„Brav hat er gegessen!“ – wenn traditionelle und moderne Erziehungsansichten aufeinander prallen

Hands of generations

Neulich war ich mit meinen Männern am Land, um die Uroma der kleinen Leute zu besuchen. Es ist jedes Mal wieder eine spannende Herausforderung für mich, die traditionell durch die Kriegs- und Nachkriegszeit geprägte Einstellung der Uroma mitzuerleben und mit ihr umzugehen. 

Mein großer Mann meint, sie hätte sich eh schon „gebessert“, sie halte sich schon viel mehr zurück als zu der Zeit, in der er noch Kind war. Dennoch: sie lässt immer noch oft genug erkennen, was sie für richtig und falsch hält in Sachen Kindererziehung. Und dass sich ihre Meinung nicht mit unserer deckt, wissen wohl beide Seiten.

„Sei brav und iss deinen Teller auf.“

Dieser Satz tut mir gleich doppelt weh. Einerseits weil er generell den Eindruck vermittelt, dass es darum geht, „brav“ zu sein, sprich: zu tun, was die großen Leute sagen, zu gehorchen, um geliebt zu werden. Andererseits weil das Kind damit aufgefordert ist, aufzuessen – unabhängig vom eigenen Hunger- und Sättigungsgefühl.

Dass die Uroma seinem kleinen Bruder verbal applaudierte, weil der „so brav“ seine Palatschinke gegessen hatte, forderte meinen kleinen Mann heraus. So nahm er sich noch eine vierte Palatschinke (obwohl er vorher schon sagte, er sei fertig) die er dann auch beim besten Willen nicht mehr aufessen konnte, nur um die alte Dame zu erfreuen.

Es schmerzt mir in der Seele, wenn ich sehe, was meine Kinder tun, um die urgroßmütterliche Anerkennung zu erhalten. Kinder haben unglaublich feine Antennen, sie merken sofort, was „von ihnen erwartet“ wird und wollen nur zu gern diese Erwartungen erfüllen.

„Zu meiner Zeit hätt´s das nicht gegeben!“

Die Uroma ist natürlich auch der Meinung, Kinder müssten bei Tisch sitzen bleiben bis alle fertig gegessen haben (bei uns zuhause dürfen die kleinen Leute aufstehen, wenn sie beide fertig sind), sie haben sich „gut zu benehmen“, wenn sie sich verletzen, dann „hätten sie besser aufpassen sollen“, auf Weinen ohne „ersichtlichen Grund“ reagiert sie mit Worten wie „na is ja nix, bist ja ein großer Bub, musst ja ned weinen“. Dass ein Kind beim Haare schneiden nicht still sitzen bleiben möchte, kann sie nicht nachvollziehen; dass ein Kind nicht verstehen kann, warum es bei einer Pflanze Blätter abrupfen darf, dies aber bei einer anderen uromaliche Schimpftiraden auslöst, ist ihr schleierhaft.

Und dass von Männern jeglichen Alters keinerlei Hilfe im Haushalt erwartet wird, weil die Frauen für diesen Bereich zuständig sind, versteht sich von selbst. Ganz nebenbei bemerkt.

Die Uroma denkt eben: ein Kind muss „sich benehmen“, und aus.

Woher das kommt, ist bei näherer Betrachtung nicht weiter verwunderlich. Sie ist in der Zwischenkriegszeit geboren, hat den zweiten Weltkrieg mit allem drum und dran miterlebt. Zu dieser Zeit ging es dem Regime vor allem um eines: die Menschen sollten der Führung blind gehorchen. Nachdenken, in Frage stellen, Kritisieren oder Aufbegehren waren nicht erwünscht. Nebenbei gab es nicht genügend zu essen, man musste an allen Ecken und Enden sparen, die Existenz vieler Menschen war gefährdet, die Stimmung von Angst geprägt. Dies alles spiegelte sich natürlich auch in der Kindererziehung wider.

 

Die Eltern hatten das Sagen, die Kinder nicht zu hinterfragen, sondern schlicht zu befolgen. Die Bedürfnisse der kleinen Leute wurden nicht groß beachtet. Gefühle waren fehl am Platz – die Menschen mussten lernen, hart zu werden. Anders hätten sie ihr Schicksal wohl nicht verkraften können. Kinder sollten vor allem eines: nach außen hin „anständiges Benehmen“ an den Tag legen, um vorzeigbar zu sein. Sie mussten Befehle befolgen, mit anpacken und viel zu viel Verantwortung übernehmen. Kinder, die in einer derartigen Umwelt aufwachsen, lernen von klein auf, dass ihre Bedürfnisse nicht zählen, dass emotionale Härte und Strenge wichtig sind zum Überleben und „brav“ zu sein die einzige Möglichkeit ist, ein Stückchen Anerkennung zu bekommen. Die Erwachsenen wiederum machten sich ihre Kinder gefügig, was hätten sie auch anderes tun können, aufgrund der äußeren Umstände? Als diese Kinder dann erwachsen wurden, war es für sie selbstverständlich, diese Werte auch ihren Kindern weiterzugeben, siehe Uroma.

Erst die folgende Generation fing langsam an, dies in Frage zu stellen (Stichwort: „68er“) und spürte erstmals den Wunsch, es anders zu machen. Aber die traditionellen Werte blitzen auch heute noch in vielen Familienstrukturen auf. Auch meine Eltern vertreten sie noch in vielerlei Hinsicht, ich bin mit vielen Anschauungen aus der „guten alten Zeit“ aufgewachsen, wurde dadurch „geprägt“. Erst seit meinem Studium wurde ich mir dessen bewusst, dass es auch Alternativen gibt und ich habe angefangen, mich moderneren Sichtweisen zuzuwenden, die weit mehr meinen eigenen Vorstellungen von Erziehung entsprechen. Auch ich habe dabei immer wieder gemerkt (bzw. merke es manchmal immer noch), dass es nicht immer einfach ist, aus alten Mustern, mit denen man selbst aufgewachsen ist, auszubrechen.

 

Wir können uns heute nicht anmaßen, über die Menschen zu urteilen, die in einer Zeit leben mussten, in der Krieg und Hungersnot herrschten; in der es darum ging, sich anzupassen, um zu überleben. Ich kann die Uroma ja irgendwo verstehen. Kann nachvollziehen, warum sie so denkt, wie sie eben denkt. Ihre Überzeugungen sind total kontrovers zu den meinigen, aber ich respektiere sie trotzdem. Und wenn mir ihre Bemerkungen, die sich an meine Kinder richten, zu weit gehen, schreite ich ein.

Das ist aber nur selten notwendig, denn (meine) Kinder sind nicht dumm. Sie können klar unterscheiden, wer was sagt und wo was gilt. So reicht allein schon ein Blick zwischen meinem kleinen Mann und mir, der zeigt, was wir beide wissen: die Regeln hier sind nicht unsere – zuhause ist es ohnehin anders.

Erziehung heute ist eben anders als damals.

Heute sind wir an einem Punkt angelangt, an dem es ein breites Spektrum von Meinungen und Arten der Kindererziehung gibt. Die meisten von ihnen zielen auf einen respektvollen und liebevollen Umgang mit Kindern ab, stellen die kindlichen Bedürfnisse in den Vordergrund. Eltern sehen sich immer mehr als Begleiter ihrer Kinder. Das Machtgefälle löst sich zunehmend auf. Eltern nutzen ihre von Natur aus gegebene Macht über das Kind nicht mehr dazu, es zu blindem Gehorsam zu erziehen. Auch Kinder dürfen heute „mitreden“, was lange Zeit nicht erlaubt war.

Eine negative Folge des breiten Spektrums an Erziehungsmethoden ist jedoch die Orientierungslosigkeit vieler Eltern. Früher war allen klar, wie ein Kind erzogen werden muss. Das „gute Benehmen“ war oberstes Ziel der Kindererziehung. Heute gibt es unglaublich viele unterschiedliche Methoden und Meinungen, die akzeptiert sind und sich in vielen Bereichen oft sehr ähnlich sind, manchmal aber auch in komplett gegensätzliche Richtungen tendieren. Sich in diesem „Erziehungsdschungel“ seine eigene Sicherheit in Bezug auf die Art und Weise, wie man sein Kind erziehen möchte, zu bewahren bzw. eine solche zu finden, ist für viele Eltern schwierig.

Was mich aber in meiner Meinung, dass es sinnvoll ist, die traditionelle Erziehung durch modernere Sichtweisen zu ersetzen, bekräftigt hat, ist das Ergebnis. Ich möchte keine Kinder, die blind gehorchen und das Gefühl haben, sie werden geliebt, wenn sie sich gut benehmen. Kinder, die in ihrem Erwachsenenleben noch mit den Folgen ihrer Erziehung zu kämpfen haben. Ich möchte meinen Kindern vielmehr eine Mutter sein, die ihre Bedürfnisse erkennt und bestmöglich auf sie eingeht. Ich will meinen Kindern die Sicherheit vermitteln, geliebt zu werden –bedingungslos. Es wäre schön, wenn sie später einmal sagen können: meine Eltern sind ein gutes Vorbild, so möchte ich es bei meinen Kindern auch machen. Zumindest im Großen und Ganzen.

Wie gesagt, ich respektiere auch die Sichtweise von Uroma und Co. Aber warum sollten wir nicht aus den Fehlern der früheren Generationen lernen und neue Wege einschlagen?

Wieder zurück daheim erstaunte mich mein kleiner Mann dann wieder einmal. Als wir mit dem Abendessen fertig waren und sein kleiner Bruder etwas auf dem Teller übrig gelassen hatte, sagte er plötzlich mit breitem Grinsen „Na, da hat er aber heute NICHT BRAV gegessen!“. Er hatte ganz offenbar verstanden, dass die Ansichten der Uroma nicht unsere sind, ohne dass wir es ihm groß erklären hatten müssen. Und wir alle mussten herzhaft über seine Aussage lachen…

 

Foto: Fotalia

Text: Tamara Jungbauer


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Deine

Tamara_Schrift

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Liebe Mamas!Pregnant

Heute möchte ich mit euch einen Text aus Khalil Gibrans „Der Prophet“ teilen, den ich persönlich sehr berührend finde. Er passt, wie ich finde, sehr gut zu einer achtsamen und bindungsorientierten Form der Erziehung und Eltern-Kind-Beziehung, die das Kind als individuelles Wesen mit eigenen Bedürfnissen, Gedanken und Werten schätzt und respektiert.  ♥

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter

der Sehnsucht des Lebens

nach sich selbst.

Sie kommen durch euch,

aber sie sind nicht von euch,

und auch wenn sie bei euch sind, gehören sie euch nicht.

Ihr könnt ihnen eure Liebe geben,

aber nicht eure Gedanken,

weil sie ihre eigenen Gedanken haben.

Ihr könnt ihren Körpern eine Behausung geben,

aber nicht ihren Seelen,

weil ihre Seelen im Haus von  morgen wohnen,

welches ihr nicht betreten könnt,

noch nicht einmal in euren Träumen.

Ihr könnt versuchen,

wie sie zu sein,

aber versucht nicht sie euch anzugleichen,

das Leben geht nicht rückwärts,

noch verweilt es im Gestern.

Ihr seid die Bogen,

von denen eure Kinder

als lebende Pfeile abgeschossen werden.

Der Bogenschütze sieht das Ziel

auf dem Pfad der Unendlichkeit,

und Er biegt euch mit Seiner Kraft,

damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.

Möge das Gebogenwerden

in des Schützen Hand

Freude in euch auslösen.

So wie Er den fliegenden Pfeil liebt,

so liebt Er auch den Bogen,

der fest steht.

Eure

Tamara_Schrift

Ich kann nicht schlafen!

Birgit von Mutti´s Nähkästchen hat uns Familienbloggerinnen in ihrer Rubrik #fragmama dazu aufgerufen, etwas zum Thema Schlafen beizusteuern. Dem möchte ich hiermit gerne nachkommen.


 

20130617_141906Schlafen ist ja so eine Sache, wenn man Kinder hat. Bei meinem ersten Sohn kriegte ich ein Jahr lang kaum ein Auge zu, alle ein bis zwei Stunden – beim kleinsten Schnupfen auch gern öfter – wurden mein Mann und ich geweckt. Ich zum Stillen. Er zum Rumtragen oder Bauch massieren. Durchgeschlafen hat der kleine Mann dann mit drei Jahren. Heute ist er fünf und das abendliche Einschlafen ist problemlos. Bei seinem kleinen Bruder lief es schlaftechnisch von Anfang an deutlich besser.

Sie schlafen inzwischen zusammen im Stockbett und wir haben seit jeher ein festes Abendritual: Erst geht es ab ins Bad zwecks nötiger Hygienemaßnahmen. Dann Pyjama anziehen und Gute Nacht Geschichten aussuchen. Anschließend liest Papa den beiden im Bett noch vor, danach kommt meist Mama, um noch mit beiden Jungs zu „beten“. Wir nennen es so, aber in Wahrheit ist es mehr ein Dankbarkeitsritual: wir lassen den Tag Revue passieren, erinnern uns gemeinsam an schöne Momente oder erzählen uns davon, wenn wir sie nicht gemeinsam erlebt haben, sind dankbar für sie und für unser Leben generell. Danach wird das Licht ausgemacht und die Tür bleibt offen, damit das Licht von draußen hinein leuchtet.

Bis auf Ausnahmen (wenn mein kleinster Mann nochmal nach uns ruft) funktioniert das in der Regel sehr gut. Ich denke, es ist wichtig, dass die Schlafsituation für alle passt – also für das Kind, aber auch für die Eltern. Ich kann nicht schlafen, wenn ein rotierendes Kind neben, auf und über mir liegt. Ein Familienbett kommt daher für mich nicht in Frage. Meine Kinder bekommen aber auf anderem Weg die Zuneigung und Nähe, die ihnen die Sicherheit gibt, vertrauensvoll einschlafen zu können. Es gibt, wie immer, kein Patentrezept. Wir können nur individuell entscheiden, was das Kind braucht, um in einen entspannten Schlaf zu finden.


 

Wie geht es euch mit diesem Thema? Habt ihr Schwierigkeiten, Tipps oder wollt ihr einfach erzählen, wie es bei euch läuft? Ich freu mich auf eure Antworten!

Eure

Tamara_Schrift

 

Jesper Juul: Dein kompetentes Kind

Jesper Juul ist ein dänischer Familientherapeut, der inzwischen hohen Rang und Namen hat. Seine Sichtweisen finden heute große Anerkennung und Zustimmung, er stellt Vieles in Frage, was traditionelle Erziehungsmethoden angeht, und bringt – so finde ich – frischen Wind in das Thema.

Eines seiner größten Werke trägt den Titel „Dein kompetentes Kind“. Ich kann nur allen Eltern empfehlen, es zu lesen, zumal es dazu beiträgt, sein Kind besser zu verstehen und das eigene Verhalten zu reflektieren. An dieser Stelle möchte ich auf die für mich zentralen Themen des Buches eingehen.

„[…] dass ich noch nie Eltern begegnet bin, die ihre Kinder nicht liebten […] Hingegen habe ich eine Reihe von Eltern und Kindern kennengelernt, denen es nicht gelang, ihre liebevollen Gefühle in liebevolles Verhalten umzusetzen.“ (Jesper Juul)
Es gut zu meinen bedeutet nicht, dass man es auch gut macht. Elterliches Verhalten ist oft weniger liebevoll und fürsorglich, als sie selbst glauben!

Entscheidend für eine gesunde kindliche Entwicklung ist nach Juul die Qualität des Zusammenspiels – will heißen: die Grundstimmung/Atmosphäre innerhalb der Familie. Wichtig ist also nicht nur, was wir sagen, sondern vor allem Dingen wie wir es sagen und auf welche Art und Weise wir miteinander umgehen.

Wir Eltern sind dabei allein verantwortlich für das Wohlergehen der Familie, nicht die Kinder!

Juul geht davon aus, dass Kinder generell und immer kooperieren wollen. Sie tun dies, indem sie die Erwachsenen ihrer Umgebung nachahmen. Unser Verhalten ist uns aber nur zum Teil bewusst – Vieles von dem, was wir tun und wie wir uns verhalten, geschieht unbewusst (siehe auch Kapitel Authentizität). Daher erkennen wir meist nicht, wenn unsere Kinder kooperieren und interpretieren ihr Verhalten oftmals falsch.

Die kindliche Kooperation kann auf zwei Arten erfolgen: direkt oder spiegelverkehrt

d.h. ein Verhalten wird entweder 1:1 übernommen, oder genau gegensätzlich.

z.B.: Kinder, die ständig kritisiert werden, werden kritisch oder selbstkritisch; Kinder, die mit Gewalt aufwachsen, werden ebenfalls gewalttätig oder selbstdestruktiv; Kinder, in deren Familien sich niemand persönlich ausdrückt, werden besonders schweigsam oder redselig.

Integrität

= „unsere gesamte physische und psychische Existenz, berührt unsere Identität, unsere Grenzen und persönlichen Bedürfnisse“

Verletzen Eltern regelmäßig auf dieselbe Art und Weise die Integrität der Kinder, so reagieren diese selbstdestruktiv! Sie denken nicht, dass die Eltern etwas falsch machen, sondern dass mit ihnen selbst etwas nicht stimmt.

Dadurch entwickeln sich Schuldgefühle und das Selbstgefühl geht verloren.

Konflikt zwischen Integrität und Kooperation:

Wir kommen tagtäglich immer wieder in Situationen, in denen wir entscheiden müssen, ob wir unsere Integrität wahren wollen oder sie zugunsten der Gemeinschaft (äußere Forderungen, soziale Normen, potenzielle Gewalt oder Ablehnung) hintan stellen, indem wir kooperieren.

Kinder entscheiden sich in diesem Konflikt meist für die Kooperation und vernachlässigen dadurch ihre eigenen Bedürfnisse – vor allem, wenn sie den leichtesten Druck der Eltern spüren.

Beispiel: Kinder spüren selbst, wann sie etwas essen wollen. Zwingen wir dem Kind aber Essen auf (indem wir verlangen, dass es ist obwohl es keinen Hunger hat, ihm noch einen weiteren Löffel in den Mund schieben usw.), so handeln wir entgegen seinem wahren Bedürfnis und verletzen damit seine Integrität.

Je öfter es passiert, dass die Integrität in diesem Konflikt geopfert wird, desto größer ist der daraus resultierende Schmerz. Irgendwann sendet das Kind dann verbale oder nonverbale Signale (etwa psychosomatische Beschwerden, destruktives Verhalten außer Haus, Gewalt, permanentes Schweigen, Isolation), dass etwas nicht in Ordnung ist. Werden diese aber nicht wahr- und ernst genommen, zeigt sich früher oder später ein regelrechtes Symptom.

Kinder kooperieren immer:

  • Wenn sie sich destruktiv und/oder asozial verhalten, dann immer, weil einer oder mehrere Erwachsene in ihrer Umgebung dies ebenfalls tun (es sind immer die Erwachsenen, die den Anfang machen!).
  • Wenn sie die Kooperation einstellen oder verweigern, haben sie entweder zu viel oder zu lange mit destruktiven Erscheinungen in ihrer Familie zusammengearbeitet oder eine bewusste Kränkung ihrer Integrität hinnehmen müssen.

Selbstgefühl und Selbstvertrauen:

Selbstgefühl = unser gesamtes Wissen und Erleben, wer wir sind

Selbstvertrauen = was wir können, unsere Fähigkeiten

Selbstgefühl und Selbstvertrauen sind unterschiedliche Maßeinheiten und können niemals direkt miteinander verglichen werden, sich niemals gegenseitig ersetzen. Wer ein gesundes Selbstgefühl hat, wird eher selten ein Problem mit dem Selbstvertrauen haben (umgekehrt aber nicht).

Wichtig für die Entwicklung des Selbstgefühls ist:

  • dass wir von mindestens einer wichtigen Person in unserem Umfeld „gesehen“ und akzeptiert werden
  • dass wir erleben, für andere Menschen wertvoll zu sein, ohne uns verstellen oder etwas leisten zu müssen

Leistungen zu fördern und zu loben ist an sich gut, solange man gleichzeitig für das Wohlergehen des Kindes sorgt.

Der entscheidende Faktor bei der Entwicklung des Selbstgefühls ist der spürbare Ausdruck von Liebe. Es kommt nicht darauf an, was Eltern beabsichtigen, sondern wie das Kind es erlebt!

Beispiel: Das Kind sitzt oben auf der Rutsche und ruft: „Mama, schau mal!“ bevor es hinunter rutscht. Es möchte von seiner Mama gesehen werden. Nicht förderlich wäre es, zu antworten: „Oh, das hast du aber toll gemacht – wie gut du schon selber rutschen kannst!“, denn das Kind will nach Juul nicht bewertet werden, sondern einfach nur eine Rückmeldung zur Bestätigung, dass es gesehen wird. Ein zuwinkendes „Hallo, mein Schatz!“ ist daher die bessere Antwort.

Ein Kind, das regelmäßig „nicht gesehen“ wird, beginnt ab einem gewissen Punkt, etwas an sich (seiner Kleidung, seinem Körper, seinem Verhalten) zu ändern, um aufzufallen!

Soziale und persönliche Verantwortung:

soziale Verantwortung: haben wir in der Familie, in der Gesellschaft und in der Welt füreinander

persönliche Verantwortung: haben wir für unser eigenes Leben – für unsere physische, psychische, mentale und spirituelle Gesundheit.

Es gibt 3 Bereiche, in denen Kinder von Anfang an persönliche Verantwortung übernehmen können:

1. die Sinne: was gut und was nicht gut schmeckt, was angenehm und weniger angenehm riecht, was sich kalt oder warm anfühlt

2. die Gefühle: Freude, Liebe, Freundschaft, Zorn, Frustration, Trauer, Schmerz, Verlust

3. Bedürfnisse: Hunger, Durst, Schlaf, Nähe, Distanz

Wir Eltern können unseren Kindern dabei helfen, persönliche Verantwortung zu übernehmen, indem wir lernen, sie ernst zu nehmen. Unser Tonfall ist dabei sehr entscheidend. Außerdem sollten wir:

  • das Recht des Kindes anerkennen, seine individuellen Bedürfnisse und Gefühle zum Ausdruck zu bringen
  • lernen, die Bedürfnisse und Gedanken des anderen aus seiner eigenen Perspektive zu betrachten
  • uns auf seinen Ausdruck konzentrieren, um uns besser in die Situation hinversetzen zu können
  • seinem Verhalten mit Verständnis begegnen und unsere eigene Position ernst nehmen

Um Eigenverantwortung in der Beziehung zu anderen Menschen übernehmen zu können, braucht es eine persönliche Sprache, die unsere Gefühle, Reaktionen und Bedürfnisse zum Ausdruck bringt und unsere Grenzen deutlich macht. Diese persönliche Sprache basiert auf folgenden Aussagen:

„ich will/will nicht!“    „ich mag/mag nicht!“    „ich will haben/nicht haben!“

Beispiel: Kind: „Ich will noch nicht ins Bett!“ Antwort Vater: „Ich will aber, dass du jetzt ins Bett gehst!“ (anstatt „Du gehts jetzt ins Bett und aus!“ oder „Sei brav und geh jetzt ins Bett!“)

oder: Kind: „Igitt, ich mag keine Tomaten!“ Antwort Mutter: „Ich mag Tomaten sehr gern. Ich finde, du solltest sie mal probieren!“ (anstatt: „Aber sonst magst du Tomaten doch sehr gern!“ oder „Sei nicht so heikel, du wirst essen, was auf den Tisch kommt!“)

„Das persönliche Feedback ist die einzige Form der Kommunikation, die gewährleistet, dass sich das persönliche Verantwortungsgefühl von Kindern differenziert entwickelt und die Beziehung zwischen Eltern und Kind vertieft. Alle anderen Formen des Feedbacks – soziale Belehrung, Wertung oder Gleichgültigkeit – haben destruktive Folgen.“ (Jesper Juul)

Die soziale Verantwortung von Kindern entwickelt sich unter zwei Voraussetzungen optimal:

  1. Eltern müssen ihren Drang zur Kooperation sehen und anerkennen
  2. Eltern müssen sich untereinander, den Kindern und anderen Menschen gegenüber verantwortungsvoll verhalten

Das Vorbild der Eltern hinterlässt tiefere Spuren als ihre verbale Erziehung!

Kinder, deren Eigenverantwortung gefördert wird, entwickeln fast automatisch ein hohes Maß an sozialer Verantwortung. Kinder entwickeln bereits ab 3,4 Jahren ein Gefühl für soziale Verantwortung im täglichen Umgang mit ihren Eltern und Geschwistern.

Generell sollte Kindern aber auch nicht zu viel Verantwortung aufgelastet werden. Werden sie in Rollen gedrängt, die eigentlich den Erwachsenen vorbehalten sind (etwa bei Trennung, Armut oder Krankheit der Eltern), so wird dieses übersteigerte Verantwortungsgefühl, das sie dabei entwickeln Teil ihrer Persönlichkeit und ist nicht vollständig wieder rückgängig zu machen.

Ein destruktiver Konflikt wiederholt sich mit wachsender Häufigkeit und belastet beide Seiten zunehmend.

In der Regel entstehen Konflikte dann, wenn unsere elterliche Verantwortung mit der persönlichen Verantwortung der Kinder in Konkurrenz tritt und diese verdrängt. Destruktive Konflikte entstehen immer dann, wenn die Eltern ihre eigenen Grenzen (ihre persönliche Verantwortung) missachtet bzw. die Verantwortung für etwas übernommen haben, das sie eigentlich den Kindern hätten überlassen sollen.

Ich halte die eben beschriebenen Gesichtspunkte Juuls für sehr wertvoll. Sie bestätigen wiederum, worauf es in der Kindererziehung ankommt: dass wir Eltern authentisch bleiben, unsere Kinder ernst nehmen, sie respektieren, ihnen ihre eigenen Kompetenzen zugestehen, dabei unserer eigenen Verantwortung, die wir als Eltern haben, nachkommen und ihnen ein stabiles Gefühl vermitteln, geliebt zu werden. Bedingungslos.


 Tamara Jungbauer

Gewaltfreie Erziehung

2015-08-03 18.05.54Ich hatte vor einiger Zeit ein Erlebnis am Kinderspielplatz, das mich sehr betroffen gemacht hat: Ein etwa einjähriger Zwerg spielte in einem Meer aus kleinen Kieselsteinen, die den gesamten Spielbereich abgrenzen. Immer wieder nahm er zwischendurch mal einen Stein in den Mund (in diesem Alter ja irrsinnig reizvoll), woraufhin die Mutter ihn diesem natürlich jedesmal wieder aus dem Mund holte. Nach mehrmaligem Stein-in-den-Mund und Stein-wieder-aus-dem-Mund-holen drohte sie dem Kleinen schließlich mit den Worten „Lass die Steine jetzt, oder willst du wieder was auf den Popo bekommen?“. Diese Aussage konnte ich kaum glauben. Eine junge Mama, die ich öfters sehe, weil sie bei uns in der Wohnanlage wohnt, und die eigentlich immer einen entspannten, liebevollen Eindruck macht, droht ihrem Kind Schläge an?! Natürlich ist es gefährlich, wenn ein Kind diese, in einer zum Ersticken idealen Größe, Kieselsteine in den Mund nimmt. Und natürlich muss man sie ihm wieder rausholen und mit klaren Worten zu verstehen geben, dass es die Steine nicht in den Mund nehmen soll. Aber eben mit Worten, nicht mit körperlicher Züchtigung.

Dieses Erlebnis hat mir wieder bewusst gemacht, dass (körperliche) Gewalt an Kindern leider immer noch oft praktiziert wird und offenbar von vielen Eltern als normal gesehen wird. Warum das nicht sein darf, darauf möchte ich an dieser Stelle nun genauer eingehen.

Der Duden beschreibt Gewalt als Macht, Befugnis, das Recht und die Mittel, über jemanden, etwas zu bestimmen, zu herrschen.

Aus dieser Definition wird bereits deutlich: Gewalt hat immer etwas mit Macht zu tun. Derjenige, der Gewalt an einer anderen Person ausübt, demonstriert damit seine Macht (über die andere Person und im speziellen Fall: über das Kind). Jeder Erwachsene, der Gewalt an einem Kind ausübt, nutzt seine Machtposition auf schlimmste Weise. Das Kind ist uns Erwachsenen völlig ausgeliefert. Es ist auf uns angewiesen, ohne uns nicht lebensfähig. Wir Erwachsenen sind also schon von Natur aus in einer gewissen Machtposition, dem Kind gegenüber.

 Gewaltausübung an einem Kind ist ein Armutszeugnis.

Eine Machtdemonstration in Form von Gewalt ist also nicht nur nicht notwendig (weil die Macht ja eindeutig beim Erwachsenen liegt), sondern auch noch ein Zeichen völliger Hilflosigkeit und ein großes Armutszeugnis für den Macht-ausübenden. Wer sich nicht anders zu helfen weiß, als ein Kind zu schlagen oder auf sonstige Weise zu misshandeln, braucht in Wahrheit selbst dringend Hilfe. Das Kind muss mit den Auswirkungen der Hilflosigkeit des Erwachsenen leben: die Folgen, die es zu tragen hat, sind oft schwerwiegend und kennzeichnen es für den Rest seines Lebens.

Wir Eltern haben das Recht und die Pflicht, das Kind zu pflegen und zu erziehen. Es liegt ein sogenannter staatlicher Erziehungsauftrag vor – der Staat wacht über die Ausübung dieser elterlichen Pflicht. Er kann gegebenenfalls eingreifen, sofern Eltern dieser Pflicht nicht gebührend nachkommen. Das Recht des Kindes ist es, gewaltfrei aufwachsen zu dürfen.


Die große Frage in diesem Zusammenhang lautet nun aber: wo fängt Gewalt an?

Bei Gewalt denken wir als erstes unweigerlich an körperliche Gewalt wie Schläge. Diese sind aber nur eine Form unter vielen:

  1. Körperliche Gewalt:

Hierzu zählen alle Formen von Misshandlungen wie Schlagen, an den Haaren Ziehen, Schütteln, Stoßen, Treten, Boxen, (mit Zigaretten) Verbrennen, mit Gegenständen Attackieren, aber auch leichtere Formen wie der berüchtigte Klaps auf den Po oder die Ohrfeige, an den Ohren Ziehen, Zwicken oder Festhalten usw.

  1. Psychische Gewalt:

Es dreht sich hierbei um sämtliche Handlungen, die das Opfer seelisch und emotional schädigen.

Psychische Gewalt ist die häufigste Gewaltform, der Kinder ausgesetzt sind. Sie ist gleichzeitig schwerer festzustellen als die körperliche Gewalt, da sie keine nach außen erkennbaren Narben hinterlässt.

Das Bundesministerium für Familie und Jugend definiert psychische Gewalt an Kindern folgendermaßen (die nachfolgenden Gewaltdefinitionen des Österreichischen Bundesministeriums für Familie und Jugend wurden von dessen Internetseite übernommen):

„Psychische Gewalt ist …

  • wenn Kindern mutwillig Angst gemacht wird.
  • wenn Kinder eingeschüchtert, ausgegrenzt, isoliert werden.
  • wenn Kinder verspottet werden oder der Verspottung Preis gegeben werden.
  • wenn Kinder missachtet und entwertet werden.
  • wenn Kinder klein gemacht, klein gehalten und abgewertet werden.
  • wenn Kinder gezielt entmutigt werden.
  • wenn Kinder mit Druck und Unterdrückung erzogen werden.
  • wenn Kindern keine Grenzen gesetzt werden.
  • wenn Eltern ihren Kindern Orientierung verweigern und sich ihrer Verantwortung gegenüber ihren Kindern entziehen.
  • wenn Strafe zu einem Zeitpunkt vollzogen wird, wo das Kind gar nicht mehr weiß, was es getan hat, und die Strafe nicht als Konsequenz seiner Handlungen erkennen kann.
  • wenn Kinder das tun müssen, was ihre Eltern immer gerne getan hätten, wenn Kindern sozusagen das Leben der Eltern auferlegt wird.
  • wenn Gefühle der Hilflosigkeit und schutzlosen Preisgabe ausgelöst werden und es zu einer Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses des Kindes kommt.
  • wenn Kinder als Spielball der Interessen des jeweiligen Elternteils z.B. im Zuge einer Scheidung missbraucht werden,
  • wenn also das Kindeswohl vorsätzlich und bewusst vorgeschützt wird, um eigene Interessen durchzusetzen oder zu fördern.
  • wenn Kinder Loyalitätskonflikten zwischen den Eltern ausgesetzt werden.
  • wenn den Eltern das Verhalten des Kindes wichtiger als seine Person ist.
  • leise. Sie ist nicht laut. Sie ist nicht spektakulär, aber sie ist langhaltig, sie ist ausdauernd, und sie ist nachwirkend.

Psychische Gewalt ist weiters …

  • immer dort, wo Angst als Erziehungsmittel eingesetzt wird.
  • nicht nur Vernachlässigung, es kann auch ein Übermaß an erstickender Liebe sein.
  • viel schwieriger zu erkennen als körperliche Gewalt, da sie am Körper keine sichtbaren Narben hinterlässt.
  • so schwer fassbar, da sie individuell erlebt wird und ihre Wirkung von außen oft nicht erkennbar und einschätzbar ist.
  • subjektiv zu verstehen und zu betrachten; das subjektive Erleben des Kindes, sein emotionales, existenzielles Empfinden steht im Vordergrund.
  • ein „unangenehmes“ Thema, da dieses Phänomen schwer fassbar ist, sich nicht genau definieren lassen „will“, sich wissenschaftlicher Analyse entzieht und uns zur Auseinandersetzung mit vielen Themen zwingt, auf die wir gar nicht so gerne hinschauen.

Psychische Gewalt …

  • wird durch alle Handlungen und Unterlassungen von Eltern und Bezugspersonen hervorgerufen, die Kinder ängstigen, überfordern, ihnen das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit übermitteln und sie in ihrer psychischen und/oder körperlichen Entwicklung beeinträchtigen können.
  • „passiert“ oftmals eigentlich ohne böse Absicht.
  • wird unterschiedlich aufgefasst; was dem einen noch Spaß macht, kann für den oder die andere schon Verletzung, Abwertung, Verwundung bedeuten.
  • kann dadurch entstehen, dass die Eltern den Druck, dem sie in der Gesellschaft, Arbeit etc. ausgesetzt sind, an ihre Kinder weitergeben.
  • kann auch durch gut gemeinte Hilfsangebote ausgeübt werden.
  • entsteht und besteht dort, wo Kinder und Jugendliche einer Dynamik von „zu viel“ oder „zu wenig“ ausgesetzt sind und die existenziellen Bedürfnisse der Kinder keinen Platz haben.
  • manifestiert sich dort, wo Kinder bei für sie schwierigen Erfahrungen/ Erlebnissen keine Sprache bzw. keine Ausdrucksform finden können oder dürfen.
  • tritt nicht nur alleine auf, sondern zumeist auch als „stille Schwester“ aller anderen Gewaltformen.“
  1. Sexueller Missbrauch

Vom Österreichischen Bundesministerium für Familie und Jugend wird dieser folgendermaßen definiert:

„Sexueller Missbrauch von Kindern ist …

  • … wenn Erwachsene oder ältere Jugendliche sich bewusst und absichtlich am Körper eines Kindes befriedigen oder sich von einem Kind befriedigen lassen.
  • … immer gewaltsames Eindringen in die Psyche und/oder den Körper eines Kindes, durch Blicke, Bemerkungen, Gegenstände oder Körperteile.
  • … in erster Linie körperliche und psychische Gewalt und dient als Mittel, um Macht und Überlegenheit zu gewinnen.
  • … die Befriedigung der Bedürfnisse nach Macht, Anerkennung, Körperkontakt und Sexualität auf Kosten eines oder einer Schwächeren.
  • … ein Missbrauch des Vertrauens der Kinder: Nur durch das Vertrauen und den Schutz, den Kinder genießen, können sie sich entfalten. So wird sexueller Missbrauch auch zu einer schweren Gefährdung für die Entwicklung des Kindes.

Sexueller Missbrauch beginnt …

  • … wenn Erwachsene absichtlich Situationen herbeiführen, planen oder ihre Machtposition missbrauchen, um sich sexuell zu erregen.
  • … mit einer nicht altersgemäßen Aufklärung über Sexualität.
  • … bei der „fachmännischen Beurteilung“ der körperlichen Entwicklung eines Kindes.
  • … mit der Beobachtung eines Kindes beim Ausziehen, Baden, Waschen (Voyeurismus).
  • … mit dem Zeigen der eigenen Genitalien (Exhibitionismus).

Sexueller Missbrauch geht bis …

  • … zum Zeigen pornographischer Abbildungen oder Videos.
  • … zu sexualisierten Küssen.
  • … zum Masturbieren in Anwesenheit eines Kindes.
  • … zum Berühren oder Manipulieren der Genitalien des Kindes.
  • … zum Zwingen eines Kindes, die Genitalien des Erwachsenen zu berühren.
  • … zum Reiben des Penis am Körper eines Kindes.
  • … zum Eindringen in Scheide/After des Kindes mit Finger(n), Penis oder Fremdkörpern.
  • … zu Pornographie mit Kindern und Jugendlichen sowie Kinderprostitution.“

Wie sich aus den jeweiligen Beschreibungen erkennen lässt, sind die einzelnen Bereiche nicht immer klar voneinander zu trennen, oft wird Gewalt gleich auf mehreren Ebenen ausgeübt. Ein Kind, das sexuell missbraucht wird, wird dabei auch seelisch und psychisch, sowie meist auch körperlich misshandelt. Ein Kind, das geschlagen wird, erfährt dadurch unweigerlich auch seelisches Leid.

Gewalt beginnt aber, wie oben ersichtlich, nicht erst bei Prügel oder Vergewaltigungen. Sie setzt viel früher an, und wird leider von außen oft erst viel zu spät erkannt.

Viele Formen von Gewalt sind aber auch gesellschaftlich akzeptiert, wenn nicht gar gefördert. So denken heute immer noch viele Eltern, dass ein Klaps auf den Po oder eine Ohrfeige dem Kind keinen Schaden zufügen.

„Eine „Watsch´n“ hat ja schließlich noch niemandem geschadet.“

Das ist, so unglaublich es klingt, tatsächlich immer noch die Meinung vieler erwachsener Menschen. Oft auch solcher, die es besser wissen müssten, weil sie es am eigenen Leib erlebt haben. In vielen Fällen übernehmen Menschen, die als Kinder geschlagen wurden, dieses Verhalten ihrer Eltern leider und werden selbst Eltern, die wiederum ihre eigenen Kinder schlagen. Ein in der Kindheit erlerntes Verhaltensmuster ist eben meist schwer zu verändern2015-08-03 18.05.54. Ein Ausbruch aus der Gewaltspirale kann erst dann gelingen, wenn die Betreffenden sich des Musters bewusst werden und es aktiv ändern wollen. Das sind dann Menschen, die beschließen, anders zu sein als ihre Eltern und den Kreis zu durchbrechen.

 Eines ist sicher: Gewalt wirkt sich negativ auf das Kind aus.

Ich habe bereits mehrfach betont, dass Gewalt das Kind schädigt, welche Folgen aber kann Gewalt denn konkret mit sich bringen?

Es lässt sich (nach Kiwus und Körner) grundsätzlich zwischen Kurz- und Langzeitfolgen unterscheiden:

  • Kurzzeitfolgen

Bei körperlicher Gewalt kommt es meist zu äußeren Merkmalen wie Blutergüssen, Kratzern, Narben, Beulen, Verbrennungen etc.).

Psychische Gewalt zeigt sich oft in Form von Entwicklungsrückständen und psychosomatischen Symptomen.

Sexueller Missbrauch äußert sich etwa durch altersinadäquates, sexualisiertes Verhalten oder durch Verletzungen im Genital- bzw. Analbereich.

  • Langzeitfolgen

Diese äußern sich im Erwachsenenalter durch verschiedenste Störungsbilder, wobei Frauen eher internalisierte Störungen (Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, autoaggressives Verhalten) aufweisen, Männer hingegen eher zu Störungen im Sozialverhalten (Aggression, Substanzmissbrauch etc.) neigen.

Nicht zu vernachlässigen sind obendrein die Folgen partnerschaftlicher Gewalt auf ein Kind. Oft treten Kindesmisshandlungen in Zusammenhang mit Partnergewalt auf, dabei kann sich jedoch schon allein das Miterleben von Gewalt zwischen den Eltern negativ auf die Entwicklung eines Kindes auswirken.

Gewalt in jeglicher Form fügt dem Kind Schaden zu!

Nicht immer ist Eltern bewusst, dass sie ihrem Kind Gewalt antun. Oftmals ist gewalttätiges Handeln auch nicht als solches klar erkennbar. Vieles, was in den Bereich psychischer Gewalt fällt, wird von liebenden Eltern ohne jegliche böse Absicht getan. Vieles wird unreflektiert gesagt oder getan, oft ist man von seinen eigenen Emotionen und Verhaltensmustern derart gesteuert, dass man selbst nur schwer oder gar nicht sieht, was man falsch macht.

Wenn wir manchmal laut werden und unser Kind anschreien, so sind wir uns selbst vielleicht gar nicht im Klaren darüber, dass es sich hierbei um eine Form von Gewalt handelt.

Es kommt natürlich auch oft darauf an, wie etwas aufgefasst und wie insgesamt miteinander umgegangen wird. Ein Kind, das generell viel Zuwendung und Wertschätzung erfährt, wird den Umstand, dass seine Eltern ab und zu ihre Stimme erheben, anders (nämlich weit besser) verarbeiten als ein Kind, das geschlagen und zudem noch ständig angeschrien wird.

Dennoch: wir Eltern müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Art und Weise, wie wir unser Kind behandeln, sich in dessen Entwicklung und Verhalten widerspiegeln wird. Wir sind die Erwachsenen, in deren Händen das Schicksal der Kinder liegt. Gewalt (jeglicher Form) ist eine abzulehnende Erziehungsmaßnahme, wenn wir unser Kind lieben und wertschätzen wollen.


Tamara Jungbauer