Die Bedürfnisse unserer Kinder

20150418_144931Damit ein Kind sich wohlfühlt und ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln kann, benötigt es unter anderem Geborgenheit. Diese erfährt es, indem sein individuelles Bedürfnis nach körperlicher Nähe ausreichend gestillt wird. Die jeweiligen Bedürfnisse sind dabei nicht nur von Kind zu Kind unterschiedlich, sondern verändern sich auch mit jeder Entwicklungsperiode. Ein Kind, das im Kindergartenalter sehr schüchtern ist und viel körperliche Nähe seiner Bezugspersonen braucht, kann etwa im Schulalter wesentlich mehr Selbstbewusstsein und damit ein geringeres Bedürfnis nach Nähe zu seinen Eltern haben.

Neben der Geborgenheit spielen auch Zuwendung (weniger durch wortreiche Beteuerungen als vielmehr durch gemeinsames Erleben), soziale Anerkennung (das Gefühl, bedingungslos akzeptiert zu werden; mit der Zeit nimmt die soziale Anerkennung durch Gleichaltrige immer mehr zu), sowie die Möglichkeit, sich seinen körperlichen und psychischen Fähigkeiten entsprechend zu entwickeln und von sich aus etwas leisten zu können, eine entscheidende Rolle. Eltern, die auf die individuellen Bedürfnisse in eben genannten Bereichen hinreichend eingehen und ihr Kind nicht für seine Leistungen, sondern für seine (von ihm ausgehenden) Bemühungen und Anstrengungen loben, vermitteln ihm auf diese Weise das Gefühl,  bedingungslos geliebt zu werden.

Eine große Herausforderung dabei ist es zumeist, die kindlichen Bedürfnisse als solche überhaupt erst zu erkennen. Wir Eltern tragen intuitiv die Fähigkeit in uns, auf unser Neugeborenes einzugehen, uns ihm anzupassen und dadurch unsere Zuneigung zu ihm auszudrücken. Mit der Zeit verlieren aber viele Eltern das Gespür für die Bedürfnisse ihres Kindes und vertrauen mehr auf irgendwelche Ratgeber als auf ihre eigene Intuition. Dabei sind ihre Beobachtungsgabe und ihr Einfühlungsvermögen als Eltern die einzig wahren „Ratgeber“, wenn es um das Wohlergehen ihres Kindes geht.

Wie lassen sich die individuellen Bedürfnisse des Kindes feststellen?

Zunächst einmal können wir Eltern, wie bereits erwähnt, unser Kind genau beobachten. Bei der Sauberkeitserziehung etwa gilt es, genau darauf zu achten, ob es bereits von sich aus Interesse für das Thema zeigt. Möchte es mit uns Eltern mit auf die Toilette gehen? Kommentiert es, wenn es gerade in die Windel macht? Möchte es auch schon ohne Windel gehen wie sein älterer Bruder? Wenn ja, können wir Eltern langsam beginnen, ihm anzubieten, sich mal auf Klo oder Töpfchen zu setzen. Wenn es keinerlei Anzeichen gibt, dann ist das Kind noch nicht reif dafür, trocken zu werden und wir sollten mit diesbezüglichen Angeboten warten. Generell gilt, wenn wir uns dazu entschließen, ein Angebot zu setzen, so sollten wir genau darauf achten, wie das Kind darauf reagiert. Wenn es etwa durch Mimik oder Körperhaltung Ablehnung ausdrückt, so sollte uns dies bereits Antwort genug sein.

Nur wenn wir das Verhalten sowie die Bedürfnisse unseres Kindes ernst nehmen, kann dieses sich bedingungslos akzeptiert fühlen. Wenn es weint, möchte es nicht zu hören kriegen, dass sein Schmerz „eh nicht so schlimm“ sei. Wir nehmen die kleinen Leute nur dann ernst, wenn wir auf sie eingehen und da sind, ohne ihre Gefühle mit unseren eigenen Bewertungen zu brandmarken und herabzuwürdigen.

Um ein besseres Verständnis für die kindliche Entwicklung zu bekommen, ist es sinnvoll, sich entsprechende Kenntnisse darüber anzueignen. So können eventuelle falsche Erwartungen oder Vorstellungen verhindert werden.

Wie verhält sich mein Kind? Schläft es nachts unruhig, so könnte es sein, dass sein Schlafbedarf gedeckt ist und es hilft, des Tagesschlaf zu reduzieren. Zeigt es in gewissen Situationen immer ein ähnliches Verhalten, etwa mit aggressiver Tendenz? Hier könnte es helfen, genau zu beobachten, welche Situationen es sind, wo vielleicht Frustrationen im Kind entstehen, die es auf derartige Weise abbauen muss.

Ein Kind benötigt vertrauensvolle Bezugspersonen, die jederzeit verfügbar und in ihrem Verhalten beständig sind. Das elterliche Verhalten sollte dabei den individuellen Bedürfnissen und Eigenheiten des Kindes entsprechen. Das Kind muss das Gefühl haben, seine Eltern sind jederzeit da und geben ihm den nötigen Rückhalt, ohne es dabei aber einzuengen. Da, wo es entsprechende Kompetenz hat, darf das Kind selbst bestimmen. In jenen Bereichen, in denen das Kind noch nicht selbst entscheiden kann, liegt es an uns Eltern, die Verantwortung zu übernehmen. Kompetenzen zugestehen, wo das Kind noch nicht die entsprechenden Voraussetzungen in seiner Entwicklung dazu mitbringt, führt zu Überforderung.

Leider denken immer noch viele Menschen, Kinder könnten dadurch, dass man ihre Bedürfnisse ernst nimmt und auf sie eingeht, zu sehr verwöhnt werden. Das ist jedoch ein Irrtum. Nur wenn ihre Bedürfnisse angemessen befriedigt werden, können sie sich positiv entwickeln. Kinder, deren Bedürfnisse hingegen nicht ausreichend erfüllt werden, sind fordernd und in ihrem Verhalten auffällig.

Wenn die eigenen Umstände unzureichend sind, wird es umso schwieriger.

Überall da, wo die Bedürfnisse eines Kindes nicht ausreichend befriedigt werden, kann es zu verschiedenen Reaktionen beim Kind kommen. In erster Linie wird auf die Dauer das kindliche Wohlbefinden und sein Selbstwertgefühl beeinträchtigt. Werden seine Bedürfnisse weiterhin nicht erkannt und angemessen befriedigt, so kann das Kind, indem es aktiv versucht, auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen, Veränderungen in seinem Verhalten zeigen. Je nach individueller Veranlagung wird es dabei entweder ein auffälliges (beispielsweise aggressives) Verhalten, psychosomatische Symptome oder im Bereich seiner Entwicklung (oder Leistung) Einbußen aufweisen. Kinder, deren Bedürfnisse ausreichend Befriedigung erfahren, sind in der Regel glückliche Kinder, deren Erziehung weitgehend unproblematisch verläuft.

Es gibt verschiedene Risikofaktoren, die zu einer mangelnden Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse führen können. Armut, Krankheit oder Trennung der Eltern, übersteigerte Erwartungen, eigene ungünstige Kindheitserfahrungen, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Beziehungsprobleme, alleinerziehende Eltern, große Kinderzahl, fehlende Kontakte zu Gleichaltrigen, Über- oder Unterforderung in der Schule sind nur einige davon, die ich an dieser Stelle erwähnen möchte. Meist wirken mehrere solcher Risikofaktoren zusammen, verstärken sich mitunter gegenseitig und machen es den betreffenden Bezugspersonen somit außerordentlich schwer, sich angemessen auf das Kind einzulassen. In solchen Fällen ist es sicherlich ratsam, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Dem Kind zuliebe.

Doch auch wenn wir das Glück haben, von solchen ungünstigen Bedingungen verschont zu sein, haben wir dennoch viel zu tun, wenn wir unserer elterlichen Verantwortung gerecht werden wollen. Jedes Kind möchte sich aus einem inneren Drang heraus entwickeln. Kinder sind von Natur aus wissbegierig, neugierig und lernfreudig. Dabei bringt jedes kleine Wesen andere, individuelle, Voraussetzungen mit. Während ein Kind mit einem Jahr gehen kann, lässt sich ein anderes 20 Monate Zeit. Ein Kind spricht bereits mit zwei Jahren sehr viel, während ein weiteres mit drei Jahren erst langsam damit anfängt. Jedes Kind hat außerdem andere Begabungen, die im Laufe der Zeit zum Vorschein kommen. Es gibt kein Patentrezept für alle Kinder, das uns Eltern genau aufzeigt, wie sich die unterschiedlichen Bedürfnisse ausreichend befriedigen lassen. Wir Eltern haben die herausfordernde Aufgabe, bei unseren Kindern selbst herauszufinden, was sie zu welchem Zeitpunkt von uns benötigen. Unser Bauchgefühl, unser Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, jederzeit da zu sein, wenn unser Kind uns braucht, sind uns dabei wertvolle Begleiter.

„Es gibt keine problematischen Kinder, sondern nur problematische Eltern.“

(A.S. Neill)

Quelle: Remo H. Largo – Kinderjahre


Tamara Jungbauer

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