Auch Kinder haben Rechte!

Im März 2015 wurde in Österreich ein Beschluss erlassen, der die uneingeschränkte Geltung der Kinderrechtskonvention der UN ermöglicht:

Karmasin: „Uneingeschränkte Geltung der Kinderrechtekonvention in Österreich ist richtiger Schritt“

Wien (OTS) – Mit dem heutigen Beschluss des Ministerrats zur Zurückziehung der Vorbehalte zu den Art 13, 15 und 17 des Übereinkommens über die Rechte des Kindes stellt die Bundesregierung die Weichen für die uneingeschränkte Geltung der Kinderrechtekonvention in Österreich.

„In zu vielen Ländern der Welt werden Kinderrechte immer noch nicht als das angesehen was sie sind: unverhandelbare Menschenrechte. Es gibt 2,2 Milliarden Kinder auf der Welt, also 2,2 Milliarden gute Gründe, uns für die Umsetzung der Kinderrechte einzusetzen. Daher freue ich mich besonders, dass Österreich nun alle Vorbehalte zurückgezogen und somit die uneingeschränkte Geltung der UN-Kinderrechtekonvention eingeführt hat“, verkündete Familien- und Jugendministerin Sophie Karmasin.

Die bei der Ratifikation der Kinderrechtskonvention abgegebenen Vorbehalte im Jahr 1992 bezogen sich auf die Meinungsfreiheit des Kindes sowie die Informations-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Die heute beschlossene Zurückziehung der Vorbehalte stellt ein erstes Ergebnis des im Jahr 2012 eingerichteten Kinderrechte-Monitoring-Prozesses dar und ist ein entscheidender Schritt zur umfassenden Implementierung der Kinderrechtekonvention in Österreich, wie vom UN-Kinderrechteausschuss in Genf wiederholt gefordert.

Mit der Zurücknahme der Vorbehalte wird nicht nur den wiederholten Empfehlungen des UN-Kinderrechtsausschusses, sondern auch dem evolutiv-dynamischen Charakter der Menschenrechte in Österreich Rechnung getragen. Dem entspricht auch die international vielbeachtete Verankerung der zentralen Grundsätze der Kinderrechtekonvention im Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern vom 20. Jänner 2011.

Verfassungsgesetzlich verankert sind darin insbesondere das Recht auf eine gewaltfreie Kindheit (Art. 5), das Recht des Kindes auf angemessene Beteiligung und Berücksichtigung seiner Meinung in seinen eigenen Angelegenheiten und das für die gesamte Rechts- und Sozialordnung geltende Kindeswohlvorrangigkeitsprinzip (Art. 1).

Damit die in Gesetzen verbrieften Rechte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern real Wirkung im Leben junger Menschen zeigen, ist in der allgemeinen Öffentlichkeit auch ein entsprechendes Bewusstsein für die Achtung der Persönlichkeitsrechte von Kindern und für ihren Schutz vor Übergriffen und Gewalt zu schaffen. „Ich möchte mit Bewusstseinsbildung darauf aufmerksam machen, dass wir zu gewaltfreier Erziehung in Österreich kommen. Jede und jeder von uns kann dazu beitragen – allein in dem er hinschaut anstatt wegzuschauen. Denn Gewalt darf niemals Teil der Erziehung sein. Die sogenannte „g’sunde Watschn“ ist niemals gesund sondern immer nur falsch und abzulehnen!“ betonte Karmasin abschließend.

(gefunden auf http://www.kinderrechte.gv.at/)

Diese Änderung ist gut und richtig. Kinder haben Rechte. Beispielsweise ein Recht auf Zuwendung, Respekt und seelisches Wohlbefinden. Denn diese Aspekte sind für das kindliche Überleben und die kindliche Entwicklung nach Remo H. Largo sogar NOCH wichtiger als das Stillen der rein körperlichen Bedürfnisse wie jenes nach Nahrung.

Kinder haben das Recht darauf, ohne Gewalt aufzuwachsen. Gewalt fängt dabei nicht erst bei Schlägen, Tritten oder sexuellem Missbrauch an. Wie Karmasin richtig sagt, ist auch schon die berüchtigte „g´sunde Watsch´n“ oder der „Klaps auf den Po“ eine Gewalthandlung und folglich abzulehnen (siehe auch Gewaltfreie Erziehung).

Es kann gar nicht oft genug betont werden. Gewalt hat in der Erziehung nichts zu suchen!!! Jeder Erwachsene, der Gewalt an einem Kind ausübt, macht sich strafbar! Leider gibt es noch keine exakte gesetzliche Abgrenzung, die bereits „kleinere“ Gewalthandlungen klar mit einschließt. Ich denke, und hoffe, auch das wird irgendwann geändert werden.

Das Problem ist heute immer noch, dass die Gesellschaft zumindest solche „kleineren“ Gewalthandlungen akzeptiert. Klar – jemand, der sein Kind quer über den Spielplatz prügelt, ist völlig unakzeptabel. Das zumindest sieht der Großteil der Erwachsenen inzwischen ein. Aber so eine kleine Ohrfeige, die schadet ja nicht… denken leider immer noch viele Menschen.

Noch vor ein, zwei Generationen war Gewalt in der Kindererziehung noch vollkommen akzeptiert. Kinder hatten zu gehorchen und die Eltern hatten die absolute Macht, was sie auch schlagkräftig demonstrierten. Inzwischen ist man sich zumindest in den Erziehungswissenschaften zum Glück weitgehend einig darüber, dass Gewalt dem Kind schadet und daher gänzlich abzulehnen ist. Viele unterschiedliche Richtungen vertreten heute diesen Standpunkt. Und dennoch gibt es immer noch viele Menschen, die an der „g´sunden Watsch´n“ festhalten.

Warum ist das so? 

Um dies zu verstehen, muss man weiter zurück gehen. Die Generationen vor uns wurden noch geschlagen und haben wiederum ihre eigenen Kinder geschlagen. Gewalttätiges Verhalten wird von Generation zu Generation weiter gegeben. Wer Gewalt erlebt, wird entweder selbstdestruktiv (also schadet sich selbst, indem er die seelischen Verletzungen verbirgt und mehr oder weniger gut damit fertig wird) oder wird selbst gewalttätig. Dass daher die Gewalt inzwischen in der Kindererziehung „ausgemerzt“ worden wäre, ist einfach unmöglich. Zu tief sind die Wurzeln, zu frisch immer noch die Wunden.

Wie aber lässt sich das elterliche Gewaltverhalten beeinflussen?

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich niemanden verurteile. Wie gesagt: Gewaltverhalten ist „erlernt“, also jemand, der sein Kind schlägt, hat es selbst so vorgelebt bekommen und wurde dadurch geprägt. In dieser Hinsicht sind die Täter immer gleichzeitig auch Opfer.

ABER: ich denke auch, dass Erwachsene – im Gegensatz zu Kindern! – die ausgereifte Fähigkeit besitzen, ihr aktuelles Verhalten zu reflektieren. Wir können uns bewusst machen, dass unser Verhalten nicht richtig ist. Immerhin wird heutzutage kaum jemand behaupten können, noch nie davon gehört zu haben, dass Gewalt Kindern nachhaltigen Schaden zufügt. Es ist also notwendig, sich selbst die eigenen Fehler bewusst zu machen und einzugestehen. Dies ist der erste und wohl wichtigste Schritt. Denn sobald dieser getan ist, ist auch die Bereitschaft zu Veränderung gegeben. Und dann kann man etwas tun, ggf. Hilfe in Anspruch nehmen und an sich arbeiten.

Leider sind viele Menschen (noch) nicht dazu bereit, sich ihre Fehler einzugestehen. Wenn ich Eltern höre, die behaupten, dass ihre Kinder ihnen „auf der Nase herumtanzen“, sie „vom Ungehorsam ihrer Kinder genug haben“ oder ähnliche Aussagen, so wird daraus eines ersichtlich: diese Eltern schieben die Verantwortung, die eigentlich bei ihnen liegt, auf ihre Kinder! Kinder werden nicht „böse“ geboren, sind nicht „ungehorsam“, weil sie uns Eltern quälen wollen. Kein Kind „reizt“ seine Eltern aus Bösartigkeit!! Es liegt IMMER in den Händen der Eltern, wie ein Kind sich verhält. Jedes Kind wird immer wieder mal Grenzen seines Verhaltens austesten, das ist gut und wichtig für ihre Entwicklung. Aber sie tun es nicht, weil sie uns Eltern den letzten Nerv rauben wollen.

Damit möchte ich nicht den Eltern die Schuld zuschieben für ihr eigenes Verhalten. Vieles, was unsere Kinder von uns lernen (und sie lernen ja bekanntlich in den ersten Lebensjahren fast ausschließlich durch Beobachtung), vermitteln wir ihnen unbewusst. Durch die Art und Weise beispielsweise, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Eltern sind sich also vieler ihrer Verhaltensweisen nicht einmal selbst bewusst.

Doch wenn ich mein Kind schlage, verletze ich es nicht nur körperlich und seelisch, sondern ich vermittle ihm dadurch gleichzeitig immer auch: Gewalt ist in Ordnung. Egal, ob ich verbal versuche, etwas anderes rüberzubringen. Die indirekte Message sitzt. Wenn ich von meinem Kind respektvoll behandelt werden möchte, so muss ich zuerst ihm Respekt zollen. Erwarte ich, dass mein Kind sich anderen Menschen gegenüber höflich und liebenswürdig verhält, so liegt es zuerst an mir, ihm dieses Verhalten vorzuleben. Insofern tragen wir Eltern also auch die Verantwortung für das Verhalten unserer Kinder.

Ich finde es fürchterlich traurig, wenn ich mitbekomme, wie manche Eltern ihre Kinder behandeln, die Schuld einzig beim Kind suchen und blind sind für ihre eigenen Fehler.

Ich bin keine Über-Mama, das habe ich nie behauptet. Ich habe auch meine Fehler, und ich stehe zu ihnen. Ich versuche meinen Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Gewalt lehne ich strikt ab – auch die sogenannte „g´sunde Watsch´n“. Ob ich eine gute Mutter bin, können nur meine Söhne beurteilen. Aber ich denke, ich bin gut genug. Ich übernehme meine Verantwortung und versuche, meinen Kindern eine glückliche Kindheit zu ermöglichen, auf die sie mit Freude zurückblicken können, wenn sie selbst erwachsen sind.

Ich bin der Meinung, dass alle Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Doch das Beste zu wollen und dieses Beste in ein entsprechendes (Erziehungs-) Verhalten umzusetzen sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Es geht mir nicht darum, mit dem Finger auf Eltern zu zeigen oder jemanden zu verurteilen. Alle Eltern lieben ihre Kinder. Doch nicht alle können diese Liebe in der Form zum Ausdruck bringen, die gesund für das Kind ist.

 

 Tamara Jungbauer

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