Sauberkeitstraining

20150501_115528Um den zweiten Geburtstag gewinnt das Thema Sauberkeit zunehmend an Bedeutung. Das Kind beginnt sich verstärkt für den Prozess der körperlichen Ausscheidung zu interessieren, es fragt nach, beobachtet uns bei der täglichen Verrichtung und fängt an, seine eigene Ausscheidung bewusst wahrzunehmen.

„Wie bekomme ich mein Kind sauber?“

Das Kind sollte idealerweise selbst entscheiden, wann es bereit ist, sauber zu werden. Wir Eltern sind dabei nur seine Begleiter. Wir beobachten und bemerken dadurch, wenn das Kind Interesse für den nächsten Schritt in Richtung Sauberkeit zeigt. Wir können auf seine Fragen kindgerecht antworten, es langsam mit dem Töpfchen vertraut werden lassen. Wenn es bereits die nötige Bereitschaft zeigt, dann können wir dem Kind anbieten, seine Windel abzunehmen, sich eventuell aufs Töpfchen zu setzen, oder im Idealfall die sommerlichen Monate dazu nutzen, das Kind so viel wie möglich ohne Windel laufen zu lassen. Dies hat noch dazu den Vorteil, dass das Kind seinen Körper besser spüren und so ganz nebenbei auch mit seiner Ausscheidung vertraut werden kann.

Niemals sollten wir dem Kind aber Druck machen, es bei Misserfolg oder Rückschritten tadeln, es zur Sauberkeit drängen!

Jedes Kind wird früher oder später ganz von alleine sauber.

Wir können darauf vertrauen, dass jedes Kind irgendwann sauber wird. Es würde auch dann sauber, wenn keinerlei Einfluss diesbezüglich von außen auf es einwirkte. Jedes Kind hat den innerlichen, völlig natürlichen Wunsch danach, zu gegebenem Zeitpunkt – will heißen: wenn es selbst dazu bereit ist – sauber zu werden. Druck ist nicht nur unnötig, sondern auch kontraproduktiv. Das Kind kann diesen Entwicklungsschritt nur dann erfolgreich meistern, wenn es ihn von sich heraus machen darf.

Manche (selbst pädagogisch geschulte) Menschen gehen immer noch völlig fragwürdig mit dem Thema um. Bei meinem ersten Sohn musste ich diese Erfahrung leider selbst machen. Zu Beginn des Sommers – mein Sohn war zu diesem Zeitpunkt knapp zweieinhalb Jahre alt – hatten die Betreuerinnen in seinem Kindergarten beschlossen, dass er sauber werden müsste. Es wurde mit mir nicht einmal vorab darüber gesprochen, so wie das eigentlich getan werden müsste, sondern meinem Sohn wurde im Kindergarten einfach die Windel immer wieder für eine gewisse Zeit abgenommen. Ich habe das nur durch Zufall mitbekommen, als ich ihn eines morgens in den Kindergarten brachte und seine Betreuerin ihn fragte, ob er es heute „wieder ohne Windel probieren“ wolle. Mein Sohn fing sofort zu weinen an und ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Ich fragte bei seiner Betreuerin nach und bekam zu hören, dass sie neuerdings meinem Sohn die Windel für einige Zeit abnehmen würden, denn er müsste nach dem Sommer sauber sein, weil er dann in die Gruppe der älteren Kinder kommen sollte. Und ja, natürlich würde er weinen, wenn sie ihm die Windel abnehmen, aber deshalb könne man es ja nicht einfach dabei belassen, da müsse er jetzt eben durch. Ich war wirklich schockiert und habe sofort klargestellt, dass mein Sohn seine Windel anbehält. Nach diesem, für mich unglaublich unprofessionellen Vorgehen des Betreuerteams, habe ich sofort einen anderen Kindergarten für meinen Sohn gesucht. Er wurde dann übrigens über den Sommer, ganz ohne Druck, sauber.

Was die besagte Pädagogin da tat, ist mir nach wie vor unbegreiflich. Ein Kind dazu zu zwingen, seine Windel auszuziehen, sein Weinen deswegen zu ignorieren, ihn noch dazu vor der kompletten Gruppe Gleichaltriger bloßzustellen – wie kann man so ein Vorgehen auch noch pädagogisch rechtfertigen? Für mich völlig unerklärlich.

Beim Thema Sauberkeit ist Geduld das absolute Um und Auf. Wir können anbieten und erklären, aber den Zeitpunkt bestimmt das Kind. Der Sommer kann dazu beitragen, dass das Kind sich ungezwungen nackt bewegen und bewusst seinen Körper spüren kann und dabei ganz automatisch in Kontakt mit seiner Ausscheidung kommt. Das Kind wird aber, wenn es dafür bereit ist, ganz von selbst sauber werden. Es wird dann einfach gelingen, ohne besondere Anstrengung. Nur wenn wir Eltern dem Kind auferlegen, wann es sauber zu sein hat, wird es zu einer Nervenprobe. Eben weil der Wunsch zur Sauberkeit nicht vom Kind ausgeht.

Ich höre immer öfter von der Art und Weise, Babys von Anfang an möglichst windelfrei zu erziehen. Diese Vorgehensweise ist nicht generell abzulehnen, zumal unsere Urahnen und auch heute noch zahlreiche Menschen in vielen Ländern der Welt auf diese Weise ihre Kinder großziehen. Dort, wo den Menschen keine Windeln zur Verfügung stehen und eine völlig andere, vorindustrielle Lebensweise herrscht, wo Kinder nicht in Kleidung gesteckt werden und für das Hinausgehen aus den eigenen vier Wänden zurecht gemacht werden müssen, ist es völlig natürlich, ein Kind einfach nackt herumlaufen zu lassen. Doch in unserer westlichen Welt bedeutet eine windelfreie Erziehung (bzw. so weit als möglich windelfrei, denn völlig ohne Windel von Anfang an ist in unserer Zivilisation einfach nicht praktisch umsetzbar) meiner Meinung nach mehr Stress für alle Beteiligten, als dass sie Nutzen brächte.

Wenn ich bei meinem Säugling schon von Beginn an darauf achten muss, ihn daran zu gewöhnen, seine Ausscheidung aktiv zu steuern, so rückt das Thema Ausscheidung dermaßen in den Mittelpunkt, dass es meiner Ansicht nach unweigerlich zu enormem Stress führt. Wir Eltern machen uns dadurch selbst das Leben schwer, weil wir andauernd die Signale unseres Kindes deuten müssen: muss es jetzt, oder doch nicht? Wahrscheinlich fragen wir dementsprechend auch ständig nach beim Kind, holen es beim kleinsten Anzeichen sofort aus der aktuellen Situation heraus und halten es über das Töpfchen, nur für den Fall, dass es muss. Wir sind also andauernd damit beschäftigt, eine eventuell bevorstehende Verrichtung unseres Kindes rechtzeitig abzufangen.

Dabei ist das Kind körperlich ja noch lange nicht in der Lage, seine Ausscheidung zu kontrollieren. Es kann vielleicht früher bewusst wahrnehmen, wann es auf die Toilette muss, und vielleicht wird es in weiterer Folge auch etwas früher sauber als ein Kind, das erst mit etwa zwei Jahren beginnt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Aber ich bezweifle, dass es sinnvoll ist, sich selbst und dem Kind diesen Stress anzutun.

Natürlich windelfrei?

Vertreter der windelfreien Erziehung von Anfang an betonen, dass es um die Förderung der Selbständigkeit des Kindes geht, und um die Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Das kann ich insofern nachvollziehen, als dass die Kommunikation mit meinem Kind von Anfang an sehr wichtig ist. Mein Kind kann mit mir allerdings auch trotz Windel kommunizieren und mir zu verstehen geben, was es braucht. Ohne den Stress der krampfhaften Kontrolle. Ob ich die Selbständigkeit meines Kindes mit dieser Methode wirklich fördere, bezweifle ich ebenfalls. Mein Kind erlebt ja, solange es körperlich noch nicht in der Lage ist, seine Ausscheidung zu kontrollieren, weiterhin die Abhängigkeit von seinen Bezugspersonen, auch im Thema Reinlichkeit. Es gibt von Beginn an zahlreiche andere Wege, mein Kind in seiner Selbständigkeit zu fördern und mit ihm zu kommunizieren. Dazu muss ich nicht das Thema Sauberkeit dermaßen künstlich ins Zentrum stellen, dass es letztlich eher wieder gegenteiligen Effekt hat: nämlich eben nicht Natürlichkeit, sondern auferlegte Natürlichkeit, was wiederum unnatürlich ist und etwas bewirken will, was unter gegebenen Umständen sinnentfremdet ist.

In Ländern, wo Kinder den ganzen Tag nackt umher laufen können und so automatisch von Anfang an mit ihrer Ausscheidung in Berührung kommen, geschieht dies ja ohne jeglichen Stress und Druck. Deren Eltern sind nicht die ganze Zeit hinter ihnen her, um sie im richtigen Moment auf die Toilette setzen zu können. Dort passiert alles auf natürliche Weise, eben von selbst. Während wir hier in der westlichen Welt diese natürliche Umgangsweise mit dem Thema Sauberkeit nur unter enormem Stress umsetzen können. Bei uns ist die natürlichste Form des Umgangs mit dem Sauberwerden unserer Kinder eben jene, zu warten bis das Kind Bereitschaft zeigt. Dann funktioniert es, zum richtigen Zeitpunkt, auch wie von selbst und auf natürliche Weise.


Tamara Jungbauer

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