass wir uns selbst stoppen und überlegen, was wir tun sollten. Sie fördern ganz natürlich unser lösungsorientiertes Denken – was tue ich nun? Wie schaffe ich meinen Weg durch diese Situation, die mir unheimlich ist? Und sie stärken unser Selbstvertrauen, denn wenn wir es schaffen hier und da unsere Ängste zu überwinden, so zeigt uns das, wozu wir fähig sind. Es stärkt uns in unserem Sein. Von daher ist es absolut wichtig, dass wir akzeptieren, dass Kinder Ängste haben und auch haben sollten. Dass es ihnen hilft und dass wir sie ihnen nicht nehmen dürfen. Was natürlich nicht heißt, dass wir sie damit sich selbst überlassen.

Was Kinder in angstvollen Situationen brauchen ist das, was sie eigentlich immer von uns brauchen: Unterstützung und Begleitung in ihrem Empfinden. „Du hast Angst.“ als Feststellung der Tatsache. Wahrnehmen und Annehmen, was ist. Wir sind oft geneigt zu sagen „Da brauchst du keine Angst zu haben.“ Weil wir wissen, dass unter dem Bett keine bösen Monster lauern. Wissen, dass Fiebermessen oder Abhören beim Arzt nicht wehtun und dass ein Röntgenapparat uns nichts tut. Aber wir müssen endlich lernen zu akzeptieren, dass diese Dinge unangenehm sein können, und dass es allein das ist, was ihnen Angst macht. Ein Stethoskop kann kalt sein, ein Arzt grob und das Fiebermessen im Ohr drücken. Der Raum, in dem wir uns dem riesigen Gerät über uns liegend ergeben müssen, ist kalt und steril. 

Jeder Mensch hat eine andere (Schmerz)Wahrnehmung und einer der der schlimmsten Sprüche der Kindheit lautet wohl: „Jetzt stell dich mal nicht so an!“ 

Was also tun, wenn ein Kind vor einem medizinischen Eingriff Angst hat und diese – auf welche Art auch immer – äußert? Wenn eine OP ansteht oder auch nur eine Impfung? Wie begleite ich, ohne die Angst zu stärken? Wichtig ist, dass wir ehrlich bleiben. „Ja, das kann wehtun. Und du darfst schreien dabei. Denn das ist unangenehm.“ Wenn die Kinder darauf vorbereitet sind, dass es weh tun kann, ist es für sie weniger schlimm, als wenn wir ihnen sagen, sie müssen sich nicht fürchten und am Ende werden sie überrascht von dem, was tatsächlich auf sie zukommt oder was eben doch zwickt, drückt oder kalt ist. Vor allem wenn wir das Personal nicht kennen und nicht wissen, wie sehr sie auf Kinder eingehen, ist es sinnvoll, die Kinder zu warnen, dass die Ärzte oft nicht wissen, was anderen weh tut und dass man ihnen das sagen kann. Im Notfall auch durch Schreien. 

Alle notwendigen Schritte eines Eingriffs können im Vorfeld besprochen werden. Dazu gibt es oft anschauliche Bücher und Arztkoffer. Aber wesentlicher als diese Vorbereitung ist die verständnisvolle und geduldige Begleitung unsererseits. Egal wie lächerlich oder unnötig uns das Schreien eines Kindes beim Gipswechsel oder Pflasterentfernen vorkommt. Es ist sein Empfinden in dem Moment und das wird nicht besser, wenn wir es belächeln oder runterspielen. Es gibt Menschen, die gehen problemlos, sogar gern zum Zahnarzt und es gibt Menschen, die fürchten sich davor. Und selbst wenn sie wollten, so können sie diese Angst nicht einfach ablegen. Egal wie oft ihnen jemand sagt, das sei doch alles gar nicht so schlimm.

Im Übrigen gilt all das auch für Babys und Kleinstkinder. Nur, weil sie sich nicht so in ihrer Angst artikulieren können, wie größere Kinder das tun, bedeutet das nicht, dass sie keine Ängste haben und dass sie nicht verstehen. Auch sie sollten auf eine Untersuchung genauso gut vorbereitet und währenddessen mit Worten und der Haltung, dass ihre Gefühle angenommen sind, begleitet werden. Denn je eher sie für ihre Emotionen und Gefühle Worte bekommen, umso besser können sie diese später selbst verwenden, um sich uns gegenüber zu äußern, aber auch, um selbst zu verstehen, was mit ihnen geschieht. Denn die Angst, gar nicht erst zu wissen, was ihnen bevorsteht, wenn sie eine Arztpraxis, ein Krankenhaus betreten werden, wenn die Eltern unentspannt und gestresst wirken, wenn sie nicht erklärt bekommen, was gerade im Ohr bohrt, was im Oberschenkel so piekst oder was kalt auf ihrem Bauch hin und her fährt, wie ein Ultraschallgerät das tut, ist für sie schlimmer, als die Unannehmlichkeiten, die es verursacht. 

Es mag uns schwer fallen, unseren Kindern ihre Ängste nicht nehmen zu können. Das ist ein natürlicher Instinkt, der in uns schlummert. Aber wenn wir verstehen, dass wir ihnen damit helfen, dass wir sie auf diese Art und Weise unterstützen und stärken, wird es uns bald viel natürlicher erscheinen und wir werden sehen, wie sehr sich dadurch die Beziehung zu unserem Kind intensiviert und nähert. 

weitere Texte zum Thema:

http://buntraum.at/2015/05/28/das-kann-weh-tun/

http://buntraum.at/2014/08/07/betaubt-heist-nicht-traumatisiert-wie-ich-mein-kind-durch-eine-op-begleiten-kann/

http://buntraum.at/2014/07/10/podcast-5-kinderangste/

Text und Fotos: Nadine Hilmar