Wie wird man zum Attentäter? Der Versuch einer pädagogischen Herangehensweise.

Ich frage mich immer wieder, was einen Menschen zu solch schrecklichen Taten bewegt wie dem Attentat in Paris. Was geht in ihnen vor, wie sind sie dazu fähig, einen Schalter im Kopf umzulegen, um das Leid und den Tod anderer Menschen nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern sogar bewusst herbeizuführen?

Es handelt sich bei diesen Attentätern in der Regel um sehr junge Männer, die alles aufgegeben haben, um für eine große Terrororganisation zu kämpfen, zu töten und selbst ihr eigenes Leben zu opfern. Ich denke, das Hauptproblem liegt darin, dass diese Menschen nichts haben, was sie erst aufgeben müssten. Es sind junge Männer, die aus zerrütteten und armen Familienverhältnissen kommen, ohne Perspektive, ohne Sinn im Leben. Sie hatten nie etwas, haben nichts und sehen auch keinen Ausweg aus diesem miserablen Leben. Dann gibt es aber radikale, terroristische Gruppierungen, die zumindest eines versprechen können: Wir machen dich zu einem „Helden“. Mit uns kannst du es allen zeigen.

Denn das ist das einzige, was diesen Männern noch bleibt: Rache zu nehmen für das eigene misslungene Leben, für das eigene Versagen.

Ich habe vor zehn Jahren meine Diplomarbeit zum Thema „Schulamok und Friedenserziehung“ geschrieben und was sich dabei als wesentlichste Komponente hinsichtlich der Ursachen für Schulamok herausstellte, war vor allem folgendes: das Aufwachsen in einer Familie, die den Betreffenden nicht ausreichend ein Gefühl von Geborgenheit und Nähe vermitteln konnte (auch wenn nach außen hin alles „normal“ wirkte) und (daraus resultierend) soziale Probleme mit Gleichaltrigen, was in der Regel zu sozialem Rückzug führte und in weiterer Folge zu Rache- und Allmachtsphantasien. Die jungen Amokläufer sehen für sich keinen Sinn mehr im Leben, doch sie wollen nicht nur einfach still und leise von der Bildfläche verschwinden, sondern ihren eigenen Suizid damit „krönen“, dass sie andere Menschen mit in den Tod nehmen. So bekommen sie zumindest dieses eine Mal die Aufmerksamkeit, nach der sie sich ihr Leben lang gesehnt haben.

Traurig.

Dass so viele unschuldige Menschen ihr Leben dafür bezahlen müssen, dass andere sich für ihr eigenes verschandeltes Leben rächen können, ist schrecklich traurig.

Dass es (immer noch) so viele junge Menschen gibt, die nicht nur aus schlimmen Familienverhältnissen kommen, sondern denen der Staat, in dem sie leben, auch keine Perspektive bietet, dass es für sie jemals besser werden könnte, ist beschämend.

Leider gibt es viele Eltern, die ihren Kindern – aus welchen Gründen auch immer – keine glückliche Kindheit bieten können. Viele haben es selbst nicht anders erlebt und geben ihre eigenen Erfahrungen ihren Kindern weiter, oft sind die Umstände problematisch, manchmal liegt es schlichtweg daran, dass die Kinder zu wenig von dem bekommen, was sie wirklich brauchen oder zu viel von dem, was sie nicht brauchen. Die Aufgabe eines Staates sollte es sein, solche Missstände zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken.

Ich habe selbst viereinhalb Jahre in Brüssel gelebt und bin ein oder zwei Mal durch die berüchtigte Gegend „Molenbeek“ mit dem Bus gefahren. Ich muss ehrlich sagen, alleine würde ich mich dort nicht aus dem Bus steigen trauen. Dieser Stadtteil ist völlig heruntergekommen, die Häuser sind riesige Baracken mit fehlenden, mit Holz vernagelten oder sonstwie kaputten Fenstern. Es ist schmutzig, trist und farblos. Wie das Leben derer, die hier wohnen. Hierher führen immer wieder Spuren von Attentätern. Zufall? Ich denke nicht.

Wenn wir den Terror bekämpfen wollen, reicht es nicht aus, Terrororganisationen zu bekämpfen. Vielmehr sollten wir daran arbeiten, jungen Leuten, die es aufgrund ihrer Herkunft schon schwer genug im Leben haben, Perspektiven zu geben. Etwas, was ihnen Hoffnung gibt, dass sie es schaffen können, etwas aus ihrem Leben zu machen. Denn wenn wir es nicht schaffen, dann macht es eben Al-Qaida, der IS oder wie immer sie sich nennen wollen.

 

Im Gedenken an all die Opfer von Attentaten weltweit.

 

Tamara Jungbauer

Ein Gedanke zu „Wie wird man zum Attentäter? Der Versuch einer pädagogischen Herangehensweise.“

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