„Mama, ich mag dir was erzählen!“ – wie wir unser Abendritual entwickelt haben und warum es für uns nicht mehr wegzudenken ist.

schlafenEs gab Zeiten, da war das Einschlafen meines ersten Sohnes mit viel Zeit und Geduld verbunden. Letztere zu behalten, war nicht immer einfach. Heute ist er 5 und mein kleinster Mann 3 und ich liebe unser abendliches Zu-Bett-geh-Ritual!

Ich habe von Anfang an darauf geachtet, Regelmäßigkeit und viel Geborgenheit in das abendliche Zu-Bett-geh-Ritual zu bringen. Als sie noch klein waren, versuchten wir die Abfolge der hygienischen Maßnahmen, das Pyjama-anziehen, verbunden mit Massagen und Liedern zu gestalten. Je älter unsere Kinder wurden, desto wichtiger wurden die allabendlichen Geschichten.

Feste Abläufe geben Halt und Sicherheit.

Auch heute noch haben wir unsere festen Abläufe, wenn es abends heißt: „Schlafenszeit!“ Wir putzen die Zähne, waschen die Kinder, dann ziehen sie ihre Pyjamas an und suchen Bücher aus. Meist liest Papa die Geschichten vor, während sie zu dritt im (inzwischen recht engen) unteren Teil des Stockbettes liegen.

„Mama, wir wollen beten!“

Nach dem Lesen „beten“ wir. Wir nennen es so obwohl es kein Beten im eigentlichen Sinne ist. Wir lassen unseren Tag Revue passieren, sprechen über die Erlebnisse, die wir hatten, und sagen Worte der Dankbarkeit. Ich mache dies mit den Kindern einzeln, weil sie das so möchten. Während mein kleinster Mann mit wenigen Worten und viel Kuscheln zufrieden den Tag beendet, braucht mein kleiner Mann im Moment besonders viel Gespräch vor dem Schlafen.

Abendliche Gespräche stärken unsere Beziehung.

Er möchte wissen, was ich gemacht habe, um mir anschließend zu erzählen, was er erlebt hat. Meist kommen dabei Geschichten und Gedanken zutage, die wir uns während des Tages so nicht erzählen können. Vor dem Schlafen fühlen wir uns einander ganz nah und verbunden. Geheimnisse werden auf diese Weise vertrauensvoll geteilt und am Ende gleitet mein Sohn glücklich ins Land der Träume und ich ebenso glücklich hinaus ins Wohnzimmer. Manchmal stelle ich dann erst fest, dass ich gerade eine halbe Stunde mit meinem Sohn geplaudert habe. Dabei fühlte es sich nicht halb so lang an…

Ich möchte unser Abendritual nicht missen und kann nur allen Eltern dazu raten, ein – ganz individuelles, für sie und ihre Kinder – passendes zu entwickeln. Es bereichert alle Beteiligten, gibt den Kindern Geborgenheit stärkt ihr Vertrauen und die Beziehung zueinander. 

 

Alles Liebe,

Deine

Tamara_Schrift

 

 

 

 

„Sag schön`Guten Tag´!“ – warum du dein Kind nicht zu „Höflichkeiten“ drängen solltest!

Es gibt sie immer wieder und bei jedem Kind: Situationen, in denen wir Eltern das Gefühl haben, unser Kind sollte doch bitte etwas sagen: „Guten Tag“, „Auf Wiedersehen“, „Bitte“ oder „Danke“ zum Beispiel. Es gehört sich doch schließlich so, oder? Wenn wir der redefreudigen Nachbarin begegnen, sollte doch auch unser Kind zumindest ein Wort des Grußes über die plötzlich zusammengepressten Lippen bringen, der Höflichkeit halber? Aber ist dem wirklich so oder überschreiten wir dabei nicht eine Grenze, die wesentlich bedeutsamer ist als jene gesellschaftlichen Vorgaben: nämlich die persönliche Grenze unseres Kindes?

Wir alle sind als Kind selbst darauf hingewiesen worden: sag schön bitte und danke, sei höflich und grüße immer freundlich. Das gehört sich einfach so. Natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen: Höflichkeit ist eine gesellschaftliche Grundregel. Höfliche Umgangsformen machen soziales Miteinander nicht nur angenehmer, sondern überhaupt erst möglich. Demzufolge ist es auch wichtig, dass wir unseren Kindern möglichst früh diese Regeln vermitteln, damit sie lernen, was in verschiedenen Situationen von ihnen gesellschaftlich erwartet wird.

Motivieren ja, drängen nein.

Kleine Kinder lernen großteils durch Beobachtung. Das heißt, so wie wir uns in den unterschiedlichsten Situationen verhalten, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, hat Einfluss auf das Verhalten unserer Kinder. Wenn wir respektvoll mit anderen umgehen, höflich und freundlich sind, werden auch unsere Kinder zu höflichen Menschen heranwachsen.

Dies bedeutet nicht, dass die kleinen Leute, sobald sie sich verbal auch nur halbwegs gut ausdrücken können, beginnen, dieses an uns beobachtete Verhalten selbst anzuwenden. Sie beobachten erst einmal und irgendwann werden sie selbst entsprechend handeln. Was wir dabei tun können ist, ihnen ein positives Beispiel zu sein. Wir können sie dazu motivieren, sich zu bedanken, wenn sie etwas bekommen, um etwas zu bitten, wenn sie etwas haben wollen usw. indem wir ihnen sagen, was wir von ihnen erwarten. Was wir allerdings nicht tun sollten ist, sie zu drängen oder gar für mangelnde Höflichkeit zu bestrafen.

Jedes Kind braucht seine Zeit.

Manche Kinder haben weniger Schwierigkeiten damit, etwa laut zu grüßen, als andere. Viele Kinder verstummen regelrecht, wenn sie angesprochen werden oder wenn sie das Gefühl haben, es wird von ihnen erwartet, dass sie etwas (Bestimmtes) sagen sollen. Dabei ist es oftmals weder Schüchternheit noch Angst oder Eigensinnigkeit, die die kleinen Menschen vom Reden abhalten. Vielmehr geht es darum, dass manche Kinder länger brauchen, ausgiebiger beobachten müssen, um sich mit Situationen und Menschen „anzufreunden“. Gerade besonders aufdringliche Menschen wie die redselige Nachbarin von nebenan oder die liebe Urstrumpftante, die die Kleinen mit tausend Fragen überhäufen, sie ungefragt in die Wangen kneifen, weil sie so süß sind usw. haben es da oft sehr schwer, wirklich Zugang zu den Kindern zu finden. Bei näherer Betrachtung ist dies auch vollkommen nachvollziehbar. Auch ich möchte nicht von der netten Nachbarin angetatscht werden.

Die kindlichen Grenzen achten.

Kinder haben, wie wir Erwachsenen auch, ihre persönlichen Grenzen. Sie haben das Recht darauf, sich erst einmal ausreichend ein Bild der Person bzw. Situation machen zu dürfen, ehe sie entscheiden, ob sie sich öffnen wollen oder eben nicht. Wenn die lästige Nachbarin das Kind verbal überhäuft -„Ja hallo, wie geht´s dir denn? Na, du bist aber wieder groß geworden!Wo gehst du denn hin? Warst du im Kindergarten heute? Na, warum sagst denn nix??“ – und es dabei vielleicht auch noch am Kopf tätschelt oder ähnliches, dann ist es doch kein Wunder, dass das Kind verstummt!

Ich habe es schon oft erlebt: Kinder öffnen sich, wenn man ihnen die Freiheit gibt, selbst zu entscheiden. Wenn ich dem Kind zeige, ich bin da und du kannst jederzeit zu mir kommen, so wird es viel eher bereit sein, sich zu öffnen, als wenn ich es mit Fragen zuschütte, ihm nicht von der Seite weiche und mich ihm sonst wie aufdränge.

Kinder brauchen Zeit. Sie wollen selbst entscheiden, wen sie wann an sich heran lassen. Überschreitet man ihre Grenzen immer wieder, indem man sie dazu anhält, dass sie mit Leuten sprechen, von denen sie sich überrollt fühlen oder bei denen sie sich (noch) nicht sicher genug fühlen, so zwingt man sie, ihre eigenen Grenzen zu missachten. Auf Dauer wird dadurch die kindliche Integrität verletzt.

Ein Gleichgewicht finden.

Wichtig erscheint mir daher, dass wir unseren Kindern ein gutes Vorbild sind und ihre persönlichen Grenzen respektieren und achten. Wir können sie auf ein Bitte und Danke hinweisen, wenn sie von uns etwas wollen. Wir können ihnen erklären, wann wir andere grüßen oder was wir in verschiedenen Situationen sagen, um die Höflichkeit zu wahren und das Miteinander zu ermöglichen. Noch besser als alles Erklären und Reden ist aber – wie so oft in der Erziehung – unsere Vorbildwirkung. Was wir tun und wie wir selbst uns verhalten ist Maßstab für das Verhalten unserer Kinder.

Und wenn sie dazu bereit sind, werden sie dieses Verhalten auch selbst in die Tat umsetzen.

Wie sag ich´s der aufdringlichen Nachbarin?

Ich als Mama komme immer wieder in Situationen, in denen meine kleinen Männer verstummen. Anfangs tat ich mir sehr schwer damit. „Warum redet er denn nix, ist er schüchtern?“ ist ein sehr beliebter Satz von Menschen wie der aufdringlichen Nachbarin. Während ich früher nicht wusste, was ich darauf sagen sollte, ist meine Antwort jetzt meist kurz und klar: „Nein, er braucht halt einfach seine Zeit.“ Manchmal füge ich dann auch noch ein „Und das ist auch ganz normal.“ hinzu, in die Richtung meines Sohnes gewandt.

Wenn meine kleinen Männer nicht reden wollen, übernehme ich das halt in solchen Situationen für sie. Dann sag ich eben „Danke“ für das Zuckerl, das sie bekommen, oder beantworte die Fragen, die an meine Kinder gerichtet sind an ihrer Stelle. Es ist nicht immer einfach, Verständnis und Geduld zu haben, den kleinen Leuten Zeit zu geben. Aber wir sollten ihre Grenzen akzeptieren. Sie reden eben dann, wenn es für sie passt. Das ist auch völlig in Ordnung so, eigentlich.

 

Deine

Tamara_Schrift

 

 

 

 


Foto: Fotalia

Ist mein Kind hochsensibel?

Hast du die Vermutung, dass dein Kind hochsensibel sein könnte?

Möchtest du herausfinden, ob dein Kind über diesen Wesenszug verfügt?

Mach den Test!

Test nach Elaine N. Aron: Ist mein Kind hochsensibel?

Test nach Rolf Sellin: Ist mein Kind hochsensibel?

Bist du unsicher, wie du dein Kind in seiner Hochsensibilität annehmen kannst? Ergeben sich Schwierigkeiten für euer Miteinander? Fühlst du dich hilflos, weißt nicht mehr weiter im Umgang mit deinem Kind?

Button_Anfrage

 

Deine

Tamara_Schrift

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Liebe Mamas!Pregnant

Heute möchte ich mit euch einen Text aus Khalil Gibrans „Der Prophet“ teilen, den ich persönlich sehr berührend finde. Er passt, wie ich finde, sehr gut zu einer achtsamen und bindungsorientierten Form der Erziehung und Eltern-Kind-Beziehung, die das Kind als individuelles Wesen mit eigenen Bedürfnissen, Gedanken und Werten schätzt und respektiert.  ♥

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter

der Sehnsucht des Lebens

nach sich selbst.

Sie kommen durch euch,

aber sie sind nicht von euch,

und auch wenn sie bei euch sind, gehören sie euch nicht.

Ihr könnt ihnen eure Liebe geben,

aber nicht eure Gedanken,

weil sie ihre eigenen Gedanken haben.

Ihr könnt ihren Körpern eine Behausung geben,

aber nicht ihren Seelen,

weil ihre Seelen im Haus von  morgen wohnen,

welches ihr nicht betreten könnt,

noch nicht einmal in euren Träumen.

Ihr könnt versuchen,

wie sie zu sein,

aber versucht nicht sie euch anzugleichen,

das Leben geht nicht rückwärts,

noch verweilt es im Gestern.

Ihr seid die Bogen,

von denen eure Kinder

als lebende Pfeile abgeschossen werden.

Der Bogenschütze sieht das Ziel

auf dem Pfad der Unendlichkeit,

und Er biegt euch mit Seiner Kraft,

damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.

Möge das Gebogenwerden

in des Schützen Hand

Freude in euch auslösen.

So wie Er den fliegenden Pfeil liebt,

so liebt Er auch den Bogen,

der fest steht.

Eure

Tamara_Schrift

Das Indianerzelt

20150814_200052 (2)

Urlaub auf dem Land bei der Uroma ist Abenteuer pur für meine kleinen Männer. Sie können die Haustür aufmachen und in den riesigen Garten stürmen, den ehemaligen Stall des 300 Jahre alten Bauernhofes erkunden, das viele Holz, das überall herumliegt, weil die Uroma es zum Heizen und teilweise auch zum Kochen braucht, für diverse Spiele wie Aufeinandertürmen, Schlichten, in Kisten Packen und Herumtragen uvm. verwenden. Sie finden ständig irgendein Utensil, das erkundet und in seinen vielen Funktionen ausgiebig getestet werden will. So kann ein simples Stück Seil die Kinder einen ganzen Vormittag lang beschäftigen. Der kleine Bruder zieht es umher wie eine Nachziehente, der große Bruder knotet es überall fest, baut damit Fallen und fesselt seinen kleinen Bruder oder den Papa. Ein Besen wird zum Reiten benutzt, die zahlreichen Pflanzen und Blumen der Uroma mit Liebe und Ausdauer gegossen. Zum Glück ist es gerade sehr heiß und Wasser von pflanzlicher Seite überaus erwünscht.

Als wir an einem Nachmittag vom Badeteich zurückkommen, klagt mein kleiner dennoch über Langeweile. Auch wenn er es im ersten Moment nicht annehmen kann, versichere ich ihm, dass es durchaus gut ist, sich mal zu langweilen. Nachdem er einige Minuten missmutig seiner Langweile frönt, hat er offenbar einen Geistesblitz. Wie aus heiterem Himmel packt ihn die Kreativität und er beginnt, ein Indianerzelt zu bauen. Sein Papa hilft ihm dabei, die Holzstöcke oben zusammenzubinden und die Decke zu befestigen, alles andere macht mein Sohnemann selbst.

Ich staune wieder einmal, wie kreativ und euphorisch Kinder sein können, wenn sie etwas von sich aus tun, aus eigenem Antrieb und mit Ideen, die aus ihren kleinen Köpfen entwachsen, ohne irgendeinen äußeren Einfluss. Die Freude, die dabei entsteht, ist unermesslich und echt.

Ich habe den Moment, mein Kind bei diesem erfüllenden Erleben beobachten zu dürfen, einfach nur genossen und mich von seiner Freude anstecken lassen.

Einer der vielen wunderschönen kleinen Momente mit meinen Kindern, den ich achtsam und dankbar mit ihnen teilen durfte.

Die frühkindliche Entwicklung

P1010620Jedes Kind bringt von Natur aus ein individuelles Repertoire an Genen mit, die nicht nur sein ganz spezielles (mit keinem anderen Menschen vergleichbares) Aussehen bestimmen, sondern auch seine ihm eigene Persönlichkeit. Während das eine Kind temperamentvoll, und extrovertiert ist, wird ein anderes ruhig und eher introvertiert geboren. Die Veranlagung ist also die Grundvoraussetzung, die das Kind mitbringt, um überhaupt erst entstehen zu können.

Die zweite Seite der Medaille macht die Umwelt aus, und hier im Besonderen die Eltern als primäre Bezugspersonen.

Veranlagung und Umwelt stehen in engem Zusammenhang.

Wir Eltern können uns nicht allein auf die Veranlagung berufen, wenn es um Erziehung geht. Ein Kind, das von Natur aus sehr impulsiv ist, braucht umso mehr die liebevolle Unterstützung seiner Eltern, um zu lernen, seine Gefühle in die richtigen Bahnen zu lenken.

Es gilt also, zu unterscheiden und abzuwägen: Persönlichkeitsmerkmale sind veranlagt, sie machen das Wesen des Kindes aus, das wir nicht verändern wollen (und können). Die Art und Weise aber, wie sich unser Kind in bestimmten Situationen verhalten soll, lernt es durch uns.

Wir Eltern schaffen für unser Kind die Umgebung, in der es seine Eigenschaften und Fähigkeiten möglichst gut entfalten kann. Körperliches und psychisches Wohlbefinden sind hierfür wesentliche Voraussetzungen, ebenso wie die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können.

Ein Kind, dessen körperliche Bedürfnisse ebenso wie das Grundbedürfnis nach Nähe und Zuwendung zuverlässig gestillt werden, und das in der Entwicklung seiner Selbständigkeit ausreichend gefördert wird, kann sich optimal entwickeln.

Einflussfaktoren für die kindliche Entwicklung

Laut einer wissenschaftlichen Studie der amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner aus den 1970er Jahren können sich folgende Faktoren auf die Entwicklung eines Kindes auswirken:

1. Risikofaktoren zum Zeitpunkt der Geburt:

  • Chronische Armut
  • Geringer Bildungsgrad der Mutter
  • Perinatale (=um die Geburt herum) Komplikationen
  • Entwicklungsverzögerungen
  • Genetische Anomalien
  • Psychologische Auffälligkeiten der Eltern

 2. Belastungsfaktoren:

  • Längere Trennung von den Eltern im 1. Lebensjahr
  • Erkrankung der Eltern
  • Behindertes Geschwisterkind
  • Abwesenheit des Vaters
  • Scheidung/Trennung der Eltern
  • Außerfamiliäre Unterbringung
  • Bei Mädchen: Schwangerschaft in der Adoleszenz

3. Protektive Faktoren:

  • Erstgeborenes Kind
  • Hohe Aktivität des Säuglings
  • Positives Sozialverhalten
  • Fähigkeit zur Selbsthilfe
  • Gute Kommunikation7
  • Ausgeprägte Interessen
  • Selbstkontrolle
  • Positives Selbstkonzept

4. Umgebung:

  • Viel Zuwendung
  • Positive Eltern-Kind-Beziehung
  • Weitere Bezugspersonen
  • Freunde
  • Geregelter und strukturierter Haushalt
  • Zusammenhalt in der Familie
  • Hilfe und Rat bei Bedarf (v.a. in der Adoleszenz)

Die eben genannten Einflussfaktoren können sich entsprechend positiv oder negativ auf die Entwicklung eines Kindes auswirken. In der Studie von Emmy Werner wurde auch festgestellt, dass manche Kinder sich trotz vielfältiger Risiko- und Belastungsfaktoren positiv entwickeln, was auf eine in diesen Personen vorhandene Resilienz zurückzuführen ist. Manche Menschen sind trotz widrigster Umstände nicht unterzukriegen, sie schaffen es unter schlimmsten Bedingungen, positiv und stark zu bleiben, und immer wieder aufzustehen, um aus negativen Erfahrungen zu wachsen. Sie sind regelrechte „Stehaufmännchen“ und scheinbar durch nichts kleinzukriegen. So kann es passieren, dass ein Kind, das etwa in chronischer Armut bei alkoholkranken Eltern in liebloser Umgebung als eines von zehn Kindern aufwächst, sich dennoch positiv entwickelt. Vielleicht weil es eine Tante oder eine andere zusätzliche Bezugsperson hat, die es auffängt und ihm eine ausreichende Stütze ist, um nicht im Elend zu versinken. Oder weil es ganz einfach die Fähigkeit besitzt, immer wieder in sich selbst die Kraft zu finden, das Beste aus seiner Situation heraus zu holen.

In der Regel aber verhält es sich doch so, dass das Zusammenspielen ungünstiger Bedingungen die Entwicklung eines Kindes negativ beeinflusst.

Die Pubertät, also die Phase zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr, ist eine besonders anfällige Zeit für Manifestationen psychotischer und neurotischer Erkrankungen, die oftmals erst später, im Erwachsenenleben, zum Ausdruck kommen.

In dieser Phase stehen die Jugendlichen vor der schwierigen Aufgabe, sich selbst neu zu finden und zu definieren, sie sind innerlich zerrüttet und müssen herausfinden, was ihr „Ich“ ausmacht, sich hierfür auch von den Eltern lösen. Gleichzeitig blühen die Hormone auf und sie müssen auch mit der Veränderung ihres Körpers umzugehen lernen. Es kommt einfach vieles zusammen – eine sehr schwierige und problembehaftete Zeit, aus der es gilt, möglichst unbeschadet hervorzutreten. Dies gelingt wohl am besten, wenn bereits von Anfang an möglichst günstige, positive Faktoren für eine entsprechend optimale frühkindliche Entwicklung gegeben waren.

Sind die Voraussetzungen für eine gesunde frühkindliche Entwicklung vorhanden, so ist damit auch eine optimale Basis für die gesamte weitere Entwicklung des Kindes geschaffen.

Ein Kind also, das sich bereits von Anfang an optimal entwickeln konnte, wird auch die Pubertät viel eher unbeschadet überstehen als ein Kind, dem es an dieser positiven Voraussetzung mangelt. Ein Kind, das sich nicht positiv entwickeln konnte und zusätzlich vielleicht noch die genetische Veranlagung zu einer psychischen Erkrankung mitbringt, wird in weiterer Folge mit höherer Wahrscheinlichkeit später psychisch erkranken als ein Kind, das sich (trotz vorhandener genetischer Veranlagung) positiv entwickeln konnte.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass eine möglichst positive Entwicklung in den ersten Lebensjahren das Fundament für das gesamte weitere Leben bildet. Was wir hier verabsäumen, lässt sich später nur schwer wieder gerade biegen. Ich behaupte nicht, dass Fehler A in den ersten drei Lebensjahren zu Störung XY im Erwachsenenalter führt. Ich möchte auch nicht den Druck, alles richtig zu machen, den wir Eltern ohnehin schon verspüren, unnötig erhöhen. Aber durch Bewusstwerden, WIE wichtig die ersten Lebensjahre eines Kindes sind und wie es sich in dieser Zeit entwickeln kann und soll, können wir unseren Blickwinkel im Alltag vielleicht doch ein wenig verändern. Möglicherweise fällt es uns mit diesem Hintergrundwissen doch das eine oder andere Mal leichter, innerlich auf Distanz zu gehen und mit dem dadurch gewonnen Abstand wieder besser auf unser Kind eingehen zu können.

Zum besseren Verständnis der kindlichen Entwicklung gehe ich an dieser Stelle auf einige Entwicklungstheorien ein.

Die Entwicklung des Selbst nach Daniel Stern:

Das auftauchende Selbst/die Welt der Gefühle (0 – 2. Monat):

Zu Beginn wird durch die Motorik und die Aktivität wahrgenommen, mit dem Ziel einer Verbesserung der Interaktion. Der Säugling möchte stimuliert werden, er bildet Muster und Erfahrungen. Das zentrale Entwicklungsthema in dieser Phase ist die Schaffung einer grundsätzlichen Ordnung in der Wahrnehmung und im Empfinden des Säuglings. Er erlebt sich als getrennt von der Umwelt, bekommt ein erstes Gefühl von Regelmäßigkeit und Ordnung. Wörter sind noch egal, wichtig aber ist deren Klang und Melodie.

Das Kern-Selbst/die Welt der direkten Kontakte (2. – 6. Monat):

Die zentrale Aufgabe in dieser Phase ist die spezifische, interpersonale Bezogenheit zu den primären Bezugspersonen herzustellen und ein aktives Gefühl der Gemeinsamkeit mit ihnen zu erleben. So kann das Gefühl des fortwährenden Seins erfahren werden. Das Gedächtnis ist bereits sehr aktiv. Die Erfahrung der Nachahmung lässt eine gewisse Gleichheit mit dem Gegenüber erkennen, wobei mit unterschiedlichen Gegenübern unterschiedliche Interaktionen möglich sind.

Zentrales Entwicklungsthema: das Kind erlebt sich bereits auch selbst als handelnd.

Das subjektive Selbst/die Welt der Gedanken (6. – 18. Monat):

Der Säugling entdeckt, dass er ein eigenes Seelenleben hat und dass das auch auf andere zutrifft. Das zentrale Entwicklungsthema dieser Zeit ist die Entdeckung, dass es seine Gedanken und Gefühle potentiell mit einem anderen Menschen teilen kann.

Das verbale oder narrative Selbst/die Welt der Wörter (18. – 30. Monat):

Der Erwerb der Sprache wird eingebunden, dadurch erlangt das Kind die Fähigkeit, das Selbst zum Objekt der Reflexion zu machen. Zentrales Entwicklungsthema: das Kind kann durch die Sprache über Dinge kommunizieren, die nicht da sind.

Die kindliche Entwicklung aus tiefenpsychologischer Sicht

Während Stern sein Augenmerk auf die Entwicklung des Selbst legte, zeigen die Entwicklungsphasen aus tiefenpsychologischer Sicht die kindliche Entwicklung aus einem anderen Blickwinkel. Sigmund Freud unterschied fünf Phasen der psychosexuellen Entwicklung, die jeweils durch bestimmte Entwicklungsschritte gekennzeichnet sind. In weiterer Folge ging er davon aus, dass ein verfehlter Entwicklungsschritt spezifische Folgen (im Erwachsenenalter) mit sich bringen würde.

Die fünf Phasen der psychosexuellen Entwicklung nach Freud:

 1. Orale Phase (erstes Lebensjahr)

In dieser Phase dreht sich alles um den oralen Lustgewinn. Das Kind nimmt jeden Gegenstand erst einmal ausgiebig in den Mund, um ihn zu erforschen und verstehen zu lernen. Es nuckelt an seiner Hand oder am Schnuller, um sich selbst zu beruhigen, hat generell ein sehr großes Saugbedürfnis.

Das Kind baut in dieser Phase Vertrauen auf. Ein Verfehlen dieses Entwicklungsschrittes erzeugt tiefes Misstrauen, was unter anderem Nährboden für primären Narzissmus sein kann.

2. Anale Phase (1-3 Jahre)

Hier findet das Kind durch Ausscheidung seiner Exkremente und schließlich durch deren Zurückhaltung Befriedigung. Das Thema Sauberkeit findet Einzug und ist vorherrschend, das soziale Miteinander und damit verbunden die Konfliktfähigkeit rücken in den Vordergrund. Das Kind lernt erstmals Autonomie.

Ein verfehlter Entwicklungsschritt, etwa durch Fehlverhalten der Eltern bei der Sauberkeitserziehung, kann das tiefe Gefühl von Zweifel oder Scham entstehen lassen.

Geiz, Pedanterie oder übertriebener Ordnungssinn können mögliche Folgen eines in dieser Phase verfehlten Entwicklungsergebnisses sein.

 3. Ödipale Phase (3-5 Jahre)

In dieser Phase richtet sich die Aufmerksamkeit des Kindes verstärkt auf den eigenen Körper. Das Kind lernt, Initiative zu übernehmen. Seine Triebwünsche äußern sich in der Regel im Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteiles, wobei sich das Kind am gleichgeschlechtlichen Elternteil orientiert, um die Geschlechterrolle übernehmen zu können.

Bleibt dieser Konflikt bestehen, so spricht man vom sogenannten Ödipus Komplex. Das Kind (bzw. später der Erwachsene) kann sich nicht ausreichend vom geliebten Elternteil lösen. Hier können Schuldgefühle entstehen und Probleme hinsichtlich der eigenen Geschlechterrolle oder Identifizierung mit dem anderen Geschlecht bis hin zur Liebesunfähigkeit.

 4. Latenzperiode (6-11 Jahre)

Hier geht es vor allem um den Erwerb verschiedener Fähigkeiten, um Leistung und Fleiß. Das Kind definiert sich vorwiegend über das, was es lernt.

Nicht überwundene Schwierigkeiten in dieser Phase können zu Minderwertigkeitsgefühlen führen.

5. Genitale Phase (12-18 Jahre)

Sexualität gerät in den Mittelpunkt. Sie wird auf außerfamiliäre Personen gerichtet und dient erstmals nicht mehr ausschließlich zur Lustgewinnung, sondern auch der Fortpflanzung. Die eigene Identität zu finden, ist ebenfalls wichtiges Thema.

Ein verfehlter Entwicklungsschritt in dieser Periode kann u.a. zu Identitätsverlust führen.


Eine weitere Entwicklungstheorie stammt von Erik Erikson, die eine Weiterführung von Freuds Phasentheorie ist. Sie besteht nunmehr aus acht Stufen und beinhaltet eine soziale Dimension. Erikson unterteilt die kindliche (bzw. menschliche) Entwicklung in folgende Abschnitte:

  1. Urvertrauen vs. Urmisstrauen (erstes Lebensjahr):

In dieser Phase ist die Zuverlässigkeit und Qualität der primären Bezugsperson zentral, um ein grundlegendes Gefühl des Vertrauens aufzubauen (Urvertrauen). Dies gelingt, wenn die Bedürfnisse des Säuglings nach Nahrung, Fürsorge und Zuwendung regelmäßig erfüllt werden. Andernfalls entsteht ein zugrundeliegendes Gefühl von Misstrauen.

Ein solches Misstrauen kann in weiterer Folge chronische Trauerzustände, Depression und Rückzug auf sich selbst nach sich ziehen.

Wichtige Sozialpartner: Mutter (als primäre Bezugsperson).

  1. Autonomie vs. Scham (2. und 3. Lebensjahr):

Die Lösung von der primären Bezugsperson wird durch neue Fähigkeiten des Gehens, Sprechens und der Stuhlkontrolle ermöglicht. Das Kind erlangt dadurch Autonomie.

Wird in dieser Zeit der kindliche Wille permanent gebrochen, so führt dies zu Scham und Selbstzweifel und verhindert die Entwicklung von Autonomie und Selbstkontrolle.

Wichtige Sozialpartner: Eltern.

  1. Initiative vs. Schuldgefühle (3-6 Jahre):

In dieser Phase kommt es zur systematischen Erkundung der Realität. Dadurch lernt das Kind Initiative und Selbständigkeit zu erwerben. Es muss dabei lernen, dass einige Dinge nicht erlaubt sind, weil Interessen der Familienmitglieder betroffen sind. Der eindringenden Initiative folgt die Schuldangst – diesen Konflikt kann das Kind lösen, indem es sich mit der betreffenden Person identifiziert. Idealrollen werden ausprobiert.

Bei unzureichender Lösung dieses Konflikts kann es später u.a. zu Übergewissenhaftigkeit oder Schuldkomplexen kommen.

Wichtige Sozialpartner: Familie.

  1. Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (6-12 Jahre):

Im Alter von 6 bis 7 Jahren lernt das Kind sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule, sich selbst nützlich zu machen und dadurch Anerkennung zu gewinnen. Das Kind lernt den Zusammenhang zwischen Ausdauer und Erfolg. Wird dieser ausgeprägte Werksinn des Kindes nicht ausreichend gefördert, entsteht ein Gefühl von Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit.

Ein Ungleichgewicht zwischen beiden Polen kann zu Arbeitsscheu aufgrund von Versagensängsten, verabsolutiertem Pflichtgefühl oder Arbeitsversessenheit führen.

Wichtige Sozialpartner: Lehrer, Peers.

  1. Identität vs. Identitätsdiffusion (12 – 20 Jahre):

Im Zentrum dieser Phase steht die Identitätsproblematik. Alle vorausgehenden Stufen lieferten die Elemente, die jetzt zusammen vereint werden müssen: Vertrauen, Autonomie, Initiative und Fleiß.

Der Jugendliche muss seine Identität finden und sich hierfür von den Eltern lösen und gleichzeitig in den sozialen Gruppen verschiedene Identitäten ausprobieren.

Gelingt die Identitätsfindung nicht (ausreichend), so kann es später zu Problemen wie ewiger Pubertät, Ruhelosigkeit oder voreiliger Begeisterungsfähigkeit für große Veränderungen kommen.

Wichtige Sozialpartner: die Peer Gruppen.

  1. Intimität vs. Isolierung (20 – 40 Jahre):

Der junge Erwachsene muss intime Beziehungen und enge Freundschaften entwickeln, um nicht in die Isolation zu geraten.

Dies gelingt dann, wenn davor die eigene Identität geklärt wurde. Am wichtigsten sind Liebesbeziehungen, die auf Bindung und geteilter Identität beruhen. Bei fehlender Ich – Identität kommt es häufig zu Angst vor intimen Beziehungen und vor Bindungen.

Nichtgelingen führt zu Isolierung und zur sozialen Distanzierung.

Wichtige Sozialpartner: Ehepartner/Lebensgefährten, enge Freunde.

  1. Generativität vs. Selbstabsorption (40 – 65 Jahre):

Hier geht es generell um das Interesse an der Erzeugung und Erziehung der nächsten Generation. Elternschaft ist das wichtigste Ereignis in dieser Periode.

Ein volles Gelingen ist nicht immer möglich bzw. relativ. Es kann zu Gefühlen drohender Stagnation führen, wenn man Grenzen der eigenen Generativität zu spüren bekommt.

Wichtige Sozialpartner: Ehepartner/Lebensgefährte, Kinder.

  1. Integrität vs. Verzweiflung (ab 65 Jahren):

Im höheren Alter geht es vor allem darum, sein eigenes bisheriges Leben zu akzeptieren und als bedeutungsvoll anzusehen. Letztlich muss auch die Endlichkeit des eigenen Lebens (aufgrund des nahenden Todes) akzeptiert werden.

Wo diese Integrität nicht gelingt, kann es zu Abscheu vor anderen Menschen als auch vor sich selbst und seiner eigenen Geschichtlichkeit kommen. Enttäuschung und Verzweiflung sind dann vorherrschende Gefühle.

Diese beiden Entwicklungstheorien aus der Tiefenpsychologie veranschaulichen die vorherrschenden Themen der einzelnen Altersabschnitte. Sind wir Eltern und Erzieher uns der jeweiligen Entwicklungsphase bewusst, so können wir auch entsprechend einfühlsamer mit dem Kind umgehen.

Das Kind hat, wie sich unschwer erkennen lässt, laufend bestimmte Aufgaben zu meistern, um sich weiter entwickeln zu können. Es tut dies aus eigenem Antrieb heraus, braucht aber unseren Rückhalt und Unterstützung. Mit dem Verfehlen eines Entwicklungsschrittes kann es zu Problemen kommen, die sich möglicherweise auch erst viel später zeigen können. Ich betone an dieser Stelle noch einmal: es kann zu Störungen kommen.

Am Ende zählt das „Gesamtpaket“

Es spielen immer viele verschiedene Faktoren zusammen. Wenn die Ausgangsbedingungen für ein Kind ungünstig sind, weil es beispielsweise in eine lieblose Familie hineingeboren wird, und es kommen in weiterer Folge noch zusätzliche belastende Faktoren hinzu wie etwa Scheidung der Eltern und Fehlen einer stabilen Bezugsperson, so wird es für das betreffende Kind denkbar schwer sein, sich gesund und optimal zu entwickeln. Angefangen in der frühen Kindheit, über die Pubertät bis hin ins Erwachsenenalter.

Wir Eltern haben die Pflicht, die Bedingungen für eine möglichst positive Entwicklung unserer Kinder zu schaffen. Die Möglichkeiten, die wir dabei haben, sind natürlich individuell verschieden. Unsere soziale Herkunft, also die eigene Kindheit und Umgebung, in der wir aufgewachsen sind, die Erziehung, die wir genossen haben, bisherige Erfahrungen in unserem Leben, die Verhältnisse, Beziehungen und Strukturen, in denen wir heute leben… all das nimmt Einfluss darauf, wie wir mit unseren Kindern umgehen und sie erziehen. Nicht alle Faktoren sind beeinfluss- und veränderbar. Wie uns unsere Eltern als Kinder behandelt haben, können wir nicht ändern. Wenn wir etwa alleinerziehend sind und mit einem geringen Einkommen haushalten müssen, dabei oft überlastet sind und daher nicht entsprechend auf unsere Kinder eingehen können, so sind dies Faktoren, die sich oft nur schwer beeinflussen lassen. Wir können aber, den Umständen entsprechend, so weit als möglich ideale Bedingungen dafür schaffen und uns entsprechende Unterstützung von außen holen, damit sich unsere Kinder zu körperlich und psychisch gesunden Menschen entwickeln dürfen. Das sind wir ihnen schuldig und diese Aufgabe kann uns niemand sonst abnehmen.

Die Entwicklung unserer Kinder liegt in unseren Händen.

Tamara_Schrift