Schlaf Kindlein, schlaf…

20150420_180012 (2)Das Thema Schlafen ist speziell im ersten Lebensjahr eines Kindes ein sehr zentrales. Wie oft, wann und wie lange schläft es? Wieviel sollte es in seinem Alter schlafen? Ist das Schlafverhalten meines Kindes normal? Mache ich als Mutter/Vater irgendetwas falsch bzw. was soll ich anders machen, damit mein Kind besser schläft?

All dies sind Fragen, die frischgebackene Eltern vielerorts beschäftigen, um nicht zu sagen: quälen.

Als mein kleiner Mann geboren wurde, war ich auf Vieles eingestellt. Ich habe meiner Mutterrolle sehr euphorisch, aber nichtsdestoweniger realistisch entgegengesehen. Mir war bewusst, dass ein Baby auch schlaflose Nächte und generell weniger Schlaf bedeuten würde. Wie es dann aber tatsächlich kam, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Vom ersten Tag an hat unser Kind nicht geschlafen. Er hatte starke Bauchkoliken und war insgesamt ein sehr angespanntes, weinerliches Baby. Nachts konnten wir insgesamt ein ganzes Jahr lang maximal ein bis zwei Stunden am Stück schlafen. Es hat einfach nichts geholfen. Ich war in diesem ersten Jahr dermaßen erschöpft, dass ich es kaum noch schaffte, den Alltag zu überstehen. Die Koliken vergingen nach ein paar Monaten, aber die Schlaflosigkeit blieb. Nach einem Jahr wurde es langsam besser, nachdem ich abgestillt hatte. Mein Mann schlief aber auch im zweiten Lebensjahr im Grunde jede Nacht bei unserem Sohn, weil er uns immer noch so oft weckte, dass es keinen Sinn machte, jedes Mal wieder ins eigene Bett zu gehen. Angefangen durchzuschlafen hat er dann mit knapp drei Jahren.

Woran lag es, dass unser Kind ein dermaßen schlechter Schläfer war? Ich habe mir wirklich den Kopf über diese Frage zerbrochen. Habe alle möglichen Ratgeber gelesen, im Internet gestöbert, mich mit anderen Mamas ausgetauscht und Vieles ausprobiert. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Tatsache, ob ein Kind generell gut oder schlecht schläft, hauptsächlich an dem Kind selbst liegt. Es gibt Babys, die sind von Geburt an entspannt und zufrieden. So verhält es sich dann auch mit ihrem Schlaf: sie lassen sich eben nur schwer aus der Ruhe bringen und schlafen folglich auch gut.

Babys, die aus irgendeinem Grund weniger entspannt sind, haben auch eher Probleme in ihrem Schlafverhalten.

Natürlich geht es in weiterer Folge auch darum, wie wir Eltern uns verhalten. Wir können zu einem gesunden Schlaf unseres Kindes etwas beitragen, aber wenn unser Kind zum Durchschlafen zu bringen, wird uns – zumindest auf sanfte Weise – nicht gelingen.

Bei Stillkindern kommt noch ein entscheidender Faktor dazu: Stillen ist ja nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern dadurch kann das Kind auch sein Bedürfnis nach körperlicher Nähe befriedigen, Trost finden und kuscheln. Dies ist oft auch mit ein Grund, warum gestillte Babys vielleicht nachts öfters den geliebten Mamabusen einfordern. Ich selbst habe auch zweimal die Erfahrung gemacht, dass die Nächte nach dem Abstillen ruhiger wurden.

 Das Kind entscheidet selbst, wann es bereit ist.

Diese Überzeugung hat sich für mich auch dadurch bestätigt, dass mein kleinster Mann ein vergleichsweise sehr guter Schläfer war. Er hat zwischendurch auch immer wieder und über längeren Zeitraum unruhiger geschlafen, aber das war immer noch harmlos im Vergleich zu meinem ersten Sohn. Mit einem Jahr hat der Kleine außerdem „durchgeschlafen“ (im Sinne von manchmal die ganze Nacht lang, oder mit maximal 1-2 kurzen Unterbrechungen). Natürlich kann man jetzt sagen, das liegt daran, dass man beim zweiten Kind viel entspannter ist, aus seinen Fehlern gelernt hat und sich das auch auf den Schlaf des Babys auswirkt. Das allein ist aber meiner Ansicht nach nicht ausreichend. Sicherlich ist man beim zweiten Kind in gewisser Weise entspannter: man weiß inzwischen, was einen erwartet. Andererseits geht man beim ersten Kind vielleicht noch etwas unverblümter an die Sache ran, eben weil man nicht weiß, was einen wirklich erwartet. Außerdem gibt es auch zahlreiche zweite oder dritte oder wievielte Kinder auch immer, die schlechter als ihre erstgeborenen Geschwisterchen schlafen. Die Annahme, dass die entspanntere Haltung der Eltern direkt zu einem besser schlafenden Kind führt, ist also meines Erachtens haltlos.

Meiner Ansicht nach ist das Schlafverhalten eines Babys nur bis zu einem gewissen Grad von uns Eltern beeinflussbar. Wir können zwar verschiedene Maßnahmen treffen, um das Kind sanft zu einem besseren Schlaf hin zu führen, im Großen und Ganzen aber liegt es am Kind selbst, wann es bereit für einen entspannteren Schlaf ist. Speziell im ersten Lebensjahr, in dem es sich so rasant entwickelt und es so viel zu verarbeiten gibt, sodass es erst langsam einen stabilen Rhythmus finden muss.

Zu hohe Erwartungen?

Ein grundlegendes Problem beim Thema Schlafen ist aber auch oftmals die Einstellung der Eltern. Viele Eltern denken, ein Kind muss mit einem halben Jahr von 20-08 Uhr durchschlafen. Dass das Kind dazu aber noch nicht in der Lage ist, führt dann oft zu Enttäuschungen. Das Kind braucht im ersten Lebensjahr aber noch mehr oder weniger viel Nahrung in Form von Milch. Manche Kinder sind erst mit etwa einem Jahr dazu in der Lage, auch nachts ohne Nahrung auszukommen. Außerdem verlaufen die Schlafphasen der Kleinen noch anders als bei uns Erwachsenen. Sie durchlaufen in den ersten Lebensmonaten mehr Schlafzyklen als Erwachsene, kommen also auch öfter in die NON-REM Phase, also jene Phase, in der sie nur leicht schlafen (und folglich auch leichter aufwachen). In diesem leichten Schlaf kann das Kind, wenn es etwa bemerkt, dass es alleine ist und die Nähe seiner Bezugsperson braucht, öfters mal aufwachen. Wie schnell sich dieser Schlafrhythmus ausdehnt, wieviel Schlafbedarf ein Kind hat und wie die Entwicklung des Schlafverhaltens voranschreitet, ist von Kind zu Kind unterschiedlich.

 Was können wir Eltern konkret tun, um das Kind in seinem Schlafverhalten bestmöglich zu unterstützen?

Wir Eltern haben die Aufgabe, das Neugeborene langsam mit dem Tag-Nacht-Rhythmus vertraut zu machen. Wenn das Kind auf die Welt kommt, lebt es erst einmal weiter in einer Art Dämmerzustand, den es aus dem Mutterleib gewohnt ist. Es kennt noch keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht. Durch eine regelmäßige Tagesstruktur und Rituale können wir dem Säugling dabei helfen, sich an den Tag-Nacht-Wechsel anzupassen. Wie schnell und wie gut das funktioniert, hängt von einem Reifungsprozess ab, der bei jedem Kind individuell anders ist.

Der Säugling hat von Geburt an ein großes Bedürfnis nach körperlicher Nähe. Wird dieses Bedürfnis auch beim Schlafen ausreichend gestillt, so fühlt es sich sicher und geborgen, was im Allgemeinen zur Entspannung beiträgt.

Der Schlafbedarf eines Kindes ist ebenfalls individuell verschieden. Dieser berechnet sich aus dem Tag- und Nachtschlaf. Wacht ein Kind morgens generell sehr früh auf, so hat es seinen Schlafbedarf wahrscheinlich gedeckt. Eine Reduktion des Tagschlafes könnte in dem Fall helfen, um den Nachtschlaf weiter auszudehnen. An dieser Stelle sei gesagt, dass jegliche Veränderung im Schlafverhalten über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen stattfinden sollte, damit sie zu Erfolg führen kann.

Im zweiten Lebensjahr nimmt der Schlafbedarf deutlich ab, was oft zu nächtlichem Aufwachen führen kann. Hier kann es wiederum sinnvoll sein, den Tagschlaf zu verkürzen. Ein anderer Grund für nächtliches Erwachen können in dieser Zeit Trennungs- oder Verlustängste des Kindes sein. Meine Kinder hatten und haben beide immer wieder Phasen, in denen sie morgens sehr früh aufwachen. Dies steht auch oft im Zusammenhang mit einer Wachstumsperiode.

Zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr kommt es nicht selten zum Auftreten des sogenannten Angstschrecks. Dieser äußert sich durch plötzliches Hochschrecken und Aufschreien etwa ein bis drei Stunden nach dem Einschlafen, wobei das Kind nicht richtig aufwacht und auch nicht geweckt werden kann. Es lässt sich daher auch nicht beruhigen. Was hier hilft ist einzig abzuwarten und in der Nähe zu bleiben.

Im Gegensatz dazu stehen die Angstträume ab dem zweiten Lebensjahr, aus denen das Kind ängstlich erwacht. Sie treten in der zweiten Nachthälfte auf und äußern sich in der Regel durch Weinen. Das Kind erwacht und will getröstet werden, braucht dringend Zuwendung und kann eventuell danach länger nicht einschlafen.

An dieser Stelle möchte ich noch kurz auf die zahlreichen Ratgeber zum Thema Schlafverhalten des Kindes eingehen. Ich hatte einige davon in Händen, manche lieferten durchaus nützliche Tipps, andere wiederum beinhalteten für mich erschreckende Hypothesen. Speziell der Titel „Jedes Kind kann schlafen lernen“ schildert eine Methode, die keinesfalls zu empfehlen ist.

Was immer wieder Thema ist im Zusammenhang mit kindlichem Schlaf, ist das „Schreien lassen“. Es gibt einiges an Literatur, die Eltern suggeriert, dass es richtig und gut ist, ihr Kind schreien zu lassen.

Ein Baby schreien zu lassen, kann niemals richtig sein!

Ein Säugling schreit niemals, um uns zu quälen. Er schreit einzig und allein aus dem Grund, weil er uns braucht und nicht, weil er uns ärgern möchte. Er verfügt doch noch nicht einmal über die Fähigkeit, etwas bewusst Boshaftes zu tun. Das Kind ist auf uns angewiesen und ihm bleibt keine andere Möglichkeit als dass es nach uns schreit. Es hat ja noch keine andere Möglichkeit, sich mitzuteilen. Ob es nun Hunger, eine nasse Windel, das Bedürfnis nach körperlicher Nähe hat oder es einfach nicht alleine sein möchte, ist völlig irrelevant dabei. Wann immer es schreit, ist es unsere Pflicht als Eltern (oder sonstige Bezugspersonen), uns um dieses kleine Wesen zu kümmern. Wenn wir es nicht tun, lassen wir es im Stich.

Als ich meinen ersten Sohn bekam, erhielt ich von einer Angestellten des Krankenhauses ungefragt einen sinnlosen Ratschlag: ich solle mein Kind schreien lassen, wenn es nachts nicht schlafen möchte. Sie habe dies immer so gehandhabt und nach maximal drei Nächten des Schreiens war dann jedes Mal Ruhe.

Ja, das glaube ich gern – natürlich war Ruhe. Das Baby schreit und schreit, damit jemand kommt und sich um es kümmert. Geschieht dies über längere Zeit nicht, so gibt es irgendwann auf. Es resigniert. Das Baby erfährt, dass niemand kommt. Wozu weiter schreien, wenn es doch sinnlos ist? Dabei wird sein Grundvertrauen in die Welt zutiefst erschüttert.

Mütter, die ihre Kinder aufgrund von derartigen Ratschlägen schreien lassen, tun dies meist mit gebrochenem Herzen. Sie verbarrikadieren sich im Nebenraum, halten sich ein Kissen über die Ohren und unterdrücken ihr brennendes Bedürfnis, zu ihrem Kind zu laufen und es in den Arm zu nehmen. Würden sie stattdessen auf ihre Intuition vertrauen, wäre dies die deutlich bessere Entscheidung. (Übrigens sind Väter von Beginn an genauso gefragt wie Mütter, wenn es darum geht, das Kind zu beruhigen. Natürlich gibt es Situationen oder Phasen, in denen die Kleinsten mehr auf die Mama fixiert sind. Dazwischen haben Papas aber genügend Möglichkeiten, die Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen und es im Bedarfsfall zu trösten, mit dem willkommenen Nebeneffekt, auch der Mama immer wieder mal eine kleine Erholungszeit zu gönnen.)

Ein Vater erzählte mir vor einiger Zeit, dass sein erster Sohn ebenfalls ein miserabler Schläfer gewesen sei. Als er und seine Frau dann den zweiten Sohn bekamen, hätten sie beschlossen, diesmal alles anders zu machen. Als der Kleine in ihrer ersten Nacht zuhause anfing zu schreien und seine Frau Anstalten machte, aufzustehen, um zu ihm zu gehen, hielt er sie zurück und sie warteten geschlagene 45 Minuten, bis der Kleine schließlich aufhörte zu schreien. Er war ein guter Schläfer, so erzählte er.

Ich bezweifle ja gar nicht, dass es wirkt. Natürlich wirkt es, nur eben aus welchem Grund, zu welchem Preis? Wir Eltern entscheiden selbst, ob wir diesen Preis zahlen möchten. So schwierig es auch sein mag (und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schlimm langanhaltender massiver Schlafmangel ist), das einzige, was hilft, ist Geduld. Irgendwann schläft jedes Kind. Manchmal schneller als man glaubt, manchmal sieht man das Licht am Ende des Tunnels nicht und kriecht schon am Zahnfleisch daher. Sich als Eltern gegenseitig unterstützen, sich abwechseln und einander Zeit zur Erholung schaffen sind dann sehr wichtig.

Heute schlafen meine Kinder allabendlich gemeinsam in ihrem Zimmer alleine ein. Wir haben von Beginn an ein festes Abendritual. Zuerst werden die Zähne geputzt, dann der Pyjama angezogen und schließlich liest ihnen ihr Papa eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Anschließend wird das Licht ausgemacht und beide schlafen bei offener Tür mit Licht am Flur ein. Wenn doch einmal einer der beiden weint oder nicht alleine einschlafen möchte, dann tröste ich (oder der Papa) ihn und lege mich auch mal dazu, bis er eingeschlafen ist. Es war ein langer Weg – speziell bei meinem kleinen Mann – aber heute schlafen sie beide gut. Was nicht bedeutet, dass jede Nacht 8 Stunden Ruhe ist. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich sie niemals schreien ließ.

Das wünsche ich auch jedem anderen Kind.


Tamara Jungbauer

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