Juhuuu, ich bekomme ein Geschwisterchen!!!

Meist sind Kinder voller Vorfreude, wenn sie erfahren, dass sie ein Geschwisterchen bekommen werden. Je nachdem, wie alt sie sind, werden sie sich mehr oder weniger konkrete Vorstellungen darüber machen können, was dies denn überhaupt bedeutet. Wirklich realisieren können sie es im Vorhinein aber nicht.

Sobald dieses kleine schreiende Bündel dann da ist und die wage Vorstellung zur Realität wird, mischt sich zur Freude aber bald auch schon ein anderes Gefühl: die Eifersucht. Diese kann stärker oder schwächer ausgeprägt sein, sich deutlich zeigen oder erst bei genauerem Hinsehen. Da ist sie aber, und das ist ganz natürlich. Das Kind ist schlicht und einfach traurig, dass es nun die Eltern teilen muss. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat dazu vor einiger Zeit einen interessanten Text im Standard verfasst. Hier kannst du selbst nachlesen.

Das Erstgeborene hat bis zum Zeitpunkt der Geburt des zweiten Kindes die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Eltern genossen, musste nicht teilen, nicht zurück stecken, war der Mittelpunkt der Familie. Von einem Tag auf den anderen aber ist plötzlich alles anders. Da kommt dieses winzige Wesen, nimmt speziell die geliebte Mama erst einmal voll in Beschlag, alle Menschen rundherum sind hingerissen von dem Zwerg und das Erstgeborene rückt automatisch etwas in den Hintergrund. Hier ist natürlich die Unterstützung der Eltern gefragt, die jetzt das Erstgeborene so weit als möglich mit einbeziehen, teilhaben lassen, ihm wann immer möglich Zeit schenken sollten. Für uns Eltern stellt sich also neben der Betreuung des Zweiten auch gleichzeitig die Herausforderung, das Erste bestmöglich zu integrieren. Das ältere Kind sollte regelmäßig auch Zeit allein mit Mama/Papa verbringen dürfen, sich an den täglichen Routineaufgaben so weit als möglich und je nach Interesse einbringen dürfen. So kann z.B. das Erstgeborene bei Pflegeaufgaben des Säuglings mithelfen, sein Geschwisterchen, so oft es dies wünscht, halten uvm. Auf diese Weise werden ideale Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das ältere Kind sich möglichst nicht benachteiligt fühlen muss.

Doch wie gesagt, ein gewisser Grad an Eifersucht ist völlig normal. „Es ist typisch für die Beziehung zwischen Geschwistern, dass negative und positive Gefühle gleichzeitig stark vorhanden sind“, sagt der Münchner Entwicklungspsychologe und Familienforscher Hartmut Kasten.

In den ersten zwei Jahren durchlaufen Geschwister drei Phasen: in den ersten ca. 8 Monaten lernen einander alle Familienmitglieder kennen. In der Zeit danach bis etwa zum 16. Lebensmonat entstehen erste Rivalitäten. Das Kleinere wird mobil und aktiver, kann inzwischen das Ältere auch stören – indem es beispielsweise die Bauklötze umwirft. Danach nimmt die Rivalität wieder ab, Streit hingegen kann es dennoch weiterhin geben.

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In der Regel ist es für uns Eltern oftmals eine Herausforderung, mit den Streitereien unserer Kinder angemessen umzugehen. Wenn mein kleiner Mann meinen kleinsten Mann bei jeder Gelegenheit piesackt, indem er ihm Sachen vorsätzlich wegnimmt, ihn stößt oder tritt, etc. sodass der Kleine schreit und weint, so kann ich nicht einfach nur wegsehen. Andererseits ist es auch wichtig, dass die Kinder ihre Streitereien selbst bereinigen. Ich kann auch nicht immer den Kleinen in Schutz nehmen, denn das würde die Eifersucht des Großen anspornen.

Ich denke, der Große muss spüren, dass er ein gewisses Privileg hat, weil er nun einmal älter als sein Geschwisterchen ist. Er darf eben schon manchmal andere Dinge tun, die dem Kleinen noch versagt bleiben. Er sollte aber nicht allein gewisse Aufgaben in der Familie übernehmen, denn das jüngere Geschwisterkind kann dem Alter entsprechend ab einer bestimmten Zeit ebenso seinen Beitrag leisten. Auf der anderen Seite ist der Kleine dem Großen von Natur aus noch unterlegen, daher ist es meine Aufgabe als Elternteil, einzuschreiten, wenn es ihm aus diesem Grunde nicht möglich ist, sich selbst zu verteidigen. Auch muss ich aufpassen, den Kleinen nicht zu sehr zu verhätscheln, weil er ja noch „so klein“ ist.

Wir Eltern müssen also ein Gleichgewicht finden im Umgang mit unseren Kindern. Dies schafft die beste Voraussetzung, damit die natürliche Rivalität nicht in maßlose Eifersucht ausartet.

Geschwister verbringen sehr viel Zeit miteinander, mehr Zeit noch als mit ihren Eltern. Sie beeinflussen einander daher auch mindestens genauso wie sie durch ihre Eltern beeinflusst werden. Zwischen 3 und 5 Jahren verbringen sie die meiste Zeit miteinander. In der Pubertät wird die Distanz zwischen den Geschwistern wieder größer, im jungen Erwachsenenleben – wenn jeder ins Berufsleben einsteigt, eine Familie gründet – wird die Distanz am größten, während in späteren Lebensjahren die meisten Geschwister wieder näher zueinander finden. Geschwister sind also ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Eine gute Beziehung zueinander ist daher durchaus erstrebenswert.

Geschwister gleich behandeln?

Kinder sind unterschiedlich, daher ist es nicht möglich, Geschwister genau gleich zu behandeln. Abgesehen vom unterschiedlichen Alter und Entwicklungsstand hat jedes Kind andere Eigenschaften und eine individuelle Persönlichkeitsstruktur. Meine Kinder gleich zu behandeln ist also weder möglich noch sinnvoll. Besser ist es, auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kindes individuell einzugehen. Ein Kind braucht beispielsweise mehr Kuscheleinheiten als ein anderes. Mein kleiner Mann ist schüchterner als mein Kleinster und daher braucht er öfter meine Nähe und mein Verständnis, wenn er verunsichert ist. Mein Kleiner möchte z.B. im Moment sehr oft Anerkennung für das, was er „auch schon kann“ und meine Geduld und bedingungslose Zuwendung in Momenten, in denen ihn die eigenen Gefühle überrumpeln. So versuche ich Jedem bestmöglich gerade das zu geben, was er braucht.

Fühlt sich mein Großer dennoch ungerecht behandelt, so versuche ich ihm zu erklären, wieso dieses oder jenes eben jetzt so gelaufen ist oder nicht. Und versuche Verständnis für seine Gefühle aufzubringen, was nicht immer einfach ist. Auf jeden Fall nehme ich aber seine Gefühle ernst.

Eine Sonderposition in der Familienstruktur kommt den sogenannten „Sandwich“-Kindern zu. Sie liegen zwischen ältestem und jüngstem Geschwisterkind und können weder von den Vorteilen eines Erstgeborenen profitieren, noch von denen des Jüngsten. Sie tun sich daher oftmals schwer, ihre Stellung zu behaupten und ausreichend Aufmerksamkeit zu erhalten. Ihnen sollte wohl besondere Aufmerksamkeit zukommen.

Wenn sich zwei streiten…

Wie verhalten wir Eltern uns aber nun am besten, wenn unsere Kinder sich streiten? Eingreifen oder raushalten? Ignorieren oder Partei ergreifen?

Zunächst einmal ist zu sagen, dass bei Kindern unter drei Jahren noch nicht erwartet werden kann, dass sie dazu fähig sind, Konflikte zu lösen. Ist also zumindest eines der Kinder noch so klein, wird es öfter notwendig sein, einzuschreiten. Ältere Kinder sollte man tatsächlich so weit als möglich ihre Streitereien selbst austragen lassen. Solange es nicht zu körperlichen oder verbalen Gewaltausbrüchen kommt oder ein anderes Familienmitglied hineingezogen wird, können wir der Sache durchaus ihren Lauf lassen. Erst wenn der Streit kein Ende nimmt, kann ein Einschreiten notwendig werden. Generell ist es aber wichtig, dass Kinder selbst lernen, ihre Konflikte zu lösen. Mit wem sollte das besser möglich sein als mit Schwester oder Bruder?

Bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern ist die Rivalität übrigens oft stärker ausgeprägt, zumal die Betroffenen sich stärker miteinander identifizieren, einander noch mehr als Nebenbuhler betrachten.

Geschwister zu erziehen ist sicherlich eine gewisse Herausforderung. Dennoch finde ich persönlich, dass es die Mühe allemal wert ist. Man sollte nicht vergessen, wie viele schöne Erlebnisse und Momente Geschwisterkinder miteinander teilen können. Gemeinsam schlafen, miteinander spielen, zusammen Geschichten vorgelesen bekommen… was auch immer sie gemeinsam mit Freude erleben dürfen ist eine umso größere Bereicherung für sie, weil sie eben jemanden haben, der immer da ist, abgesehen von den Eltern.

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Tamara Jungbauer

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