„Brav hat er gegessen!“ – wenn traditionelle und moderne Erziehungsansichten aufeinander prallen

Hands of generations

Neulich war ich mit meinen Männern am Land, um die Uroma der kleinen Leute zu besuchen. Es ist jedes Mal wieder eine spannende Herausforderung für mich, die traditionell durch die Kriegs- und Nachkriegszeit geprägte Einstellung der Uroma mitzuerleben und mit ihr umzugehen. 

Mein großer Mann meint, sie hätte sich eh schon „gebessert“, sie halte sich schon viel mehr zurück als zu der Zeit, in der er noch Kind war. Dennoch: sie lässt immer noch oft genug erkennen, was sie für richtig und falsch hält in Sachen Kindererziehung. Und dass sich ihre Meinung nicht mit unserer deckt, wissen wohl beide Seiten.

„Sei brav und iss deinen Teller auf.“

Dieser Satz tut mir gleich doppelt weh. Einerseits weil er generell den Eindruck vermittelt, dass es darum geht, „brav“ zu sein, sprich: zu tun, was die großen Leute sagen, zu gehorchen, um geliebt zu werden. Andererseits weil das Kind damit aufgefordert ist, aufzuessen – unabhängig vom eigenen Hunger- und Sättigungsgefühl.

Dass die Uroma seinem kleinen Bruder verbal applaudierte, weil der „so brav“ seine Palatschinke gegessen hatte, forderte meinen kleinen Mann heraus. So nahm er sich noch eine vierte Palatschinke (obwohl er vorher schon sagte, er sei fertig) die er dann auch beim besten Willen nicht mehr aufessen konnte, nur um die alte Dame zu erfreuen.

Es schmerzt mir in der Seele, wenn ich sehe, was meine Kinder tun, um die urgroßmütterliche Anerkennung zu erhalten. Kinder haben unglaublich feine Antennen, sie merken sofort, was „von ihnen erwartet“ wird und wollen nur zu gern diese Erwartungen erfüllen.

„Zu meiner Zeit hätt´s das nicht gegeben!“

Die Uroma ist natürlich auch der Meinung, Kinder müssten bei Tisch sitzen bleiben bis alle fertig gegessen haben (bei uns zuhause dürfen die kleinen Leute aufstehen, wenn sie beide fertig sind), sie haben sich „gut zu benehmen“, wenn sie sich verletzen, dann „hätten sie besser aufpassen sollen“, auf Weinen ohne „ersichtlichen Grund“ reagiert sie mit Worten wie „na is ja nix, bist ja ein großer Bub, musst ja ned weinen“. Dass ein Kind beim Haare schneiden nicht still sitzen bleiben möchte, kann sie nicht nachvollziehen; dass ein Kind nicht verstehen kann, warum es bei einer Pflanze Blätter abrupfen darf, dies aber bei einer anderen uromaliche Schimpftiraden auslöst, ist ihr schleierhaft.

Und dass von Männern jeglichen Alters keinerlei Hilfe im Haushalt erwartet wird, weil die Frauen für diesen Bereich zuständig sind, versteht sich von selbst. Ganz nebenbei bemerkt.

Die Uroma denkt eben: ein Kind muss „sich benehmen“, und aus.

Woher das kommt, ist bei näherer Betrachtung nicht weiter verwunderlich. Sie ist in der Zwischenkriegszeit geboren, hat den zweiten Weltkrieg mit allem drum und dran miterlebt. Zu dieser Zeit ging es dem Regime vor allem um eines: die Menschen sollten der Führung blind gehorchen. Nachdenken, in Frage stellen, Kritisieren oder Aufbegehren waren nicht erwünscht. Nebenbei gab es nicht genügend zu essen, man musste an allen Ecken und Enden sparen, die Existenz vieler Menschen war gefährdet, die Stimmung von Angst geprägt. Dies alles spiegelte sich natürlich auch in der Kindererziehung wider.

 

Die Eltern hatten das Sagen, die Kinder nicht zu hinterfragen, sondern schlicht zu befolgen. Die Bedürfnisse der kleinen Leute wurden nicht groß beachtet. Gefühle waren fehl am Platz – die Menschen mussten lernen, hart zu werden. Anders hätten sie ihr Schicksal wohl nicht verkraften können. Kinder sollten vor allem eines: nach außen hin „anständiges Benehmen“ an den Tag legen, um vorzeigbar zu sein. Sie mussten Befehle befolgen, mit anpacken und viel zu viel Verantwortung übernehmen. Kinder, die in einer derartigen Umwelt aufwachsen, lernen von klein auf, dass ihre Bedürfnisse nicht zählen, dass emotionale Härte und Strenge wichtig sind zum Überleben und „brav“ zu sein die einzige Möglichkeit ist, ein Stückchen Anerkennung zu bekommen. Die Erwachsenen wiederum machten sich ihre Kinder gefügig, was hätten sie auch anderes tun können, aufgrund der äußeren Umstände? Als diese Kinder dann erwachsen wurden, war es für sie selbstverständlich, diese Werte auch ihren Kindern weiterzugeben, siehe Uroma.

Erst die folgende Generation fing langsam an, dies in Frage zu stellen (Stichwort: „68er“) und spürte erstmals den Wunsch, es anders zu machen. Aber die traditionellen Werte blitzen auch heute noch in vielen Familienstrukturen auf. Auch meine Eltern vertreten sie noch in vielerlei Hinsicht, ich bin mit vielen Anschauungen aus der „guten alten Zeit“ aufgewachsen, wurde dadurch „geprägt“. Erst seit meinem Studium wurde ich mir dessen bewusst, dass es auch Alternativen gibt und ich habe angefangen, mich moderneren Sichtweisen zuzuwenden, die weit mehr meinen eigenen Vorstellungen von Erziehung entsprechen. Auch ich habe dabei immer wieder gemerkt (bzw. merke es manchmal immer noch), dass es nicht immer einfach ist, aus alten Mustern, mit denen man selbst aufgewachsen ist, auszubrechen.

 

Wir können uns heute nicht anmaßen, über die Menschen zu urteilen, die in einer Zeit leben mussten, in der Krieg und Hungersnot herrschten; in der es darum ging, sich anzupassen, um zu überleben. Ich kann die Uroma ja irgendwo verstehen. Kann nachvollziehen, warum sie so denkt, wie sie eben denkt. Ihre Überzeugungen sind total kontrovers zu den meinigen, aber ich respektiere sie trotzdem. Und wenn mir ihre Bemerkungen, die sich an meine Kinder richten, zu weit gehen, schreite ich ein.

Das ist aber nur selten notwendig, denn (meine) Kinder sind nicht dumm. Sie können klar unterscheiden, wer was sagt und wo was gilt. So reicht allein schon ein Blick zwischen meinem kleinen Mann und mir, der zeigt, was wir beide wissen: die Regeln hier sind nicht unsere – zuhause ist es ohnehin anders.

Erziehung heute ist eben anders als damals.

Heute sind wir an einem Punkt angelangt, an dem es ein breites Spektrum von Meinungen und Arten der Kindererziehung gibt. Die meisten von ihnen zielen auf einen respektvollen und liebevollen Umgang mit Kindern ab, stellen die kindlichen Bedürfnisse in den Vordergrund. Eltern sehen sich immer mehr als Begleiter ihrer Kinder. Das Machtgefälle löst sich zunehmend auf. Eltern nutzen ihre von Natur aus gegebene Macht über das Kind nicht mehr dazu, es zu blindem Gehorsam zu erziehen. Auch Kinder dürfen heute „mitreden“, was lange Zeit nicht erlaubt war.

Eine negative Folge des breiten Spektrums an Erziehungsmethoden ist jedoch die Orientierungslosigkeit vieler Eltern. Früher war allen klar, wie ein Kind erzogen werden muss. Das „gute Benehmen“ war oberstes Ziel der Kindererziehung. Heute gibt es unglaublich viele unterschiedliche Methoden und Meinungen, die akzeptiert sind und sich in vielen Bereichen oft sehr ähnlich sind, manchmal aber auch in komplett gegensätzliche Richtungen tendieren. Sich in diesem „Erziehungsdschungel“ seine eigene Sicherheit in Bezug auf die Art und Weise, wie man sein Kind erziehen möchte, zu bewahren bzw. eine solche zu finden, ist für viele Eltern schwierig.

Was mich aber in meiner Meinung, dass es sinnvoll ist, die traditionelle Erziehung durch modernere Sichtweisen zu ersetzen, bekräftigt hat, ist das Ergebnis. Ich möchte keine Kinder, die blind gehorchen und das Gefühl haben, sie werden geliebt, wenn sie sich gut benehmen. Kinder, die in ihrem Erwachsenenleben noch mit den Folgen ihrer Erziehung zu kämpfen haben. Ich möchte meinen Kindern vielmehr eine Mutter sein, die ihre Bedürfnisse erkennt und bestmöglich auf sie eingeht. Ich will meinen Kindern die Sicherheit vermitteln, geliebt zu werden –bedingungslos. Es wäre schön, wenn sie später einmal sagen können: meine Eltern sind ein gutes Vorbild, so möchte ich es bei meinen Kindern auch machen. Zumindest im Großen und Ganzen.

Wie gesagt, ich respektiere auch die Sichtweise von Uroma und Co. Aber warum sollten wir nicht aus den Fehlern der früheren Generationen lernen und neue Wege einschlagen?

Wieder zurück daheim erstaunte mich mein kleiner Mann dann wieder einmal. Als wir mit dem Abendessen fertig waren und sein kleiner Bruder etwas auf dem Teller übrig gelassen hatte, sagte er plötzlich mit breitem Grinsen „Na, da hat er aber heute NICHT BRAV gegessen!“. Er hatte ganz offenbar verstanden, dass die Ansichten der Uroma nicht unsere sind, ohne dass wir es ihm groß erklären hatten müssen. Und wir alle mussten herzhaft über seine Aussage lachen…

 

Foto: Fotalia

Text: Tamara Jungbauer


„Mit diesem Beitrag nehme ich am Eltern Blog Award 2016 teil: www.scoyo.de/eltern/scoyo-lieblinge/blog-award/eltern-blog-award-bewerben.“

 

 

Auch Kinder haben Rechte!

Im März 2015 wurde in Österreich ein Beschluss erlassen, der die uneingeschränkte Geltung der Kinderrechtskonvention der UN ermöglicht:

Karmasin: „Uneingeschränkte Geltung der Kinderrechtekonvention in Österreich ist richtiger Schritt“

Wien (OTS) – Mit dem heutigen Beschluss des Ministerrats zur Zurückziehung der Vorbehalte zu den Art 13, 15 und 17 des Übereinkommens über die Rechte des Kindes stellt die Bundesregierung die Weichen für die uneingeschränkte Geltung der Kinderrechtekonvention in Österreich.

„In zu vielen Ländern der Welt werden Kinderrechte immer noch nicht als das angesehen was sie sind: unverhandelbare Menschenrechte. Es gibt 2,2 Milliarden Kinder auf der Welt, also 2,2 Milliarden gute Gründe, uns für die Umsetzung der Kinderrechte einzusetzen. Daher freue ich mich besonders, dass Österreich nun alle Vorbehalte zurückgezogen und somit die uneingeschränkte Geltung der UN-Kinderrechtekonvention eingeführt hat“, verkündete Familien- und Jugendministerin Sophie Karmasin.

Die bei der Ratifikation der Kinderrechtskonvention abgegebenen Vorbehalte im Jahr 1992 bezogen sich auf die Meinungsfreiheit des Kindes sowie die Informations-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Die heute beschlossene Zurückziehung der Vorbehalte stellt ein erstes Ergebnis des im Jahr 2012 eingerichteten Kinderrechte-Monitoring-Prozesses dar und ist ein entscheidender Schritt zur umfassenden Implementierung der Kinderrechtekonvention in Österreich, wie vom UN-Kinderrechteausschuss in Genf wiederholt gefordert.

Mit der Zurücknahme der Vorbehalte wird nicht nur den wiederholten Empfehlungen des UN-Kinderrechtsausschusses, sondern auch dem evolutiv-dynamischen Charakter der Menschenrechte in Österreich Rechnung getragen. Dem entspricht auch die international vielbeachtete Verankerung der zentralen Grundsätze der Kinderrechtekonvention im Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern vom 20. Jänner 2011.

Verfassungsgesetzlich verankert sind darin insbesondere das Recht auf eine gewaltfreie Kindheit (Art. 5), das Recht des Kindes auf angemessene Beteiligung und Berücksichtigung seiner Meinung in seinen eigenen Angelegenheiten und das für die gesamte Rechts- und Sozialordnung geltende Kindeswohlvorrangigkeitsprinzip (Art. 1).

Damit die in Gesetzen verbrieften Rechte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern real Wirkung im Leben junger Menschen zeigen, ist in der allgemeinen Öffentlichkeit auch ein entsprechendes Bewusstsein für die Achtung der Persönlichkeitsrechte von Kindern und für ihren Schutz vor Übergriffen und Gewalt zu schaffen. „Ich möchte mit Bewusstseinsbildung darauf aufmerksam machen, dass wir zu gewaltfreier Erziehung in Österreich kommen. Jede und jeder von uns kann dazu beitragen – allein in dem er hinschaut anstatt wegzuschauen. Denn Gewalt darf niemals Teil der Erziehung sein. Die sogenannte „g’sunde Watschn“ ist niemals gesund sondern immer nur falsch und abzulehnen!“ betonte Karmasin abschließend.

(gefunden auf http://www.kinderrechte.gv.at/)

Diese Änderung ist gut und richtig. Kinder haben Rechte. Beispielsweise ein Recht auf Zuwendung, Respekt und seelisches Wohlbefinden. Denn diese Aspekte sind für das kindliche Überleben und die kindliche Entwicklung nach Remo H. Largo sogar NOCH wichtiger als das Stillen der rein körperlichen Bedürfnisse wie jenes nach Nahrung.

Kinder haben das Recht darauf, ohne Gewalt aufzuwachsen. Gewalt fängt dabei nicht erst bei Schlägen, Tritten oder sexuellem Missbrauch an. Wie Karmasin richtig sagt, ist auch schon die berüchtigte „g´sunde Watsch´n“ oder der „Klaps auf den Po“ eine Gewalthandlung und folglich abzulehnen (siehe auch Gewaltfreie Erziehung).

Es kann gar nicht oft genug betont werden. Gewalt hat in der Erziehung nichts zu suchen!!! Jeder Erwachsene, der Gewalt an einem Kind ausübt, macht sich strafbar! Leider gibt es noch keine exakte gesetzliche Abgrenzung, die bereits „kleinere“ Gewalthandlungen klar mit einschließt. Ich denke, und hoffe, auch das wird irgendwann geändert werden.

Das Problem ist heute immer noch, dass die Gesellschaft zumindest solche „kleineren“ Gewalthandlungen akzeptiert. Klar – jemand, der sein Kind quer über den Spielplatz prügelt, ist völlig unakzeptabel. Das zumindest sieht der Großteil der Erwachsenen inzwischen ein. Aber so eine kleine Ohrfeige, die schadet ja nicht… denken leider immer noch viele Menschen.

Noch vor ein, zwei Generationen war Gewalt in der Kindererziehung noch vollkommen akzeptiert. Kinder hatten zu gehorchen und die Eltern hatten die absolute Macht, was sie auch schlagkräftig demonstrierten. Inzwischen ist man sich zumindest in den Erziehungswissenschaften zum Glück weitgehend einig darüber, dass Gewalt dem Kind schadet und daher gänzlich abzulehnen ist. Viele unterschiedliche Richtungen vertreten heute diesen Standpunkt. Und dennoch gibt es immer noch viele Menschen, die an der „g´sunden Watsch´n“ festhalten.

Warum ist das so? 

Um dies zu verstehen, muss man weiter zurück gehen. Die Generationen vor uns wurden noch geschlagen und haben wiederum ihre eigenen Kinder geschlagen. Gewalttätiges Verhalten wird von Generation zu Generation weiter gegeben. Wer Gewalt erlebt, wird entweder selbstdestruktiv (also schadet sich selbst, indem er die seelischen Verletzungen verbirgt und mehr oder weniger gut damit fertig wird) oder wird selbst gewalttätig. Dass daher die Gewalt inzwischen in der Kindererziehung „ausgemerzt“ worden wäre, ist einfach unmöglich. Zu tief sind die Wurzeln, zu frisch immer noch die Wunden.

Wie aber lässt sich das elterliche Gewaltverhalten beeinflussen?

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich niemanden verurteile. Wie gesagt: Gewaltverhalten ist „erlernt“, also jemand, der sein Kind schlägt, hat es selbst so vorgelebt bekommen und wurde dadurch geprägt. In dieser Hinsicht sind die Täter immer gleichzeitig auch Opfer.

ABER: ich denke auch, dass Erwachsene – im Gegensatz zu Kindern! – die ausgereifte Fähigkeit besitzen, ihr aktuelles Verhalten zu reflektieren. Wir können uns bewusst machen, dass unser Verhalten nicht richtig ist. Immerhin wird heutzutage kaum jemand behaupten können, noch nie davon gehört zu haben, dass Gewalt Kindern nachhaltigen Schaden zufügt. Es ist also notwendig, sich selbst die eigenen Fehler bewusst zu machen und einzugestehen. Dies ist der erste und wohl wichtigste Schritt. Denn sobald dieser getan ist, ist auch die Bereitschaft zu Veränderung gegeben. Und dann kann man etwas tun, ggf. Hilfe in Anspruch nehmen und an sich arbeiten.

Leider sind viele Menschen (noch) nicht dazu bereit, sich ihre Fehler einzugestehen. Wenn ich Eltern höre, die behaupten, dass ihre Kinder ihnen „auf der Nase herumtanzen“, sie „vom Ungehorsam ihrer Kinder genug haben“ oder ähnliche Aussagen, so wird daraus eines ersichtlich: diese Eltern schieben die Verantwortung, die eigentlich bei ihnen liegt, auf ihre Kinder! Kinder werden nicht „böse“ geboren, sind nicht „ungehorsam“, weil sie uns Eltern quälen wollen. Kein Kind „reizt“ seine Eltern aus Bösartigkeit!! Es liegt IMMER in den Händen der Eltern, wie ein Kind sich verhält. Jedes Kind wird immer wieder mal Grenzen seines Verhaltens austesten, das ist gut und wichtig für ihre Entwicklung. Aber sie tun es nicht, weil sie uns Eltern den letzten Nerv rauben wollen.

Damit möchte ich nicht den Eltern die Schuld zuschieben für ihr eigenes Verhalten. Vieles, was unsere Kinder von uns lernen (und sie lernen ja bekanntlich in den ersten Lebensjahren fast ausschließlich durch Beobachtung), vermitteln wir ihnen unbewusst. Durch die Art und Weise beispielsweise, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Eltern sind sich also vieler ihrer Verhaltensweisen nicht einmal selbst bewusst.

Doch wenn ich mein Kind schlage, verletze ich es nicht nur körperlich und seelisch, sondern ich vermittle ihm dadurch gleichzeitig immer auch: Gewalt ist in Ordnung. Egal, ob ich verbal versuche, etwas anderes rüberzubringen. Die indirekte Message sitzt. Wenn ich von meinem Kind respektvoll behandelt werden möchte, so muss ich zuerst ihm Respekt zollen. Erwarte ich, dass mein Kind sich anderen Menschen gegenüber höflich und liebenswürdig verhält, so liegt es zuerst an mir, ihm dieses Verhalten vorzuleben. Insofern tragen wir Eltern also auch die Verantwortung für das Verhalten unserer Kinder.

Ich finde es fürchterlich traurig, wenn ich mitbekomme, wie manche Eltern ihre Kinder behandeln, die Schuld einzig beim Kind suchen und blind sind für ihre eigenen Fehler.

Ich bin keine Über-Mama, das habe ich nie behauptet. Ich habe auch meine Fehler, und ich stehe zu ihnen. Ich versuche meinen Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Gewalt lehne ich strikt ab – auch die sogenannte „g´sunde Watsch´n“. Ob ich eine gute Mutter bin, können nur meine Söhne beurteilen. Aber ich denke, ich bin gut genug. Ich übernehme meine Verantwortung und versuche, meinen Kindern eine glückliche Kindheit zu ermöglichen, auf die sie mit Freude zurückblicken können, wenn sie selbst erwachsen sind.

Ich bin der Meinung, dass alle Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Doch das Beste zu wollen und dieses Beste in ein entsprechendes (Erziehungs-) Verhalten umzusetzen sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Es geht mir nicht darum, mit dem Finger auf Eltern zu zeigen oder jemanden zu verurteilen. Alle Eltern lieben ihre Kinder. Doch nicht alle können diese Liebe in der Form zum Ausdruck bringen, die gesund für das Kind ist.

 

 Tamara Jungbauer