Nadine Hilmar: „Da musst du keine Angst haben“

IMG_1315Nadine Hilmar, Betreiberin des Blogs Buntraum und selbst Mama zweier Kinder, ist die heutige Verfasserin des Gastbeitrags zum Thema Ängste unserer Kinder im Zusammenhang mit medizinischen Untersuchungen und Eingriffen. Ein lesenswerter Artikel, der die Thematik sowohl aus der pädagogischen Perspektive als auch aus der Sicht einer liebevollen Mama beschreibt.

Danke, Nadine!


Da musst du keine Angst haben

Unlängst las ich in einem Forum die Sorge einer Mutter, dass ihr Kind – da es nun ja schon größer sei (6) – bei medizinischen Eingriffen und Untersuchungen genau wüsste, was auf es zukäme und wie sie ihm da die Angst davor nehmen könnte. Gedanken, die vermutlich viele von uns kennen. Sorgen, die uns ewig begleiten. Obwohl sie das gar nicht müssten.

Die Antwort auf diese besorgte Frage ist jedoch ganz einfach: Wir können unseren Kindern die Angst nicht nehmen. Weder die vor einer Spritze, noch die vor den Monstern unter dem Bett oder dem lauten Geräusch des Staubsaugers. Ängste sind etwas Natürliches und sie haben auch einen Sinn – sie beschützen uns. Sie sorgen dafür, dass wir in Gefahrensituationen aufmerksam sind und zögern, dass wir uns selbst stoppen und überlegen, was wir tun sollten. Sie fördern ganz natürlich unser lösungsorientiertes Denken – was tue ich nun? Wie schaffe ich meinen Weg durch diese Situation, die mir unheimlich ist? Und sie stärken unser Selbstvertrauen, denn wenn wir es schaffen hier und da unsere Ängste zu überwinden, so zeigt uns das, wozu wir fähig sind. Es stärkt uns in unserem Sein. Von daher ist es absolut wichtig, dass wir akzeptieren, dass Kinder Ängste haben und auch haben sollten. Dass es ihnen hilft und dass wir sie ihnen nicht nehmen dürfen. Was natürlich nicht heißt, dass wir sie damit sich selbst überlassen.

Was Kinder in angstvollen Situationen brauchen ist das, was sie eigentlich immer von uns brauchen: Unterstützung und Begleitung in ihrem Empfinden. „Du hast Angst.“ als Feststellung der Tatsache. Wahrnehmen und Annehmen, was ist. Wir sind oft geneigt zu sagen „Da brauchst du keine Angst zu haben.“ Weil wir wissen, dass unter dem Bett keine bösen Monster lauern. Wissen, dass Fiebermessen oder Abhören beim Arzt nicht wehtun und dass ein Röntgenapparat uns nichts tut. Aber wir müssen endlich lernen zu akzeptieren, dass diese Dinge unangenehm sein können, und dass es allein das ist, was ihnen Angst macht. Ein Stethoskop kann kalt sein, ein Arzt grob und das Fiebermessen im Ohr drücken. Der Raum, in dem wir uns dem riesigen Gerät über uns liegend ergeben müssen, ist kalt und steril. 

Jeder Mensch hat eine andere (Schmerz)Wahrnehmung und einer der der schlimmsten Sprüche der Kindheit lautet wohl: „Jetzt stell dich mal nicht so an!“ 

Was also tun, wenn ein Kind vor einem medizinischen Eingriff Angst hat und diese – auf welche Art auch immer – äußert? Wenn eine OP ansteht oder auch nur eine Impfung? Wie begleite ich, ohne die Angst zu stärken? Wichtig ist, dass wir ehrlich bleiben. „Ja, das kann wehtun. Und du darfst schreien dabei. Denn das ist unangenehm.“ Wenn die Kinder darauf vorbereitet sind, dass es weh tun kann, ist es für sie weniger schlimm, als wenn wir ihnen sagen, sie müssen sich nicht fürchten und am Ende werden sie überrascht von dem, was tatsächlich auf sie zukommt oder was eben doch zwickt, drückt oder kalt ist. Vor allem wenn wir das Personal nicht kennen und nicht wissen, wie sehr sie auf Kinder eingehen, ist es sinnvoll, die Kinder zu warnen, dass die Ärzte oft nicht wissen, was anderen weh tut und dass man ihnen das sagen kann. Im Notfall auch durch Schreien. 

Alle notwendigen Schritte eines Eingriffs können im Vorfeld besprochen werden. Dazu gibt es oft anschauliche Bücher und Arztkoffer. Aber wesentlicher als diese Vorbereitung ist die verständnisvolle und geduldige Begleitung unsererseits. Egal wie lächerlich oder unnötig uns das Schreien eines Kindes beim Gipswechsel oder Pflasterentfernen vorkommt. Es ist sein Empfinden in dem Moment und das wird nicht besser, wenn wir es belächeln oder runterspielen. Es gibt Menschen, die gehen problemlos, sogar gern zum Zahnarzt und es gibt Menschen, die fürchten sich davor. Und selbst wenn sie wollten, so können sie diese Angst nicht einfach ablegen. Egal wie oft ihnen jemand sagt, das sei doch alles gar nicht so schlimm.

Im Übrigen gilt all das auch für Babys und Kleinstkinder. Nur, weil sie sich nicht so in ihrer Angst artikulieren können, wie größere Kinder das tun, bedeutet das nicht, dass sie keine Ängste haben und dass sie nicht verstehen. Auch sie sollten auf eine Untersuchung genauso gut vorbereitet und währenddessen mit Worten und der Haltung, dass ihre Gefühle angenommen sind, begleitet werden. Denn je eher sie für ihre Emotionen und Gefühle Worte bekommen, umso besser können sie diese später selbst verwenden, um sich uns gegenüber zu äußern, aber auch, um selbst zu verstehen, was mit ihnen geschieht. Denn die Angst, gar nicht erst zu wissen, was ihnen bevorsteht, wenn sie eine Arztpraxis, ein Krankenhaus betreten werden, wenn die Eltern unentspannt und gestresst wirken, wenn sie nicht erklärt bekommen, was gerade im Ohr bohrt, was im Oberschenkel so piekst oder was kalt auf ihrem Bauch hin und her fährt, wie ein Ultraschallgerät das tut, ist für sie schlimmer, als die Unannehmlichkeiten, die es verursacht. 

Es mag uns schwer fallen, unseren Kindern ihre Ängste nicht nehmen zu können. Das ist ein natürlicher Instinkt, der in uns schlummert. Aber wenn wir verstehen, dass wir ihnen damit helfen, dass wir sie auf diese Art und Weise unterstützen und stärken, wird es uns bald viel natürlicher erscheinen und wir werden sehen, wie sehr sich dadurch die Beziehung zu unserem Kind intensiviert und nähert. 

weitere Texte zum Thema:

http://buntraum.at/2015/05/28/das-kann-weh-tun/

http://buntraum.at/2014/08/07/betaubt-heist-nicht-traumatisiert-wie-ich-mein-kind-durch-eine-op-begleiten-kann/

http://buntraum.at/2014/07/10/podcast-5-kinderangste/

Text und Fotos: Nadine Hilmar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.