Mag. Sonja Redl-Gerstenbräun: „Über Gefühle, Instinkte und die Stimmen von außen, die meinen, man solle alles anders machen“

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Mag. Sonja Redl (*1987) lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihren Hunden in Tirol. Sie hat Germanistik studiert und bis zur Karenz als Projektleiterin und Deutschtrainerin im Integrationsbereich gearbeitet. Sie beschäftigt sich seit der Geburt ihrer Tochter mir Themen wie Tragen, Stillen, Stoffwickeln und Bindungsorientierter Erziehung.

Sonja schreibt heute aus ihrer Sicht als Mama, worauf es in ihren Augen ankommt in der Kindererziehung und welche Erfahrungen sie selbst in ihrer Mutterrolle bisher gemacht hat.

Danke dafür, liebe Sonja!


Über Gefühle, Instinkt und die Stimmen von außen, die meinen, man solle alles anders machen

Ich bin Mutter einer 10 Monate alten Tochter, die mir jeden Tag aufs Neue zeigt, wie einfach das Leben sein könnte, wenn wir unseren Instinkten und dem berühmt- berüchtigten Bauchgefühl öfter mal trauen würden.

Aber beginnen wir von Anfang an. Ich wurde schwanger. Freudig geplant, nach dem Studium, nach der Hochzeit – ehrlich, Hollywood hätte es nicht kitschiger und romantischer schreiben können – aber ich muss immer sehr lachen, wenn mir diese Idylle wieder bewusst wird, da mein Mann und ich definitiv die unromantischsten Menschen sind, die ich so kenne. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle auch kurz uns beschreiben, damit ihr euch ein Bild machen könnt. Er, DER Mann meines Lebens, ist beinahe zwei Meter groß, ordentlich tätowiert, fuhr, als wir uns kennenlernten, ein tolles Motorrad, hört ganz böse Metal- Musik und steht auf Horrorfilme. Ich, fast einen halben Meter kürzer, damals altersbedingt noch nicht bunt, selbiger Musikgeschmack und ziemlich nerdy, was Bücher betrifft. Wir kamen, sahen und die Liebe siegte- oder so ähnlich. Jedenfalls sind wir seit 11 Jahren ein ziemlich abgedrehtes, dafür aber umso glücklicheres Paar.

So…und vor beinahe 2 Jahren war es dann so weit- uns war langweilig, wir wollten nicht mehr ausschlafen, die durchzechten Nächte waren lange vorüber. Was also tun? Genau, wir planten Nachwuchs. Ende November zog Krümel in meinen Bauch ein, Ende August erblickte dann die kleine Hexe mit einiger Verspätung das Licht der Welt und stellt seither alles auf den Kopf.

In unserem Freundeskreis war ich so ziemlich die erste, die diesen neuen Lebensabschnitt erleben durfte. Das Glück war mir hold, ich erlebte eine wundervolle, störungsfreie Schwangerschaft, eine Woche nach dem errechneten Termin unternahmen wir noch (mit Baby im Bauch, versteht sich) eine kleine Wanderung – ich war also bis zum Schluss absolut fit und guter Dinge. Keine nervigen Anrufe von Verwandten und Freunden, kaum gut gemeinte Ratschläge, kaum bemitleidende Blicke. Aber warum ging es mir genau so und nicht anders? Viele der Frauen, die ich in diversen Kursen für Schwangere traf, waren genervt, genervt und nochmal genervt – von allen Seiten wurde auf sie eingeredet, „tu‘ dies, lass‘ jenes…“ – viele von euch werden das vermutlich auch kennen.

Was lief bei mir eigentlich falsch? 😉 Es war eigentlich ganz einfach. Ich lernte schon während der Schwangerschaft das Prinzip des selektiven Hörens anzuwenden (übrigens auch sehr beliebt bei Kindern und/oder Männern, die diverse Hausarbeiten verrichten sollen 😉 ). Wann immer mir jemand was über die Schrecken der Geburt erzählte, wurde ich sozusagen taub. Manchmal sagte ich auch deutlich, dass mich das einfach nicht interessiert und ich es nicht hören will.

Ich freute mich auf die Geburt. Ich las in der Schwangerschaft kein einziges Buch darüber, zog keinen Ratgeber zur Rate, hörte auf keinen der selbsternannten Experten, die immer und überall ungefragt ihre Meinung kundtun müssen. Ich vertraute auf mich. Auf meinen Körper. Mein Körper ist dazu geschaffen, Kinder zu gebären. Punkt, aus, ENDE. So einfach war das. Ich war und bin der festen Überzeugung, dass mein Körper mir zeigt, was ich wann zu tun habe.

So geschah es dann auch. Ich hatte einen vorzeitigen Blasensprung, bis die Geburt in Gang kam, vergingen fast 24 Stunden. Weitere sechs Stunden später war unsere Hexe in meinen Armen – unkompliziert, ohne Interventionen – einfach so. Es war also genau so gekommen, wie ich mir das auch vorgestellt habe – mein Körper leitete meinen Geist an – oder umgekehrt…wer weiß das schon so genau. Das kleine Wesen schlüpfte sanft und leise (ich war es eher weniger 😉 ), war innerhalb weniger Minuten dank gekonntem Hebammengriff an meiner Brust angedockt, nuckelte zufrieden vor sich hin und schlief ganz sanft ein, während rund um mich herum die Schweinerei beseitigt wurde.

Ja, ich wollte stillen – Gedanken hatte ich mir aber nie großartig darüber gemacht. Wird schon klappen, bin dafür gebaut. Und wieder kam es genau so. Stillstart ohne Schwierigkeiten, mein Kind stillte die ersten Wochen stundenlang und ich ruhte mich währenddessen aus. Es dauerte keine Woche, bis ich quasi wieder durchschlief, während die kleine Hexe zufrieden an der Brust hing.

Mittlerweile sind 10 Monate vergangen und mein Kind wird noch gestillt. Bestimmt bleibt uns die Stillbeziehung auch noch ein weiteres Jahr erhalten. Wir werden sehen, wie sich alles entwickelt – aber ich vertraue darauf, dass mein Kind weiß, was es braucht und sich irgendwann selbst abstillen wird. Ohne Zwang und Druck von außen.

Im Rückbildungskurs hörte ich oft erschöpfte Mütter jammern, weil ihre Babys nicht durchschliefen, sich nicht ablegen ließen, schlecht einschliefen – die ganze Palette an Problemen eben, die jede frischgebackene Mutter kennt. Meine Tochter wohnte sozusagen die ersten 8 Wochen im Tragetuch. Ich nahm sie überallhin mit, erledigte die Hausarbeit mit ihr im Tuch, legte sie kaum ab. Sie war zufrieden, ich war es auch – alles wunderbar, oder?

Das soll nicht heißen, dass wir keine Probleme hatten oder haben, immer alles wunderbar läuft , meine Tochter wie durch ein Wunder das bravste Kind der Welt ist oder ich die perfekte Supermama bin. Ganz im Gegenteil, auch bei uns läuft es manchmal unrund und es gibt Nächte, die mein Kind dauernuckelnd an der Brust verbringt. Allerdings erleichtern mir Tragetuch, Familienbett und Stillen das Leben erheblich. Wenn die kleine Hexe einmal Verstärkung an der Zwergenfront in Form eines Geschwisterchens bekommt, bin ich mir sicher, dass vor allem das Tragetuch mir die nötige Flexibilität verleihen wird, um sowohl dem Nähebedürfnis eines Neugeborenens als auch dem Spieltrieb einer 2-, 3- oder 4- jährigen nachkommen zu können. Möglicherweise etwas unausgeschlafen – denn sind wir uns ehrlich, den Schlaf, den wir als kinderlose Frauen hatten, bekommen wir wohl nie wieder zurück – aber man gewöhnt sich an weniger Schlaf und spätestens nach ein paar Wochen mit Baby findet man einen Rhythmus, um nicht nur zu überleben, sondern das Leben auch wieder zu genießen. Bis zum nächsten Schub oder zur nächsten Phase. Oder bis zum nächsten Zahn.

Mittlerweile ist sie natürlich höchst mobil und eine richtige wilde Hummel, aber auch sie hat Tage, an denen irgendwie so gar nichts klappt, sie nur getragen werden möchte, an der Brust hängt oder sonst einfach anhänglich ist. Ich bin ja in der glücklichen Position, zu Hause sein zu dürfen. Wenn sie also sehr viel Nähe braucht, bekommt sie die eben. Ich putze heute noch am liebsten mit ihr im Tragetuch auf dem Rücken (wer weiß, was ihr sonst so einfällt 😉 ).

So…und wenn ich das alles so erzähle, kommen wieder die Stimmen, die meinen „Um Himmels Willen, das Kind bekommst du NIE WIEDER aus eurem Bett“, „Waaaaas??? Ihr stillt immer noch???“, „Wie kannst du das Kind immer tragen?? Die wird später auch immer nur getragen werden wollen“ – ihr kennt bestimmt solche oder ähnliche Kommentare. Wisst ihr, was mir da unglaublich hilft? Sarkasmus. Ironie. Und zu guter letzt natürlich wieder selektives Hören 😉 .

Worauf ich hinauswill, ist einfach – hört auf euer Bauchgefühl und nicht auf das, was andere sagen. Wenn ihr das Gefühl habt, euer Kind möchte getragen werden- tragt es! Wenn ihr fühlt, dass euer Kind Nähe braucht – gebt sie ihm. Nicht die anderen kennen euer Kind – ihr selbst kennt es am allerbesten. Und ihr selbst müsst mit eurem Kind Tag für Tag leben. Hört auf eure innere Stimme, auf euer Bauchgefühl – vertraut eurem Instinkt und nicht irgendwelchen Erziehungsratgebern.

Es gibt Tage, da stoße ich an meine Grenzen. Da möchte ich nur ganz schnell weg, mal eine Stunde raus, ohne Kind – und garantiert hat an diesem Tag die Oma keine Zeit, der Mann ist außer Haus – es bleibt mir also nichts anderes übrig, als irgendwie damit klar zu kommen. Und gerade dann, wenn ich kurz vorm Durchdrehen bin, macht meine kleine Hexe irgendetwas so unfassbar Niedliches, dass alle Strapazen vergessen sind und ich sofort neue Energie habe.

Und wisst ihr was? Fast immer, wenn es bei uns irgendwie unrund läuft, habe ich irgendwo aufgeschnappt, dass man in dieser oder jener Situation irgendwas Bestimmtes machen (oder lassen) soll – und ich denke mir „na gut, vielleicht klappt es ja“ (denn leider bin ja auch ich nicht immer ganz frei von äußeren Einflüssen). Ratet mal? Klappt nicht. Jedes Mal, wenn ich nicht auf mein Gefühl höre, läuft es unrund.

Wir sind Mütter und wollen nur das beste für unsere Zwerge. So viel steht fest. Ob Stillen oder Flasche, Familienbett oder eigenes Zimmer, ob Tragen oder Kinderwagen – es spielt keine Rolle. Macht nur einfach das, was ihr für richtig haltet – und zwar nicht, weil es irgendwo steht, weil es irgendjemand sagt- sondern schlicht und einfach, weil ihr fühlt, dass es richtig ist.

Natürlich gibt es Tage, an denen alles schief läuft, man sich fragt, warum man sich das eigentlich antut, man sich einfach nur wünscht, das Kind würde endlich schlafen. Diese Tage kommen und gehen und werden uns alle durch die gesamte Kindheit begleiten. Normalerweise gehen solche Tage aber auch wieder vorbei. Wenn ihr wirklich mal nicht weiterwisst oder dauerhaft in der Krise steckt, dann holt euch bitte Hilfe. Sei es bei Oma & Opa, die euch durch einen kleinen Spaziergang mit dem Baby ein bisschen Zeit für Geschwisterkind/ Haushalt/ in Ruhe duschen verschaffen oder auch bei schwerwiegenderen Problemen, die nicht durch eine Stunde babyfrei gelöst werden können, wirklich professionelle Hilfe in Form von (je nach Problem) Hebamme, Stillberaterin, Schreiambulanz, Hausarzt, Psychologe. Was mir persönlich immer hilft, ist einfach mal kurz so richtig auskotzen bei gleichgesinnten Mamas. Mamas, die, wie ich, bedürfnisorientiert erziehen möchten – und manchmal merken, wie anstrengend das sein kann.

Ein Kind zu bekommen und zu erziehen ist kein Spaziergang. Es ist anstrengend, mühsam, schlafrauben. Zumindest zeitweise. Aber es ist auch das wundervollste, was ich bisher erlebt habe und ich hoffe, euch geht es auch so.

In diesem Sinne – genießt das Leben als MUTTER, genießt eure Kinder und lernt zu vertrauen – euch selbst und euren Kindern, denn sie wissen sehr wohl, was sie tun 🙂

Text und Foto: Mag. Sonja Redl-Gerstenbräun

Die Bedürfnisse unserer Kinder

20150418_144931Damit ein Kind sich wohlfühlt und ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln kann, benötigt es unter anderem Geborgenheit. Diese erfährt es, indem sein individuelles Bedürfnis nach körperlicher Nähe ausreichend gestillt wird. Die jeweiligen Bedürfnisse sind dabei nicht nur von Kind zu Kind unterschiedlich, sondern verändern sich auch mit jeder Entwicklungsperiode. Ein Kind, das im Kindergartenalter sehr schüchtern ist und viel körperliche Nähe seiner Bezugspersonen braucht, kann etwa im Schulalter wesentlich mehr Selbstbewusstsein und damit ein geringeres Bedürfnis nach Nähe zu seinen Eltern haben.

Neben der Geborgenheit spielen auch Zuwendung (weniger durch wortreiche Beteuerungen als vielmehr durch gemeinsames Erleben), soziale Anerkennung (das Gefühl, bedingungslos akzeptiert zu werden; mit der Zeit nimmt die soziale Anerkennung durch Gleichaltrige immer mehr zu), sowie die Möglichkeit, sich seinen körperlichen und psychischen Fähigkeiten entsprechend zu entwickeln und von sich aus etwas leisten zu können, eine entscheidende Rolle. Eltern, die auf die individuellen Bedürfnisse in eben genannten Bereichen hinreichend eingehen und ihr Kind nicht für seine Leistungen, sondern für seine (von ihm ausgehenden) Bemühungen und Anstrengungen loben, vermitteln ihm auf diese Weise das Gefühl,  bedingungslos geliebt zu werden.

Eine große Herausforderung dabei ist es zumeist, die kindlichen Bedürfnisse als solche überhaupt erst zu erkennen. Wir Eltern tragen intuitiv die Fähigkeit in uns, auf unser Neugeborenes einzugehen, uns ihm anzupassen und dadurch unsere Zuneigung zu ihm auszudrücken. Mit der Zeit verlieren aber viele Eltern das Gespür für die Bedürfnisse ihres Kindes und vertrauen mehr auf irgendwelche Ratgeber als auf ihre eigene Intuition. Dabei sind ihre Beobachtungsgabe und ihr Einfühlungsvermögen als Eltern die einzig wahren „Ratgeber“, wenn es um das Wohlergehen ihres Kindes geht.

Wie lassen sich die individuellen Bedürfnisse des Kindes feststellen?

Zunächst einmal können wir Eltern, wie bereits erwähnt, unser Kind genau beobachten. Bei der Sauberkeitserziehung etwa gilt es, genau darauf zu achten, ob es bereits von sich aus Interesse für das Thema zeigt. Möchte es mit uns Eltern mit auf die Toilette gehen? Kommentiert es, wenn es gerade in die Windel macht? Möchte es auch schon ohne Windel gehen wie sein älterer Bruder? Wenn ja, können wir Eltern langsam beginnen, ihm anzubieten, sich mal auf Klo oder Töpfchen zu setzen. Wenn es keinerlei Anzeichen gibt, dann ist das Kind noch nicht reif dafür, trocken zu werden und wir sollten mit diesbezüglichen Angeboten warten. Generell gilt, wenn wir uns dazu entschließen, ein Angebot zu setzen, so sollten wir genau darauf achten, wie das Kind darauf reagiert. Wenn es etwa durch Mimik oder Körperhaltung Ablehnung ausdrückt, so sollte uns dies bereits Antwort genug sein.

Nur wenn wir das Verhalten sowie die Bedürfnisse unseres Kindes ernst nehmen, kann dieses sich bedingungslos akzeptiert fühlen. Wenn es weint, möchte es nicht zu hören kriegen, dass sein Schmerz „eh nicht so schlimm“ sei. Wir nehmen die kleinen Leute nur dann ernst, wenn wir auf sie eingehen und da sind, ohne ihre Gefühle mit unseren eigenen Bewertungen zu brandmarken und herabzuwürdigen.

Um ein besseres Verständnis für die kindliche Entwicklung zu bekommen, ist es sinnvoll, sich entsprechende Kenntnisse darüber anzueignen. So können eventuelle falsche Erwartungen oder Vorstellungen verhindert werden.

Wie verhält sich mein Kind? Schläft es nachts unruhig, so könnte es sein, dass sein Schlafbedarf gedeckt ist und es hilft, des Tagesschlaf zu reduzieren. Zeigt es in gewissen Situationen immer ein ähnliches Verhalten, etwa mit aggressiver Tendenz? Hier könnte es helfen, genau zu beobachten, welche Situationen es sind, wo vielleicht Frustrationen im Kind entstehen, die es auf derartige Weise abbauen muss.

Ein Kind benötigt vertrauensvolle Bezugspersonen, die jederzeit verfügbar und in ihrem Verhalten beständig sind. Das elterliche Verhalten sollte dabei den individuellen Bedürfnissen und Eigenheiten des Kindes entsprechen. Das Kind muss das Gefühl haben, seine Eltern sind jederzeit da und geben ihm den nötigen Rückhalt, ohne es dabei aber einzuengen. Da, wo es entsprechende Kompetenz hat, darf das Kind selbst bestimmen. In jenen Bereichen, in denen das Kind noch nicht selbst entscheiden kann, liegt es an uns Eltern, die Verantwortung zu übernehmen. Kompetenzen zugestehen, wo das Kind noch nicht die entsprechenden Voraussetzungen in seiner Entwicklung dazu mitbringt, führt zu Überforderung.

Leider denken immer noch viele Menschen, Kinder könnten dadurch, dass man ihre Bedürfnisse ernst nimmt und auf sie eingeht, zu sehr verwöhnt werden. Das ist jedoch ein Irrtum. Nur wenn ihre Bedürfnisse angemessen befriedigt werden, können sie sich positiv entwickeln. Kinder, deren Bedürfnisse hingegen nicht ausreichend erfüllt werden, sind fordernd und in ihrem Verhalten auffällig.

Wenn die eigenen Umstände unzureichend sind, wird es umso schwieriger.

Überall da, wo die Bedürfnisse eines Kindes nicht ausreichend befriedigt werden, kann es zu verschiedenen Reaktionen beim Kind kommen. In erster Linie wird auf die Dauer das kindliche Wohlbefinden und sein Selbstwertgefühl beeinträchtigt. Werden seine Bedürfnisse weiterhin nicht erkannt und angemessen befriedigt, so kann das Kind, indem es aktiv versucht, auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen, Veränderungen in seinem Verhalten zeigen. Je nach individueller Veranlagung wird es dabei entweder ein auffälliges (beispielsweise aggressives) Verhalten, psychosomatische Symptome oder im Bereich seiner Entwicklung (oder Leistung) Einbußen aufweisen. Kinder, deren Bedürfnisse ausreichend Befriedigung erfahren, sind in der Regel glückliche Kinder, deren Erziehung weitgehend unproblematisch verläuft.

Es gibt verschiedene Risikofaktoren, die zu einer mangelnden Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse führen können. Armut, Krankheit oder Trennung der Eltern, übersteigerte Erwartungen, eigene ungünstige Kindheitserfahrungen, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Beziehungsprobleme, alleinerziehende Eltern, große Kinderzahl, fehlende Kontakte zu Gleichaltrigen, Über- oder Unterforderung in der Schule sind nur einige davon, die ich an dieser Stelle erwähnen möchte. Meist wirken mehrere solcher Risikofaktoren zusammen, verstärken sich mitunter gegenseitig und machen es den betreffenden Bezugspersonen somit außerordentlich schwer, sich angemessen auf das Kind einzulassen. In solchen Fällen ist es sicherlich ratsam, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Dem Kind zuliebe.

Doch auch wenn wir das Glück haben, von solchen ungünstigen Bedingungen verschont zu sein, haben wir dennoch viel zu tun, wenn wir unserer elterlichen Verantwortung gerecht werden wollen. Jedes Kind möchte sich aus einem inneren Drang heraus entwickeln. Kinder sind von Natur aus wissbegierig, neugierig und lernfreudig. Dabei bringt jedes kleine Wesen andere, individuelle, Voraussetzungen mit. Während ein Kind mit einem Jahr gehen kann, lässt sich ein anderes 20 Monate Zeit. Ein Kind spricht bereits mit zwei Jahren sehr viel, während ein weiteres mit drei Jahren erst langsam damit anfängt. Jedes Kind hat außerdem andere Begabungen, die im Laufe der Zeit zum Vorschein kommen. Es gibt kein Patentrezept für alle Kinder, das uns Eltern genau aufzeigt, wie sich die unterschiedlichen Bedürfnisse ausreichend befriedigen lassen. Wir Eltern haben die herausfordernde Aufgabe, bei unseren Kindern selbst herauszufinden, was sie zu welchem Zeitpunkt von uns benötigen. Unser Bauchgefühl, unser Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, jederzeit da zu sein, wenn unser Kind uns braucht, sind uns dabei wertvolle Begleiter.

„Es gibt keine problematischen Kinder, sondern nur problematische Eltern.“

(A.S. Neill)

Quelle: Remo H. Largo – Kinderjahre


Tamara Jungbauer