Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS)

ADHS ist eine hyperkinetische Störung, für die es in der Regel bereits vor dem 6. Lebensjahr erste Anzeichen gibt. Es handelt sich dabei um eine Art von Erkrankung, die sich oft nur schwer diagnostizieren lässt. Je stärker die Symptome, desto dringender ist der Behandlungsbedarf.

Laut Weltgesundheitsorganisation ist die Gesundheit eines Menschen „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“. In diesem Sinne ist ADHS dann behandlungsbedürftig, wenn die Ausprägung der Symptome zu einer deutlichen Beeinträchtigung im Leistungs- und Sozialbereich führen, der Betroffene darunter leidet oder gar weitere psychische Störungen (Suchtgefahr, Depressionen, Aggressivität) die Folge sein können.

Die Kernsymptome von ADHS sind Hyperaktivität, mangelnde Aufmerksamkeit und Impulsivität – wobei Ausprägung und Gewichtung individuell unterschiedlich sind.

ADHS liegt (nur) vor, wenn

  1. unaufmerksames und impulsives Verhalten mit oder ohne deutliche Hyperaktivität ausgeprägt ist
  2. nicht dem Alter und Entwicklungsstand entspricht und
  3. zu deutlicher Beeinträchtigung in verschiedenen sozialen Bezugssystemen und im Leistungsbereich von Schule und Beruf führt.

(Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder-und Jugendärzte e.V.)

Die Unaufmerksamkeit und Ablenkbarkeit, das (unbeabsichtigte) Abdriften in neue Gefilde zeigt sich in allen Lebensbereichen. Manchmal auch nur im Kopf. Irgendein Stichwort, und man ist mit den Gedanken völlig woanders und hört gar nicht mehr zu.

Das hyperaktive Verhalten ist anhaltend und kann durch Verbote oder den sozialen Kontext (d.h. wenn es in Situationen absolut nicht passt) kaum beeinflusst werden.

Wichtig ist, dass immer Alter, Reife und Temperament berücksichtigt werden. Für ein gesundes, junges, lebendiges Kind ist es „normal“, dass es sich gerne bewegt, springt und hüpft (auch auf den Betten oder über Tisch und Bänke).

Es kommt also nicht auf die „Wildheit“ an,

  • sondern auf die mangelnde Selbstkontrolle der Aktivitäten und
  • die Umtriebigkeit und Ziellosigkeit dabei und
  • dass das Verhalten im Bezug auf Alter und Entwicklung im deutlichen Missverhältnis steht.

Es geht hier um die Menschen, denen die altersentsprechende Impulskontrolle trotz guten Willens nicht gelingt und die dadurch in Schule, Beruf und Privatleben in große Schwierigkeiten kommen. Es geht um die, die immer ins gleiche „Fettnäpfchen“ treten und daran leiden.

Die Gefahr ist nur, dass durch die sozialen Folgen und Reaktion der Mitmenschen, sich zusätzlich noch weitere psychische Störungen einstellen.

Probleme, die sich für die Betroffenen im Alltag ergeben:

  • Einschlafprobleme
  • Stören im Unterricht
  • Krakelige Schrift, Ungeschicklichkeit
  • Permanentes Grenzen Austesten
  • Geringe Frustrationstoleranz
  • Lernschwierigkeiten, Schulprobleme
  • Mangelnde Ausdauer
  • Aufgedrehtsein
  • Soziale Beziehungsstörung  (Aggressivität, Angeberei, Überempfindlichkeit)
  • Entwicklungsverzögerung

Kinder mit ADHS zeigen aber auch eine Vielzahl positiver Wesenszüge:

Viele von ihnen haben

  • einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf andere bezogen
  • eine spontane, ausgesprochene emphatische Hilfsbereitschaft
  • eine ausgeprägte Offenheit für alles Mögliche
  • oft eine große Liebe zu Tieren und zur Natur
  • reagieren, wenn es wirklich drauf ankommt, prompt und meist souverän
  • erkennen übersensibel (und oft mit intuitiver Begabung) Stimmungen bei ihm bekannten Menschen (wenn sie nicht selbst übererregt sind)
  • sind harmoniebedürftig, mögen schöne Farben und Formen um sich herum
  • sind oft äußerst kreativ
  • haben häufig eine guten Orientierungssinn
  • sind oft begeisterungsfähig und schnell von etwas fasziniert
  • sind ist nach einem Streit nicht nachtragend, wenn sich der Streitpartner ernsthaft entschuldigt hat (auch noch nach Jahren!)

Aufstellung nach Cordula Neuhaus in „Lass mich, doch verlass mich nicht“

Jesper Juul hat zum Thema ADHS ein interessantes Interview in einem Standard Artikel gegeben. Er stellt dabei einen direkten Zusammenhang zwischen unserem oftmals gestressten Lebensstil sowie der Durchstrukturierung des kindlichen Alltags und der Entstehung von ADHS her. Dass Stress auch unsere Kinder krank machen kann halte ich für sehr wahrscheinlich. Viele Eltern glauben, dass sie die  Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringen oder die ihre Kinder als Freizeit erleben, komplett durchgeplant und organisiert werden muss. Von „freier Zeit“ bleibt für die Kinder dann oftmals kein Spielraum, um wirklich frei zu spielen, sich auch ab und zu mal zu langweilen, um Kreativität überhaupt erst entwickeln zu können.

Die Ursachen für ADHS sind noch nicht vollkommen erforscht. Hinsichtlich der Diagnose gibt es heute viel Skepsis – das Schlagwort „Modediagnose“ wird in diesem Zusammenhang sehr oft verwendet. ADHS als Diagnose gibt es schon seit langer Zeit; der Umstand aber, dass in den letzten Jahren scheinbar immer mehr Kinder unter dieser Störung leiden und oftmals mit Medikamenten behandelt werden, gibt vielen Menschen zu denken. Wie bereits erwähnt, ist eine entsprechende Diagnose nicht immer klar und eindeutig zu stellen. Nicht jedes zappelige, termperamentvolle Kind hat ADHS.

Auch hinsichtlich der Behandlung dieser Erkrankung gibt es unterschiedliche Therapieformen – von Psychotherapie, verhaltenstherapeutischen und aufmerksamkeitsfördernden Methoden bis hin zu medikamentöser Therapie. Ich habe vor einiger Zeit eine interessante Reportage auf 3Sat zu dem Thema gesehen. Hier findet sich der Link dazu.

Bestimmt ist für einige Kinder eine medikamentöse Therapie sinnvoll und notwendig. Ich frage mich aber, ob es nicht für viele Kinder sinnvollere Wege gibt, mit den Symptomen von ADHS umzugehen, ihre Aufmerksamkeit zu stärken und ihre Hyperaktivität in die richtigen Bahnen zu lenken. Die Reportage zeigt mehrere betroffene Kinder mit ihren Familien und die Wege, wie diese mit der Erkrankung umgehen und auf welche Art und Weise die Kinder behandelt werden.


Tamara Jungbauer

4 Gedanken zu „Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS)“

  1. Das Thema ist tatsächlich sehr spannend und man kann sich darüber sehr lange und ausgiebig unterhalten. Ich persönlich bin der Meinung,dass eine medikamentöse Behandlung als aller letzten in Betracht gezogen werden soll,wenn man all die anderen Möglichkeiten ausgeschöpft hat,um dem Kind zu helfen. Die Eltern sollten auf jeden Fall andere Methoden um den Kindern zu helfen probieren,bevor si anfangen,die Taschen der Pharma konzerne mit ihren Gelder voll zu stopfen. Ich werde nie behaupten,das die Medikamenten nicht nützlich sind und sie helfen und bringen den Menschen viel Erleichterung, sowohl bei den gesundheitlichen Zustand, aber auch beim Geldbeutel. Das ist allerdings, nur meine Meinung

  2. Danke für deine Meinung, Joisja5. Ich denke auch, dass die medikamentöse Therapie der letzte Ausweg sein sollte. In manchen Fällen sind Medikamente bestimmt sinnvoll und nützlich. In vielen Fällen gibt es aber sicherlich andere Therapiemethoden, die den Medikamenten vorzuziehen wären. Eltern betroffener Kinder sollten sich auf jeden Fall gut informieren, eine zweite und eventuell dritte Meinung einholen, bevor sie sich entscheiden, welche Art von Therapie sie für ihr Kind wollen.

    LG Tamara

  3. Hallo, den Beitrag hast du sehr gut geschrieben, Kompliment. Leider ist der Beitrag auf 3Sat nicht mehr verfügbar.
    In meinem Fall wurde ADHS erst mit 37 Jahren erkannt, es haben sich auf einmal so viele Mosaiksteine schlagartig zusammen gesetzt, aber auch neue Fragen kamen auf. Leider haben mich meine Eltern nie testen lassen als ich noch Kind/Jugendlicher war. Mir wäre möglicherweise vieles erspart geblieben, angefangen von Ausgrenzung, Mobbing und später Depressionen und andere Komorbiditäten. Mein Leben hätte nicht so qualvoll sein müssen wie es war.
    Wann speziell Eltern ihre Kinder medikamentös unterstützen hängt natürlich von der Schwere der Symptome und vom Alter ab. Ein Kind aber jahrelang mit Therapien zu quälen, teure Nahrungsergänzungsmittel ohne nachgewiesene Wirkung oder sonstigen esoterischen Hokuspokus auszuprobieren halte ich für unterlassene Hilfeleistung. Der Heranwachsende Mensch hat Recht auf eine wirkungsvolle Unterstützung. Das alles als ruhig stellen der Kinder mit Psychodrogen zu bezeichnen zeigt nur davon, dass man gut abschreiben kann was man in der Presse gelesen oder im TV gesehen hat. Gleichzeitig belegt es aber, dass man sich mit der Thematik ADHS NULL auskennt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.