Familie und der Staat

20150530_112750Als ich neulich in Rom war, habe ich gelesen, dass Italien eine sehr niedrige Geburtenrate aufweist. So bekommt dort heute im Schnitt eine Frau im gebärfähigen Alter nur 1,3 Kinder. Die typisch italienische Großfamilie ist also scheinbar Geschichte. Warum das so ist, lässt sich in erster Linie an der staatlichen Unterstützung für junge Familien erklären – an selbiger mangelt es nämlich an allen Ecken und Enden. Kindergeld bekommen nur Familien, die ein Jahreseinkommen haben, das unter 15.000€ liegt, der Mutterschutz wird nur zum Teil finanziell unterstützt, Väterkarenz kennen die Italiener überhaupt nicht und Krippenplätze sind nur für etwa 7(!)% aller Kinder unter drei Jahren vorhanden. Frauen müssen sich also entscheiden: Kinder oder Karriere. Beides ist hier kaum möglich. Unter derartigen Umständen Kinder in die Welt zu setzen, ist natürlich zu der ohnehin schon sehr anspruchsvollen Aufgabe des Elternseins eine enorme Herausforderung.

Während meines mehrjährigen Aufenthaltes in Brüssel konnte ich mir auch ein Bild davon machen, wie es bei den Belgiern mit der staatlichen Unterstützung junger Familien aussieht. Dort ist es üblich, dass Mütter innerhalb der ersten 3 Monate nach der Geburt wieder arbeiten – meist auch noch Vollzeit. Das Angebot an Krippen ist dementsprechend sehr hoch. Die staatliche Unterstützung im finanziellen Bereich ist dagegen dürftig. Es gibt so etwas wie Kindergeld, das jedoch kaum mehr als ein „Zuckerl“ ist. Auf der anderen Seite schlägt sich das Kinderkriegen positiv auf die Lohnsteuer aus, die mit jedem Kind etwas niedriger wird. Besser also als in Italien, aber auch nicht das non-plus-ultra, wie ich finde. Lieber möchte ich als Mutter zumindest die ersten zwei Jahre bei meinem Kind zuhause bleiben (was natürlich meist nur möglich ist, wenn es auch finanzielle Unterstützungen von staatlicher Seite gibt), als es schon mit ein paar Wochen in eine Krippe zu stecken. In Frankreich beispielsweise verhält es sich aber ganz ähnlich.

Wenn man sich hingegen Schweden anschaut, so zeigt sich ein komplett konträres Bild: dieses Land liegt im europäischen Vergleich sehr weit oben in der Geburtenrate, und das nicht ohne Grund. In diesem Land werden Familien vorbildlich vom Staat unterstützt: es gibt einkommensabhängiges Kindergeld, Elternurlaub (auch für Väter) und ein gut ausgebautes Kinderbetreuungsnetz. Eltern werden wirklich umfassend unterstützt, um ihren Kindern eine bestmögliche Betreuung zu garantieren.

Wir in Österreich liegen wohl irgendwo dazwischen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Italien bekommen wir sehr viel Unterstützung von staatlicher Seite. Es gibt das Karenzgeld, Kinderbetreuungsgeld und Familienbeihilfe. Das Kinderbetreuungsangebot ist breit gefächert und groß (wenn auch noch weiter ausbaufähig), in Wien gibt es die Möglichkeit eines kostenlosen Krippen- bzw. Kindergartenplatzes (auch wenn das Angebot bei weitem nicht für alle Kinder vorhanden ist), private Betreuungsplätze liegen meist in einem erschwinglichem Rahmen. In Brüssel kostet ein Ganztagesplatz in der privaten Krippe in etwa das Dreifache von einem gleichwertigen Platz in Wien. Auch in Deutschland sind Kinderbetreuungsplätze wesentlich teurer als in Österreich. Es geht uns in dieser Hinsicht also vergleichbar gut. Auch hinsichtlich der sonstigen finanziellen Unterstützungen junger Familien durch den Staat können wir eigentlich nicht klagen. Das Kinderbetreuungsgeld etwa ist ein Bonus, von dem viele Familien in anderen europäischen Ländern nur träumen können. Wo es aber sicherlich noch eines weiteren Ausbaus bedarf, ist die väterliche Karenz. Es gibt sie zwar theoretisch, aber in der Praxis ist es vielen Vätern einfach nicht möglich oder zu riskant, ihren Anspruch auf Karenz auszukosten. In zahlreichen Unternehmen wird es nach wie vor nicht gerne gesehen, dass ein Angestellter in Karenz geht. So ist vielen Vätern bewusst, dass eine Karenzzeit gleichzeitig einen Abstieg in ihrer Karriere mit sich bringen kann oder wird. Wobei ich auch gleichzeitig nicht außer Acht lassen möchte, dass auch Mütter sehr oft vor der Entscheidung stehen: Kind ODER Karriere. Beides zu vereinbaren ist auch heute noch eine enorme Herausforderung. Hier gibt es noch unglaublich viel zu tun auf politischer Ebene.

Zusammenfassend lässt sich wohl sagen, dass wir in Österreich durchaus gute Unterstützungen von staatlicher Seite erhalten. Einiges ist noch weiter ausbaufähig, manches muss sich noch ändern – im Großen und Ganzen geht es uns aber im europäischen Vergleich sehr gut.

Ich finde, Kinder in die Welt zu setzen ist an und für sich schon eine enorme Herausforderung. Die Leistung, die wir Eltern tagtäglich verrichten, ist enorm. Elternsein ist wunderschön, oft aber auch ganz schön anstrengend. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist Management allerhöchsten Levels.

Deshalb ist es ungeheuer wichtig, Unterstützung in Form von finanziellen Mitteln, guten Kinderbetreuungsangeboten, einem dichten Beratungsnetz, gleichwertiger Elternkarenz, eines gleichberechtigten Gehalts für Frauen und dergleichen bereitzustellen, sodass die Ausübung der elterlichen Rolle so weit wie irgend möglich erleichtert wird, anstatt sie noch zusätzlich durch belastende (politische) Rahmenbedingungen zu erschweren. Möchte ein Staat also eine höhere Geburtenrate, so muss er auch etwas dafür tun. Kinderkriegen ist eben kein Kinderspiel.

Fazit: Wir Eltern sind Helden. Das muss auch einmal gesagt werden.


Tamara Jungbauer

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