Keine Erziehung ist auch keine Lösung – vom Dschungel der Erziehungsstile und dem Druck, alles richtig zu machen.

Erziehung ist ein Prozess, der sich stetig weiter entwickelt. Er findet in der Beziehung zwischen Eltern und Kind statt. Es ist also eigentlich gar nicht möglich, nicht zu erziehen. Doch wie diese Erziehung genau aussehen soll, darüber scheiden sich heute wirklich viele Geister. Eltern haben es so schwer wie noch nie, sich darüber klar zu werden, wie sie ihr Kind denn nun erziehen wollen.

Doch erst mal zur Begriffsklärung.

Für mich bedeutet Erziehung zunächst einmal Arbeit an mir, als Mutter, selbst. Um meinem Kind meine eigenen Werte vermitteln und weitergeben zu können, muss ich mir erst einmal selbst darüber im Klaren sein, welche Werte und Normen für mich gelten und wo meine persönlichen Grenzen liegen.

Wir als Eltern lernen, wenn wir in Beziehung zu unserem Kind treten, auch viel über uns selbst, überdenken und definieren zum Teil unsere Anschauungen und Verhaltensweisen neu, reflektieren unser Handeln, lernen unsere eigenen Grenzen immer wieder neu kennen. Wir wachsen sozusagen mit unserem Kind mit.

In diesem Erziehungsprozess, der ja in Wahrheit nichts anderes ist als ein wechselseitiger Lernprozess, haben wir Eltern jederzeit die Möglichkeit zu Reflexion und Veränderung. Wir Eltern lernen mit dem Elternsein stetig dazu. Dass es dabei neben den vielen schönen Momenten des Elterndaseins auch immer wieder zu Unsicherheiten, Hilflosigkeit und dem Gefühl, komplett zu versagen, kommen kann, ist also vollkommen natürlich. Wir sind schließlich nicht perfekt. Fehler gehören dazu, wir sollen und dürfen sie machen. Dies anzunehmen, nimmt uns sehr viel Druck von den elterlichen Schultern.

Autoritär? Antiautoritär? Laissez-faire? Montessori? Waldorf? Pikler? Ohne Gewalt! Partnerschaftlich? Oder doch so wie Herr Juul meint: als „Leitwolf“?  Was ist denn nun „richtig“?

Es gibt inzwischen so viele unterschiedliche Meinungen und Richtungen zum Thema Erziehung, dass einem schwindlig werden könnte. Während noch vor rund 100 Jahren jeder wusste, was mit „Erziehung“ gemeint ist und wie eine solche auszusehen hat, haben sich in den letzten Jahrzehnten unzählige Strömungen entwickelt. Das ist einerseits sehr gut, denn wir sind uns ja heute darüber im Klaren, dass die Erziehung zu striktem Gehorsam eben nicht das ist, was Kindern eine gesunde Entwicklung ermöglicht.

Andererseits bewirken diese vielen unterschiedlichen und zum Teil sehr kontroversen Richtungen auch, dass viele Eltern verunsichert sind und Angst haben, etwas so grundlegend falsch zu machen, dass sie ihrem Kind dauerhaft ernsten Schaden zufügen könnten.

Manche Expertinnen und Experten meinen, Kindern Grenzen zu setzen wäre wichtig, andere legen das Thema Grenzen so aus, als wären diese an sich ein autoritäres Mittel, um sich Kinder untertan zu machen. Es gibt auch Expertinnen, die beim Begriff „Grenze“ aufschreien, aber bei genauerer Betrachtung selbst für ebensolche Grenzen eintreten, diese Tatsache eben nur anders benennen. Dies zu überblicken und zu erkennen, ist für Laien nicht immer einfach.

So werden Montessoris (ohne Frage gute) Ansätze teilweise solcherart in die Praxis umgesetzt, dass die Kinderzimmer der Kleinsten schon mit Fördermaterial vollgefüllt werden, was bei genauerer Betrachtung eigentlich dem Grundgedanken Montessoris erst recht widerspricht: nämlich das Kind nicht zu „überfördern“, sondern es sich seinem Tempo und Bedarf entsprechend einfach entwickeln zu lassen.

Ohne Frage meinen es die Betreffenden nur gut – aber wohl aus dem Hintergrund heraus, dass sie unter dem Druck, es besonders gut machen zu wollen, es dann doch übertreiben.

Eine weitere Entwicklung, die mich persönlich regelrecht verärgert ist die, dass Lob heutzutage gern generell verteufelt wird- ohne dabei zu berücksichtigen, dass Kinder Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen sind. Viele hochsensitiven Kinder beispielsweise brauchen vermehrt Lob und Bestätigung, weil sie von Natur aus dazu neigen, an sich selbst zu zweifeln. Wenn deren Eltern sich davon „überzeugen“ lassen, dass zu viel Lob generell mehr schadet als nutzt und sie deshalb ihr Lob zu sehr einschränken, kann dies also dem Wohl ihres hochsensitiven Kindes letztlich erst recht abträglich sein.

Manche sogenannten Expertinnen und Experten in Erziehungssachen gehen sogar so weit, zu behaupten, wir bräuchten eine Ent-ziehung von der Er-ziehung. Das halte ich persönlich für unsinnig bis gefährlich.

Ich sehe immer mehr Eltern, die sich kaum noch trauen, ihrem kleinen Schatz gegenüber ein klares „Nein“ auszusprechen.

Mütter, die lieber nachgeben, um ihr Kind in dem jeweiligen Moment nicht zu enttäuschen, als dass sie eine Grenze setzen, die dem kindlichen Wohl letztendlich sehr zugute kommen würde. Ich sehe der heutigen Entwicklung, die „weg von der Erziehung“ geht, mit großer Skepsis und Sorge entgegen.

Meiner Ansicht nach ist Erziehung eine natürliche Notwendigkeit. Wie bereits erwähnt, können wir gar nicht nicht erziehen. Erziehung bedeutet für mich auch, dass wir Eltern unseren Teil der Verantwortung übernehmen – nämlich in allen Belangen, in denen das Kind noch auf unsere Erfahrung und Fürsorge angewiesen ist.

Ent-ziehen wir uns dieser Verantwortung, so werden aus unseren Kindern verunsicherte, tyrannische und letztlich hilflose kleine Wesen, die sich in weiterer Folge zu narzißtischen, egoistischen Erwachsenen mit geringem Selbstwert entwickeln. Chronische Überforderung durch ein zu hohes Maß an Verantwortung wirkt sich negativ auf Kinder aus.

Deswegen bereitet mir der heutige Trend zur partnerschaftlichen Erziehung Bauchschmerzen.

Wenn wir unsere Kinder als „Partner“ behandeln, so rauben wir ihnen ihre Kindheit. Wir entziehen uns dadurch unserer Verantwortung und legen diese dem Kind auf. Es soll Entscheidungen treffen, für die es noch gar nicht reif ist. Das überfordert es dauerhaft, was seiner aktuellen und zukünftigen gesunden Entwicklung abträglich ist.

Den Druck, perfekt zu sein, loslassen.

Der englische Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott prägte Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff der sogenannten „good enough mother“, also der „ausreichend guten Mutter“. Damit ist gemeint, dass Kinder keine perfekte Mutter (respektive Vater) brauchen, sondern eine Mutter, die „ausreichend gut“ ist, um die Bedürfnisse ihres Kindes zu befriedigen. Nur so kann es, laut Winnicott, dem Kind zum gegebenen Zeitpunkt auch gelingen, sich auf natürliche Weise von seiner Mutter abzulösen, um die von ihm zu erfüllenden Aufgaben selbst bewältigen zu können.

Anstatt uns an irgendwelche vorgefertigten Erziehungsstile anzupassen und kategorische Regeln zu befolgen, die angeblich bei jedem Kind wirken, sollten wir also diesen Druck, perfekte Eltern sein zu wollen, los- und uns lieber auf unser Kind einlassen. 

Die Welt, in der wir leben, ist bekanntlich nicht perfekt. Wir Eltern sind es auch nicht und sollen es auch nicht sein wollen. Echt und greifbar zu sein, Fehler zu machen und zu selbigen zu stehen – das ist viel besser als „perfekt“ zu sein. Wichtig ist, dass wir authentisch bleiben und das, was wir von unseren Kindern erwarten, auch selbst vorleben. So, wie wir wollen, dass unsere Kinder sich verhalten, sollten wir es zuerst selbst tun!

Was sagt der Bauch?

Eine wesentliche Rolle in der Erziehung und somit in der Eltern-Kind-Beziehung spielt meiner Meinung nach, die Intuition. Heute fällt es vielen Eltern schwer, Zugang zu selbiger zu finden. Wir sind ständig von anderen Menschen umgeben, die alle irgendwelche, oft festgesetzten, Meinungen haben und diese gerne kundtun.

Sobald ein Kind da ist, wird man als Mutter oder Vater regelrecht bombardiert mit den Meinungen anderer (zumeist) Eltern. Doch nicht jeder, der selbst Kinder hat, ist allein deshalb automatisch Experte in Sachen Kindererziehung. Jemand, der die eigenen Erfahrungen direkt auf die Erziehung eines anderen Kindes umlegt, bestätigt damit nur, dass er in Wahrheit wenig Ahnung von der Materie hat.

Ich habe im Laufe meines Mamadaseins gelernt, Ratschläge und Meinungen in Bezug auf das Thema Kindererziehung sehr bewusst zu filtern. Ich nehme das, was ich als richtig, gut oder sinnvoll erachte, für mich mit – all das, was aber nicht mit meiner eigenen Meinung oder meinem Bauchgefühl vereinbar ist, lasse ich einfach so stehen.

Ich picke mir sozusagen von überall die Rosinen für meine eigene Erziehungsweise heraus.

Doch genau darum geht es auch bei der Intuition: sich eben nicht ständig durch andere Meinungen oder Aussagen verunsichern zu lassen. Wenn wir stattdessen lernen, wieder mehr auf unser Bauchgefühl zu hören, so werden wir nicht nur unabhängig von den Meinungen anderer Menschen, sondern gewinnen auch mehr Sicherheit in Hinblick auf die Art und Weise, wie wir unser Kind erziehen wollen. Und wir tun automatisch auch das jeweils „Richtige“ – oder besser gesagt: das, wofür wir uns dann entscheiden, kann nicht grundsätzlich falsch sein!

Mein Fazit: Intuition und Authentizität anstelle rigider Erziehungsstile

Ich sehe so viele Eltern, die sich angesichts dieser Flut an Erziehungsströmungen kaum noch zurecht finden, die sich verirren und beeinflusst fühlen durch all diese Meinungen, die in tausend Richtungen tendieren und allesamt behaupten, „es“ zu wissen.

Pickt euch eure Rosinen aus dem Kuchen!

Ich selbst habe schon aufgrund meiner Ausbildung viel zum Thema Erziehung gelesen und gehört und manche Richtungen für mich als eher sinnvoll auserkoren, während ich andere, meinen eigenen Anschauungen zuwider laufende Strömungen für mich ausschließe.

Ich persönlich finde, dass Maria Montessori, Jesper Juul, Rebecca Wild, Remo H. Largo, Jan Uwe Rogge und noch einige andere herausragende Pädagoginnen und Pädagogen mehr in vielen Standpunkten sehr vertretbare Ansätze bringen. Meine Erziehungsweise ist durch viele ihrer Gedanken beeinflusst. Wohlgemerkt: beeinflusst, aber nicht bestimmt.

Ich warne Eltern heute davor, sich zu sehr auf die Meinung irgendwelcher Ratgeber oder Experten zu fokussieren.

Nicht alles, was Herr Juul oder Frau Montessori und all ihre Vertreter sag(t)en, können wir 1:1 auf die Erziehung unseres Kindes umlegen. Dies ist weder sinnvoll noch möglich, denn sowohl wir Eltern als auch unsere Kinder sind individuelle Wesen mit eigenen Persönlichkeitsstrukturen, Erfahrungen und Anschauungen. Uns zu sehr auf irgendwelche vorgefertigten Erziehungsstile zu beschränken, widerspricht unserer Natur, macht uns zu Marionetten einer künstlichen Erziehung, die letztendlich nichts oder kaum mehr etwas mit kindgerecht und bindungsorientiert zu tun hat.

Stattdessen ist es meiner Ansicht nach wichtig, dass wir auf unser Bauchgefühl vertrauen, unserem Herzen folgen und dabei menschliche Vorbilder bleiben, die greifbar sind, zu ihren Fehlern stehen und ihre Kinder mit Respekt behandeln. Bei Unsicherheiten ist es sinnvoller, sich an eine Expertin bzw. einen Experten zu wenden, die oder der die Familie persönlich beraten und begleiten und damit auf die Personen individuell eingehen kann anstatt Ratgeber und vorgefertigte Meinungen zu befolgen, die kategorisch denken (müssen) und niemals für alle Eltern und deren Kinder gelten können.

Alles Liebe,

Deine

Tamara_Schrift

 

Das Sterben der Hummel

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Neulich am Spielplatz fiel meinen kleinen Männern eine am Boden liegende Hummel auf, die sich seltsam bewegte. Erst rotierte sie wie betrunken im Kreis, dann wurden ihre Bewegungen langsamer, bis sie schließlich auf dem Rücken liegend verendete. Dieser ganze Prozess des Sterbens dauerte etwa 40 Minuten, in denen wir zu dritt daneben saßen, beobachteten und redeten.

Mein kleiner Mann dachte zuerst, die Hummel ruhe sich nur aus. Wahrscheinlich sei sie müde und hier sei ihre Couch, auf der sie sich zum Ausruhen hingelegt habe, meinte er. Mein kleinster Mann war ebenso fasziniert von dem, was er sah und hörte, redete seinem großen Bruder alles nach und suchte bei mir immer wieder Bestätigung für seine Annahmen. „Ist die Biene verletzt?“, wollte er immer wieder wissen. (Dass es sich hierbei um eine Hummel und weder um eine Biene, noch um eine Wespe handelte, war ein Irrtum, der sich durch die gesamte Konversation durchzog.)

Ich erklärte, dass die Hummel wohl verletzt oder krank sei, es ihr nicht gut gehe.

„Die Biene beißt!“, schrie mein Kleinster. Ihn hatte nur zwei Tage zuvor eine Hummel in den Fuß gebissen.

„Das ist eine Hummel!“, schrie darauf sein Bruder. „Die Biene beißt nicht, die sticht!“

Mein kleiner Mann wurde vor mehreren Wochen von einer Biene gestochen, auch diese schmerzvolle Erinnerung ist nicht vergessen. Er hat seitdem großen Respekt vor Bienen und allen fliegenden Tierchen, die so ähnlich wie Bienen aussehen. „Die sind böse, stimmt´s Mama?“ sagt er daher. „Nein, Bienen sind nicht böse.“, antworte ich. „Sie haben einfach Angst und dann stechen sie. Stell dir mal vor, wie groß wir in ihren Augen sind. Würden wir auf solche Riesen treffen, würden wir auch stechen, wenn wir könnten.“ Das leuchtet ein, Verständnis ist in seinem Gesicht zu erkennen.

Nebenher werden die Bewegungen der Hummel immer langsamer, nur noch an ihrem Körper ist eine schwache Atembewegung zu erkennen.

„Nicht draufsteigen!“ wird zwischendurch immer wieder von einem der beiden Jungs gebrüllt, was den jeweils anderen, der das Stückchen Wiese gerade zu durchqueren versucht, nervös nach der Hummel schauen und mitten im Gehen aufhüpfen lässt. Beide wissen: wir töten keine Tiere, sei es auch noch so ein kleines Insekt. Draufsteigen ist also Tabu.

Als es mit der Hummel sichtlich zu Ende geht, sind wir drei automatisch demütig ruhig und schauen zu. Schließlich stellen wir ihren Tod fest. „Das war schon eine Oma Hummel“, erklärt der Große dem Kleinen. „Die war schon alt.“

Als das Tierchen regungslos liegen bleibt, kommt mir eine Idee. „Wollen wir die Hummel jetzt begraben?“

Die Jungs sind begeistert dabei und so graben wir ein kleines Loch in die Kieselsteine, ich lege die Hummel hinein und wir schütten das Loch wieder zu. Ein winziger Ast mit einem Blatt dient als Kreuz. Ich spreche ein paar Abschiedworte und erkläre: „Jetzt ist sie im Hummel-Himmel.“

Daraufhin will mein Großer wissen, was den ein solcher sei und wieso man da hinkommt. Ich beantworte seine Fragen so gut ich kann, merke dabei aber auch, wie schwer es mir fällt, zu erklären. Es gibt also einen Himmel, wo wir nach dem Tod hinkommen. Gott ist auch da. Was macht er da? Warum werden wir dann begraben? Ist Gott in der Kirche gestorben? (Mein kleiner Mann weiß, dass es in der Kirche einen gewissen Mann am Kreuz gibt und hat daraus seine eigenen Schlüsse gezogen) Was macht Gott im Himmel? Fressen die Hummel jetzt die Ameisen?“ Fragen über Fragen ergeben sich in weiterer Folge und so philosophiere ich mit meinem 4jährigen Sohn über „Gott und die Welt“…

Dieses Erlebnis mag vielleicht klein und unbedeutend erscheinen. Ich habe dabei aber sehr viel Nähe zu meinen Kindern gespürt, wir waren alle drei voll und ganz hier, miteinander, haben gemeinsam erlebt. Es war ein schönes Gefühl. Die freudigen Gesichter meiner Kinder haben mein eigenes Gefühl widergespiegelt.

Diese Situation hat mir wieder gezeigt: wenn man sich auf die Welt der kleinen Leute einlässt, wird man in vielerlei Weise beschenkt!

Kommt dann eh kein Böser??

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Mein kleiner Mann liebt Geschichten von Räubern, Gespenstern, Monstern, Hexen und Helden. Er spielt gerne den Batman oder lässt seine Ritter die Burg gegen Eindringlinge verteidigen, bringt als Polizist die „Bösen“ ins Gefängnis und wenn es brennt, dann kommt er als Feuerwehrmann zum Einsatz.

Kinder beginnen mit ca. drei Jahren, sich intensiv mit ihrer eigenen Phantasie zu beschäftigen, sie zu entwickeln und stetig zu erweitern. Märchen und andere Geschichten, die magische Inhalte vermitteln und dabei noch genügend Spielraum lassen für eigene Phantasien, gewinnen nun an Bedeutung. Das Spielverhalten des Kindes verändert sich – so werden Rollenspiele wichtig, um Szenen aus dem Alltag oder aus Geschichten immer wieder „durchzuspielen“ und neu aufzurollen, und zwar so lange, bis das Kind sie vollständig verarbeiten konnte.

Diese magische Phase, die bis ins zehnte Lebensjahr hinein andauert, ist eine Zeit der Phantasie, der Magie und Zauberei. Monster und Gespenster werden als real erlebt, auch wenn es sie nur in Geschichten gibt. Rationales Beschwichtigen damit verbundener Gefühle ist ebenso unwirksam wie unangebracht. Es hilft dem Kind nicht, gesagt zu bekommen, dass es diese Monster nicht gibt. Tatsache ist, das Kind erlebt sie als existierend – ob nun in der Realität oder nur in seiner Phantasie macht dabei keinen allzu großen Unterschied.

Die kindlichen Ängste ernst nehmen

Es ist also wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass wir es ernst nehmen. Die Monster mögen zwar nicht real sein, die Ängste des Kindes jedoch sind es. Was zählt ist also, sie anzuerkennen und ihnen Raum zu geben.

Wenn das Kind von einem Monster oder ähnlichem spricht, kann es helfen, genauer nachzufragen: wie sieht es aus? Wie groß ist es? Welche Farbe hat es? Was macht es denn?

Auf diese Weise erfährt das Kind, dass es ernst genommen wird. Gleichzeitig werden viele Ängste kleiner, indem man ihnen einen Namen oder ein Gesicht gibt. Wir können das Kind auch dazu ermuntern, dass es sein Monster malt, wenn das verbale Beschreiben vielleicht schwer fällt.

Was wir jedoch vermeiden sollten ist, kindliche Ängste  mit Aussagen wie „da ist doch kein Monster“, „ist doch nicht schlimm“ oder ähnlichem abzutun.

Monsterfresserpuppe und Bösen-Falle

Es ist schon eine Weile her, dass ich mit meinem kleinen Mann zusammen eine Monsterfresserpuppe gebastelt habe. Sie liegt immer in seinem Bett und frisst – wie der Name schon sagt – alle Monster auf, die sich nächtens ins Kinderzimmer wagen.

Bei einem Gespräch mit ihm neulich erfuhr ich, dass es „die Bösen“ sind, die ihm zur Zeit am meisten zu schaffen machen – konkret: Diebe, Einbrecher und Räuber, die in unsere Wohnung eindringen könnten. Also haben wir gemeinsam überlegt und schließlich eine Falle gebaut: wir haben eine Schuhschachtel verziert, ein Loch in den Deckel geschnitten und mein Sohn hat noch einen Zettel drauf geschrieben: „Liebe Böse, hier habt ihr schönes Essen“ – ein Lockruf sozusagen 🙂

Dann noch einen Stein mit einem selbst erfundenen Zauberspruch belegt, in die Kiste gelegt – zusammen mit einer Decke aus Filz, denn wir wollen ja nicht, dass die Bösen es allzu ungemütlich haben und ein paar Süßigkeiten – und fertig war die Falle! Ach ja, zur Erklärung für alle, denen das Prinzip der Falle unbekannt ist: durch den Zauberstein werden die „Bösen“ klein wie eine Kartoffel und in die Kiste gezaubert, wo sie dann gefangen sind. Am nächsten Morgen können sie dann wieder in die Natur gelassen werden, denn – wie mein kleiner Mann feststellte – „die kommen dann nicht wieder“.

Kindern ihren eigenen Weg zur Angstbewältigung zugestehen

Wir können Kindern dabei helfen, ihre Ängste durchzustehen, sie dabei begleiten und bei Bedarf Trost spenden. Allerdings ist es auch wichtig Vertrauen in sie zu haben. Kinder finden ihren Weg, mit Ängsten fertig zu werden, auch wenn wir diesen oft nicht (gleich) verstehen können. So wie ein Kind seinen Kuschelhasen überall hin mitschleppt, wird ein anderes Kind zeitweilig einen imaginären Begleiter erfinden, wieder ein anderes braucht dafür den Schnuller noch ein Weilchen länger. Die Arten der Kinder, mit ihren Ängsten umzugehen, sind vielfältig und wertvoll. Deshalb sollten wir ihnen vertrauen und ihnen ihre eigenen Mittel und Wege lassen.

Fazit: Die Ängste von Kindern immer ernst nehmen. Vertrauen in die Kinder haben, sie dabei begleiten und ihnen ihren eigenen Weg mit ihrer Angst umzugehen, zugestehen.

Eure

Tamara_Schrift

Die frühkindliche Entwicklung

P1010620Jedes Kind bringt von Natur aus ein individuelles Repertoire an Genen mit, die nicht nur sein ganz spezielles (mit keinem anderen Menschen vergleichbares) Aussehen bestimmen, sondern auch seine ihm eigene Persönlichkeit. Während das eine Kind temperamentvoll, und extrovertiert ist, wird ein anderes ruhig und eher introvertiert geboren. Die Veranlagung ist also die Grundvoraussetzung, die das Kind mitbringt, um überhaupt erst entstehen zu können.

Die zweite Seite der Medaille macht die Umwelt aus, und hier im Besonderen die Eltern als primäre Bezugspersonen.

Veranlagung und Umwelt stehen in engem Zusammenhang.

Wir Eltern können uns nicht allein auf die Veranlagung berufen, wenn es um Erziehung geht. Ein Kind, das von Natur aus sehr impulsiv ist, braucht umso mehr die liebevolle Unterstützung seiner Eltern, um zu lernen, seine Gefühle in die richtigen Bahnen zu lenken.

Es gilt also, zu unterscheiden und abzuwägen: Persönlichkeitsmerkmale sind veranlagt, sie machen das Wesen des Kindes aus, das wir nicht verändern wollen (und können). Die Art und Weise aber, wie sich unser Kind in bestimmten Situationen verhalten soll, lernt es durch uns.

Wir Eltern schaffen für unser Kind die Umgebung, in der es seine Eigenschaften und Fähigkeiten möglichst gut entfalten kann. Körperliches und psychisches Wohlbefinden sind hierfür wesentliche Voraussetzungen, ebenso wie die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können.

Ein Kind, dessen körperliche Bedürfnisse ebenso wie das Grundbedürfnis nach Nähe und Zuwendung zuverlässig gestillt werden, und das in der Entwicklung seiner Selbständigkeit ausreichend gefördert wird, kann sich optimal entwickeln.

Einflussfaktoren für die kindliche Entwicklung

Laut einer wissenschaftlichen Studie der amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner aus den 1970er Jahren können sich folgende Faktoren auf die Entwicklung eines Kindes auswirken:

1. Risikofaktoren zum Zeitpunkt der Geburt:

  • Chronische Armut
  • Geringer Bildungsgrad der Mutter
  • Perinatale (=um die Geburt herum) Komplikationen
  • Entwicklungsverzögerungen
  • Genetische Anomalien
  • Psychologische Auffälligkeiten der Eltern

 2. Belastungsfaktoren:

  • Längere Trennung von den Eltern im 1. Lebensjahr
  • Erkrankung der Eltern
  • Behindertes Geschwisterkind
  • Abwesenheit des Vaters
  • Scheidung/Trennung der Eltern
  • Außerfamiliäre Unterbringung
  • Bei Mädchen: Schwangerschaft in der Adoleszenz

3. Protektive Faktoren:

  • Erstgeborenes Kind
  • Hohe Aktivität des Säuglings
  • Positives Sozialverhalten
  • Fähigkeit zur Selbsthilfe
  • Gute Kommunikation7
  • Ausgeprägte Interessen
  • Selbstkontrolle
  • Positives Selbstkonzept

4. Umgebung:

  • Viel Zuwendung
  • Positive Eltern-Kind-Beziehung
  • Weitere Bezugspersonen
  • Freunde
  • Geregelter und strukturierter Haushalt
  • Zusammenhalt in der Familie
  • Hilfe und Rat bei Bedarf (v.a. in der Adoleszenz)

Die eben genannten Einflussfaktoren können sich entsprechend positiv oder negativ auf die Entwicklung eines Kindes auswirken. In der Studie von Emmy Werner wurde auch festgestellt, dass manche Kinder sich trotz vielfältiger Risiko- und Belastungsfaktoren positiv entwickeln, was auf eine in diesen Personen vorhandene Resilienz zurückzuführen ist. Manche Menschen sind trotz widrigster Umstände nicht unterzukriegen, sie schaffen es unter schlimmsten Bedingungen, positiv und stark zu bleiben, und immer wieder aufzustehen, um aus negativen Erfahrungen zu wachsen. Sie sind regelrechte „Stehaufmännchen“ und scheinbar durch nichts kleinzukriegen. So kann es passieren, dass ein Kind, das etwa in chronischer Armut bei alkoholkranken Eltern in liebloser Umgebung als eines von zehn Kindern aufwächst, sich dennoch positiv entwickelt. Vielleicht weil es eine Tante oder eine andere zusätzliche Bezugsperson hat, die es auffängt und ihm eine ausreichende Stütze ist, um nicht im Elend zu versinken. Oder weil es ganz einfach die Fähigkeit besitzt, immer wieder in sich selbst die Kraft zu finden, das Beste aus seiner Situation heraus zu holen.

In der Regel aber verhält es sich doch so, dass das Zusammenspielen ungünstiger Bedingungen die Entwicklung eines Kindes negativ beeinflusst.

Die Pubertät, also die Phase zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr, ist eine besonders anfällige Zeit für Manifestationen psychotischer und neurotischer Erkrankungen, die oftmals erst später, im Erwachsenenleben, zum Ausdruck kommen.

In dieser Phase stehen die Jugendlichen vor der schwierigen Aufgabe, sich selbst neu zu finden und zu definieren, sie sind innerlich zerrüttet und müssen herausfinden, was ihr „Ich“ ausmacht, sich hierfür auch von den Eltern lösen. Gleichzeitig blühen die Hormone auf und sie müssen auch mit der Veränderung ihres Körpers umzugehen lernen. Es kommt einfach vieles zusammen – eine sehr schwierige und problembehaftete Zeit, aus der es gilt, möglichst unbeschadet hervorzutreten. Dies gelingt wohl am besten, wenn bereits von Anfang an möglichst günstige, positive Faktoren für eine entsprechend optimale frühkindliche Entwicklung gegeben waren.

Sind die Voraussetzungen für eine gesunde frühkindliche Entwicklung vorhanden, so ist damit auch eine optimale Basis für die gesamte weitere Entwicklung des Kindes geschaffen.

Ein Kind also, das sich bereits von Anfang an optimal entwickeln konnte, wird auch die Pubertät viel eher unbeschadet überstehen als ein Kind, dem es an dieser positiven Voraussetzung mangelt. Ein Kind, das sich nicht positiv entwickeln konnte und zusätzlich vielleicht noch die genetische Veranlagung zu einer psychischen Erkrankung mitbringt, wird in weiterer Folge mit höherer Wahrscheinlichkeit später psychisch erkranken als ein Kind, das sich (trotz vorhandener genetischer Veranlagung) positiv entwickeln konnte.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass eine möglichst positive Entwicklung in den ersten Lebensjahren das Fundament für das gesamte weitere Leben bildet. Was wir hier verabsäumen, lässt sich später nur schwer wieder gerade biegen. Ich behaupte nicht, dass Fehler A in den ersten drei Lebensjahren zu Störung XY im Erwachsenenalter führt. Ich möchte auch nicht den Druck, alles richtig zu machen, den wir Eltern ohnehin schon verspüren, unnötig erhöhen. Aber durch Bewusstwerden, WIE wichtig die ersten Lebensjahre eines Kindes sind und wie es sich in dieser Zeit entwickeln kann und soll, können wir unseren Blickwinkel im Alltag vielleicht doch ein wenig verändern. Möglicherweise fällt es uns mit diesem Hintergrundwissen doch das eine oder andere Mal leichter, innerlich auf Distanz zu gehen und mit dem dadurch gewonnen Abstand wieder besser auf unser Kind eingehen zu können.

Zum besseren Verständnis der kindlichen Entwicklung gehe ich an dieser Stelle auf einige Entwicklungstheorien ein.

Die Entwicklung des Selbst nach Daniel Stern:

Das auftauchende Selbst/die Welt der Gefühle (0 – 2. Monat):

Zu Beginn wird durch die Motorik und die Aktivität wahrgenommen, mit dem Ziel einer Verbesserung der Interaktion. Der Säugling möchte stimuliert werden, er bildet Muster und Erfahrungen. Das zentrale Entwicklungsthema in dieser Phase ist die Schaffung einer grundsätzlichen Ordnung in der Wahrnehmung und im Empfinden des Säuglings. Er erlebt sich als getrennt von der Umwelt, bekommt ein erstes Gefühl von Regelmäßigkeit und Ordnung. Wörter sind noch egal, wichtig aber ist deren Klang und Melodie.

Das Kern-Selbst/die Welt der direkten Kontakte (2. – 6. Monat):

Die zentrale Aufgabe in dieser Phase ist die spezifische, interpersonale Bezogenheit zu den primären Bezugspersonen herzustellen und ein aktives Gefühl der Gemeinsamkeit mit ihnen zu erleben. So kann das Gefühl des fortwährenden Seins erfahren werden. Das Gedächtnis ist bereits sehr aktiv. Die Erfahrung der Nachahmung lässt eine gewisse Gleichheit mit dem Gegenüber erkennen, wobei mit unterschiedlichen Gegenübern unterschiedliche Interaktionen möglich sind.

Zentrales Entwicklungsthema: das Kind erlebt sich bereits auch selbst als handelnd.

Das subjektive Selbst/die Welt der Gedanken (6. – 18. Monat):

Der Säugling entdeckt, dass er ein eigenes Seelenleben hat und dass das auch auf andere zutrifft. Das zentrale Entwicklungsthema dieser Zeit ist die Entdeckung, dass es seine Gedanken und Gefühle potentiell mit einem anderen Menschen teilen kann.

Das verbale oder narrative Selbst/die Welt der Wörter (18. – 30. Monat):

Der Erwerb der Sprache wird eingebunden, dadurch erlangt das Kind die Fähigkeit, das Selbst zum Objekt der Reflexion zu machen. Zentrales Entwicklungsthema: das Kind kann durch die Sprache über Dinge kommunizieren, die nicht da sind.

Die kindliche Entwicklung aus tiefenpsychologischer Sicht

Während Stern sein Augenmerk auf die Entwicklung des Selbst legte, zeigen die Entwicklungsphasen aus tiefenpsychologischer Sicht die kindliche Entwicklung aus einem anderen Blickwinkel. Sigmund Freud unterschied fünf Phasen der psychosexuellen Entwicklung, die jeweils durch bestimmte Entwicklungsschritte gekennzeichnet sind. In weiterer Folge ging er davon aus, dass ein verfehlter Entwicklungsschritt spezifische Folgen (im Erwachsenenalter) mit sich bringen würde.

Die fünf Phasen der psychosexuellen Entwicklung nach Freud:

 1. Orale Phase (erstes Lebensjahr)

In dieser Phase dreht sich alles um den oralen Lustgewinn. Das Kind nimmt jeden Gegenstand erst einmal ausgiebig in den Mund, um ihn zu erforschen und verstehen zu lernen. Es nuckelt an seiner Hand oder am Schnuller, um sich selbst zu beruhigen, hat generell ein sehr großes Saugbedürfnis.

Das Kind baut in dieser Phase Vertrauen auf. Ein Verfehlen dieses Entwicklungsschrittes erzeugt tiefes Misstrauen, was unter anderem Nährboden für primären Narzissmus sein kann.

2. Anale Phase (1-3 Jahre)

Hier findet das Kind durch Ausscheidung seiner Exkremente und schließlich durch deren Zurückhaltung Befriedigung. Das Thema Sauberkeit findet Einzug und ist vorherrschend, das soziale Miteinander und damit verbunden die Konfliktfähigkeit rücken in den Vordergrund. Das Kind lernt erstmals Autonomie.

Ein verfehlter Entwicklungsschritt, etwa durch Fehlverhalten der Eltern bei der Sauberkeitserziehung, kann das tiefe Gefühl von Zweifel oder Scham entstehen lassen.

Geiz, Pedanterie oder übertriebener Ordnungssinn können mögliche Folgen eines in dieser Phase verfehlten Entwicklungsergebnisses sein.

 3. Ödipale Phase (3-5 Jahre)

In dieser Phase richtet sich die Aufmerksamkeit des Kindes verstärkt auf den eigenen Körper. Das Kind lernt, Initiative zu übernehmen. Seine Triebwünsche äußern sich in der Regel im Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteiles, wobei sich das Kind am gleichgeschlechtlichen Elternteil orientiert, um die Geschlechterrolle übernehmen zu können.

Bleibt dieser Konflikt bestehen, so spricht man vom sogenannten Ödipus Komplex. Das Kind (bzw. später der Erwachsene) kann sich nicht ausreichend vom geliebten Elternteil lösen. Hier können Schuldgefühle entstehen und Probleme hinsichtlich der eigenen Geschlechterrolle oder Identifizierung mit dem anderen Geschlecht bis hin zur Liebesunfähigkeit.

 4. Latenzperiode (6-11 Jahre)

Hier geht es vor allem um den Erwerb verschiedener Fähigkeiten, um Leistung und Fleiß. Das Kind definiert sich vorwiegend über das, was es lernt.

Nicht überwundene Schwierigkeiten in dieser Phase können zu Minderwertigkeitsgefühlen führen.

5. Genitale Phase (12-18 Jahre)

Sexualität gerät in den Mittelpunkt. Sie wird auf außerfamiliäre Personen gerichtet und dient erstmals nicht mehr ausschließlich zur Lustgewinnung, sondern auch der Fortpflanzung. Die eigene Identität zu finden, ist ebenfalls wichtiges Thema.

Ein verfehlter Entwicklungsschritt in dieser Periode kann u.a. zu Identitätsverlust führen.


Eine weitere Entwicklungstheorie stammt von Erik Erikson, die eine Weiterführung von Freuds Phasentheorie ist. Sie besteht nunmehr aus acht Stufen und beinhaltet eine soziale Dimension. Erikson unterteilt die kindliche (bzw. menschliche) Entwicklung in folgende Abschnitte:

  1. Urvertrauen vs. Urmisstrauen (erstes Lebensjahr):

In dieser Phase ist die Zuverlässigkeit und Qualität der primären Bezugsperson zentral, um ein grundlegendes Gefühl des Vertrauens aufzubauen (Urvertrauen). Dies gelingt, wenn die Bedürfnisse des Säuglings nach Nahrung, Fürsorge und Zuwendung regelmäßig erfüllt werden. Andernfalls entsteht ein zugrundeliegendes Gefühl von Misstrauen.

Ein solches Misstrauen kann in weiterer Folge chronische Trauerzustände, Depression und Rückzug auf sich selbst nach sich ziehen.

Wichtige Sozialpartner: Mutter (als primäre Bezugsperson).

  1. Autonomie vs. Scham (2. und 3. Lebensjahr):

Die Lösung von der primären Bezugsperson wird durch neue Fähigkeiten des Gehens, Sprechens und der Stuhlkontrolle ermöglicht. Das Kind erlangt dadurch Autonomie.

Wird in dieser Zeit der kindliche Wille permanent gebrochen, so führt dies zu Scham und Selbstzweifel und verhindert die Entwicklung von Autonomie und Selbstkontrolle.

Wichtige Sozialpartner: Eltern.

  1. Initiative vs. Schuldgefühle (3-6 Jahre):

In dieser Phase kommt es zur systematischen Erkundung der Realität. Dadurch lernt das Kind Initiative und Selbständigkeit zu erwerben. Es muss dabei lernen, dass einige Dinge nicht erlaubt sind, weil Interessen der Familienmitglieder betroffen sind. Der eindringenden Initiative folgt die Schuldangst – diesen Konflikt kann das Kind lösen, indem es sich mit der betreffenden Person identifiziert. Idealrollen werden ausprobiert.

Bei unzureichender Lösung dieses Konflikts kann es später u.a. zu Übergewissenhaftigkeit oder Schuldkomplexen kommen.

Wichtige Sozialpartner: Familie.

  1. Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (6-12 Jahre):

Im Alter von 6 bis 7 Jahren lernt das Kind sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule, sich selbst nützlich zu machen und dadurch Anerkennung zu gewinnen. Das Kind lernt den Zusammenhang zwischen Ausdauer und Erfolg. Wird dieser ausgeprägte Werksinn des Kindes nicht ausreichend gefördert, entsteht ein Gefühl von Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit.

Ein Ungleichgewicht zwischen beiden Polen kann zu Arbeitsscheu aufgrund von Versagensängsten, verabsolutiertem Pflichtgefühl oder Arbeitsversessenheit führen.

Wichtige Sozialpartner: Lehrer, Peers.

  1. Identität vs. Identitätsdiffusion (12 – 20 Jahre):

Im Zentrum dieser Phase steht die Identitätsproblematik. Alle vorausgehenden Stufen lieferten die Elemente, die jetzt zusammen vereint werden müssen: Vertrauen, Autonomie, Initiative und Fleiß.

Der Jugendliche muss seine Identität finden und sich hierfür von den Eltern lösen und gleichzeitig in den sozialen Gruppen verschiedene Identitäten ausprobieren.

Gelingt die Identitätsfindung nicht (ausreichend), so kann es später zu Problemen wie ewiger Pubertät, Ruhelosigkeit oder voreiliger Begeisterungsfähigkeit für große Veränderungen kommen.

Wichtige Sozialpartner: die Peer Gruppen.

  1. Intimität vs. Isolierung (20 – 40 Jahre):

Der junge Erwachsene muss intime Beziehungen und enge Freundschaften entwickeln, um nicht in die Isolation zu geraten.

Dies gelingt dann, wenn davor die eigene Identität geklärt wurde. Am wichtigsten sind Liebesbeziehungen, die auf Bindung und geteilter Identität beruhen. Bei fehlender Ich – Identität kommt es häufig zu Angst vor intimen Beziehungen und vor Bindungen.

Nichtgelingen führt zu Isolierung und zur sozialen Distanzierung.

Wichtige Sozialpartner: Ehepartner/Lebensgefährten, enge Freunde.

  1. Generativität vs. Selbstabsorption (40 – 65 Jahre):

Hier geht es generell um das Interesse an der Erzeugung und Erziehung der nächsten Generation. Elternschaft ist das wichtigste Ereignis in dieser Periode.

Ein volles Gelingen ist nicht immer möglich bzw. relativ. Es kann zu Gefühlen drohender Stagnation führen, wenn man Grenzen der eigenen Generativität zu spüren bekommt.

Wichtige Sozialpartner: Ehepartner/Lebensgefährte, Kinder.

  1. Integrität vs. Verzweiflung (ab 65 Jahren):

Im höheren Alter geht es vor allem darum, sein eigenes bisheriges Leben zu akzeptieren und als bedeutungsvoll anzusehen. Letztlich muss auch die Endlichkeit des eigenen Lebens (aufgrund des nahenden Todes) akzeptiert werden.

Wo diese Integrität nicht gelingt, kann es zu Abscheu vor anderen Menschen als auch vor sich selbst und seiner eigenen Geschichtlichkeit kommen. Enttäuschung und Verzweiflung sind dann vorherrschende Gefühle.

Diese beiden Entwicklungstheorien aus der Tiefenpsychologie veranschaulichen die vorherrschenden Themen der einzelnen Altersabschnitte. Sind wir Eltern und Erzieher uns der jeweiligen Entwicklungsphase bewusst, so können wir auch entsprechend einfühlsamer mit dem Kind umgehen.

Das Kind hat, wie sich unschwer erkennen lässt, laufend bestimmte Aufgaben zu meistern, um sich weiter entwickeln zu können. Es tut dies aus eigenem Antrieb heraus, braucht aber unseren Rückhalt und Unterstützung. Mit dem Verfehlen eines Entwicklungsschrittes kann es zu Problemen kommen, die sich möglicherweise auch erst viel später zeigen können. Ich betone an dieser Stelle noch einmal: es kann zu Störungen kommen.

Am Ende zählt das „Gesamtpaket“

Es spielen immer viele verschiedene Faktoren zusammen. Wenn die Ausgangsbedingungen für ein Kind ungünstig sind, weil es beispielsweise in eine lieblose Familie hineingeboren wird, und es kommen in weiterer Folge noch zusätzliche belastende Faktoren hinzu wie etwa Scheidung der Eltern und Fehlen einer stabilen Bezugsperson, so wird es für das betreffende Kind denkbar schwer sein, sich gesund und optimal zu entwickeln. Angefangen in der frühen Kindheit, über die Pubertät bis hin ins Erwachsenenalter.

Wir Eltern haben die Pflicht, die Bedingungen für eine möglichst positive Entwicklung unserer Kinder zu schaffen. Die Möglichkeiten, die wir dabei haben, sind natürlich individuell verschieden. Unsere soziale Herkunft, also die eigene Kindheit und Umgebung, in der wir aufgewachsen sind, die Erziehung, die wir genossen haben, bisherige Erfahrungen in unserem Leben, die Verhältnisse, Beziehungen und Strukturen, in denen wir heute leben… all das nimmt Einfluss darauf, wie wir mit unseren Kindern umgehen und sie erziehen. Nicht alle Faktoren sind beeinfluss- und veränderbar. Wie uns unsere Eltern als Kinder behandelt haben, können wir nicht ändern. Wenn wir etwa alleinerziehend sind und mit einem geringen Einkommen haushalten müssen, dabei oft überlastet sind und daher nicht entsprechend auf unsere Kinder eingehen können, so sind dies Faktoren, die sich oft nur schwer beeinflussen lassen. Wir können aber, den Umständen entsprechend, so weit als möglich ideale Bedingungen dafür schaffen und uns entsprechende Unterstützung von außen holen, damit sich unsere Kinder zu körperlich und psychisch gesunden Menschen entwickeln dürfen. Das sind wir ihnen schuldig und diese Aufgabe kann uns niemand sonst abnehmen.

Die Entwicklung unserer Kinder liegt in unseren Händen.

Tamara_Schrift

Vom Einfluss traumatischer Kindheitserlebnisse auf unsere Gesundheit

Bildergebnis für sorgenpuppeEs ist also inzwischen auch medizinisch erwiesen: Traumatische Kindheitserlebnisse wie körperlicher oder sexueller Missbrauch, Gewalt in der Familie, psychische Gewalt, psychische oder physische Vernachlässigung, Drogenmissbrauch der Eltern, Psychische Erkrankung der Eltern u.ä. haben nachhaltige Auswirkungen auf unsere gesamte Gesundheit. Und zwar für unser ganzes weiteres Leben.

So werden beispielsweise die Neigung zu Depressionen/psychischen Erkrankungen, ADHS, Drogenmissbrauch, Herz-Kreislauferkrankungen, Neigung zu Selbstmord, Krebs und noch viele weitere Erkrankungen bis hin zu Veränderungen in unserer DNA Struktur, mit traumatischen Erlebnissen in der Kindheit assoziiert. Diese medizinische Erkenntnis ist hilfreich, wenn es um die Diagnose und Therapie von Erkrankungen geht. Speziell im Kindesalter kann bei entsprechender Diagnostik und Behandlung sehr viel abgefangen und verbessert bzw geheilt werden. Leider ist die Medizin noch nicht so weit, diese Erkenntnisse in die Praxis um- und dort einzusetzen. Vielleicht sind wir aber zumindest langsam am Weg dahin. Es wäre uns und unseren Nachfahren zu wünschen.

Die amerikanische Kinderärztin und Forscherin Nadine Burke Harris hat zu diesem Thema einen sehr interessanten Vortrag gehalten, den du dir hier ansehen kannst. Es lohnt sich, reinzuschauen!

Tamara Jungbauer