„Mama, ich mag dir was erzählen!“ – wie wir unser Abendritual entwickelt haben und warum es für uns nicht mehr wegzudenken ist.

schlafenEs gab Zeiten, da war das Einschlafen meines ersten Sohnes mit viel Zeit und Geduld verbunden. Letztere zu behalten, war nicht immer einfach. Heute ist er 5 und mein kleinster Mann 3 und ich liebe unser abendliches Zu-Bett-geh-Ritual!

Ich habe von Anfang an darauf geachtet, Regelmäßigkeit und viel Geborgenheit in das abendliche Zu-Bett-geh-Ritual zu bringen. Als sie noch klein waren, versuchten wir die Abfolge der hygienischen Maßnahmen, das Pyjama-anziehen, verbunden mit Massagen und Liedern zu gestalten. Je älter unsere Kinder wurden, desto wichtiger wurden die allabendlichen Geschichten.

Feste Abläufe geben Halt und Sicherheit.

Auch heute noch haben wir unsere festen Abläufe, wenn es abends heißt: „Schlafenszeit!“ Wir putzen die Zähne, waschen die Kinder, dann ziehen sie ihre Pyjamas an und suchen Bücher aus. Meist liest Papa die Geschichten vor, während sie zu dritt im (inzwischen recht engen) unteren Teil des Stockbettes liegen.

„Mama, wir wollen beten!“

Nach dem Lesen „beten“ wir. Wir nennen es so obwohl es kein Beten im eigentlichen Sinne ist. Wir lassen unseren Tag Revue passieren, sprechen über die Erlebnisse, die wir hatten, und sagen Worte der Dankbarkeit. Ich mache dies mit den Kindern einzeln, weil sie das so möchten. Während mein kleinster Mann mit wenigen Worten und viel Kuscheln zufrieden den Tag beendet, braucht mein kleiner Mann im Moment besonders viel Gespräch vor dem Schlafen.

Abendliche Gespräche stärken unsere Beziehung.

Er möchte wissen, was ich gemacht habe, um mir anschließend zu erzählen, was er erlebt hat. Meist kommen dabei Geschichten und Gedanken zutage, die wir uns während des Tages so nicht erzählen können. Vor dem Schlafen fühlen wir uns einander ganz nah und verbunden. Geheimnisse werden auf diese Weise vertrauensvoll geteilt und am Ende gleitet mein Sohn glücklich ins Land der Träume und ich ebenso glücklich hinaus ins Wohnzimmer. Manchmal stelle ich dann erst fest, dass ich gerade eine halbe Stunde mit meinem Sohn geplaudert habe. Dabei fühlte es sich nicht halb so lang an…

Ich möchte unser Abendritual nicht missen und kann nur allen Eltern dazu raten, ein – ganz individuelles, für sie und ihre Kinder – passendes zu entwickeln. Es bereichert alle Beteiligten, gibt den Kindern Geborgenheit stärkt ihr Vertrauen und die Beziehung zueinander. 

 

Alles Liebe,

Deine

Tamara_Schrift

 

 

 

 

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Deine

Tamara_Schrift

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Liebe Mamas!Pregnant

Heute möchte ich mit euch einen Text aus Khalil Gibrans „Der Prophet“ teilen, den ich persönlich sehr berührend finde. Er passt, wie ich finde, sehr gut zu einer achtsamen und bindungsorientierten Form der Erziehung und Eltern-Kind-Beziehung, die das Kind als individuelles Wesen mit eigenen Bedürfnissen, Gedanken und Werten schätzt und respektiert.  ♥

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter

der Sehnsucht des Lebens

nach sich selbst.

Sie kommen durch euch,

aber sie sind nicht von euch,

und auch wenn sie bei euch sind, gehören sie euch nicht.

Ihr könnt ihnen eure Liebe geben,

aber nicht eure Gedanken,

weil sie ihre eigenen Gedanken haben.

Ihr könnt ihren Körpern eine Behausung geben,

aber nicht ihren Seelen,

weil ihre Seelen im Haus von  morgen wohnen,

welches ihr nicht betreten könnt,

noch nicht einmal in euren Träumen.

Ihr könnt versuchen,

wie sie zu sein,

aber versucht nicht sie euch anzugleichen,

das Leben geht nicht rückwärts,

noch verweilt es im Gestern.

Ihr seid die Bogen,

von denen eure Kinder

als lebende Pfeile abgeschossen werden.

Der Bogenschütze sieht das Ziel

auf dem Pfad der Unendlichkeit,

und Er biegt euch mit Seiner Kraft,

damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.

Möge das Gebogenwerden

in des Schützen Hand

Freude in euch auslösen.

So wie Er den fliegenden Pfeil liebt,

so liebt Er auch den Bogen,

der fest steht.

Eure

Tamara_Schrift

Das Sterben der Hummel

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Neulich am Spielplatz fiel meinen kleinen Männern eine am Boden liegende Hummel auf, die sich seltsam bewegte. Erst rotierte sie wie betrunken im Kreis, dann wurden ihre Bewegungen langsamer, bis sie schließlich auf dem Rücken liegend verendete. Dieser ganze Prozess des Sterbens dauerte etwa 40 Minuten, in denen wir zu dritt daneben saßen, beobachteten und redeten.

Mein kleiner Mann dachte zuerst, die Hummel ruhe sich nur aus. Wahrscheinlich sei sie müde und hier sei ihre Couch, auf der sie sich zum Ausruhen hingelegt habe, meinte er. Mein kleinster Mann war ebenso fasziniert von dem, was er sah und hörte, redete seinem großen Bruder alles nach und suchte bei mir immer wieder Bestätigung für seine Annahmen. „Ist die Biene verletzt?“, wollte er immer wieder wissen. (Dass es sich hierbei um eine Hummel und weder um eine Biene, noch um eine Wespe handelte, war ein Irrtum, der sich durch die gesamte Konversation durchzog.)

Ich erklärte, dass die Hummel wohl verletzt oder krank sei, es ihr nicht gut gehe.

„Die Biene beißt!“, schrie mein Kleinster. Ihn hatte nur zwei Tage zuvor eine Hummel in den Fuß gebissen.

„Das ist eine Hummel!“, schrie darauf sein Bruder. „Die Biene beißt nicht, die sticht!“

Mein kleiner Mann wurde vor mehreren Wochen von einer Biene gestochen, auch diese schmerzvolle Erinnerung ist nicht vergessen. Er hat seitdem großen Respekt vor Bienen und allen fliegenden Tierchen, die so ähnlich wie Bienen aussehen. „Die sind böse, stimmt´s Mama?“ sagt er daher. „Nein, Bienen sind nicht böse.“, antworte ich. „Sie haben einfach Angst und dann stechen sie. Stell dir mal vor, wie groß wir in ihren Augen sind. Würden wir auf solche Riesen treffen, würden wir auch stechen, wenn wir könnten.“ Das leuchtet ein, Verständnis ist in seinem Gesicht zu erkennen.

Nebenher werden die Bewegungen der Hummel immer langsamer, nur noch an ihrem Körper ist eine schwache Atembewegung zu erkennen.

„Nicht draufsteigen!“ wird zwischendurch immer wieder von einem der beiden Jungs gebrüllt, was den jeweils anderen, der das Stückchen Wiese gerade zu durchqueren versucht, nervös nach der Hummel schauen und mitten im Gehen aufhüpfen lässt. Beide wissen: wir töten keine Tiere, sei es auch noch so ein kleines Insekt. Draufsteigen ist also Tabu.

Als es mit der Hummel sichtlich zu Ende geht, sind wir drei automatisch demütig ruhig und schauen zu. Schließlich stellen wir ihren Tod fest. „Das war schon eine Oma Hummel“, erklärt der Große dem Kleinen. „Die war schon alt.“

Als das Tierchen regungslos liegen bleibt, kommt mir eine Idee. „Wollen wir die Hummel jetzt begraben?“

Die Jungs sind begeistert dabei und so graben wir ein kleines Loch in die Kieselsteine, ich lege die Hummel hinein und wir schütten das Loch wieder zu. Ein winziger Ast mit einem Blatt dient als Kreuz. Ich spreche ein paar Abschiedworte und erkläre: „Jetzt ist sie im Hummel-Himmel.“

Daraufhin will mein Großer wissen, was den ein solcher sei und wieso man da hinkommt. Ich beantworte seine Fragen so gut ich kann, merke dabei aber auch, wie schwer es mir fällt, zu erklären. Es gibt also einen Himmel, wo wir nach dem Tod hinkommen. Gott ist auch da. Was macht er da? Warum werden wir dann begraben? Ist Gott in der Kirche gestorben? (Mein kleiner Mann weiß, dass es in der Kirche einen gewissen Mann am Kreuz gibt und hat daraus seine eigenen Schlüsse gezogen) Was macht Gott im Himmel? Fressen die Hummel jetzt die Ameisen?“ Fragen über Fragen ergeben sich in weiterer Folge und so philosophiere ich mit meinem 4jährigen Sohn über „Gott und die Welt“…

Dieses Erlebnis mag vielleicht klein und unbedeutend erscheinen. Ich habe dabei aber sehr viel Nähe zu meinen Kindern gespürt, wir waren alle drei voll und ganz hier, miteinander, haben gemeinsam erlebt. Es war ein schönes Gefühl. Die freudigen Gesichter meiner Kinder haben mein eigenes Gefühl widergespiegelt.

Diese Situation hat mir wieder gezeigt: wenn man sich auf die Welt der kleinen Leute einlässt, wird man in vielerlei Weise beschenkt!

Kommt dann eh kein Böser??

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Mein kleiner Mann liebt Geschichten von Räubern, Gespenstern, Monstern, Hexen und Helden. Er spielt gerne den Batman oder lässt seine Ritter die Burg gegen Eindringlinge verteidigen, bringt als Polizist die „Bösen“ ins Gefängnis und wenn es brennt, dann kommt er als Feuerwehrmann zum Einsatz.

Kinder beginnen mit ca. drei Jahren, sich intensiv mit ihrer eigenen Phantasie zu beschäftigen, sie zu entwickeln und stetig zu erweitern. Märchen und andere Geschichten, die magische Inhalte vermitteln und dabei noch genügend Spielraum lassen für eigene Phantasien, gewinnen nun an Bedeutung. Das Spielverhalten des Kindes verändert sich – so werden Rollenspiele wichtig, um Szenen aus dem Alltag oder aus Geschichten immer wieder „durchzuspielen“ und neu aufzurollen, und zwar so lange, bis das Kind sie vollständig verarbeiten konnte.

Diese magische Phase, die bis ins zehnte Lebensjahr hinein andauert, ist eine Zeit der Phantasie, der Magie und Zauberei. Monster und Gespenster werden als real erlebt, auch wenn es sie nur in Geschichten gibt. Rationales Beschwichtigen damit verbundener Gefühle ist ebenso unwirksam wie unangebracht. Es hilft dem Kind nicht, gesagt zu bekommen, dass es diese Monster nicht gibt. Tatsache ist, das Kind erlebt sie als existierend – ob nun in der Realität oder nur in seiner Phantasie macht dabei keinen allzu großen Unterschied.

Die kindlichen Ängste ernst nehmen

Es ist also wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass wir es ernst nehmen. Die Monster mögen zwar nicht real sein, die Ängste des Kindes jedoch sind es. Was zählt ist also, sie anzuerkennen und ihnen Raum zu geben.

Wenn das Kind von einem Monster oder ähnlichem spricht, kann es helfen, genauer nachzufragen: wie sieht es aus? Wie groß ist es? Welche Farbe hat es? Was macht es denn?

Auf diese Weise erfährt das Kind, dass es ernst genommen wird. Gleichzeitig werden viele Ängste kleiner, indem man ihnen einen Namen oder ein Gesicht gibt. Wir können das Kind auch dazu ermuntern, dass es sein Monster malt, wenn das verbale Beschreiben vielleicht schwer fällt.

Was wir jedoch vermeiden sollten ist, kindliche Ängste  mit Aussagen wie „da ist doch kein Monster“, „ist doch nicht schlimm“ oder ähnlichem abzutun.

Monsterfresserpuppe und Bösen-Falle

Es ist schon eine Weile her, dass ich mit meinem kleinen Mann zusammen eine Monsterfresserpuppe gebastelt habe. Sie liegt immer in seinem Bett und frisst – wie der Name schon sagt – alle Monster auf, die sich nächtens ins Kinderzimmer wagen.

Bei einem Gespräch mit ihm neulich erfuhr ich, dass es „die Bösen“ sind, die ihm zur Zeit am meisten zu schaffen machen – konkret: Diebe, Einbrecher und Räuber, die in unsere Wohnung eindringen könnten. Also haben wir gemeinsam überlegt und schließlich eine Falle gebaut: wir haben eine Schuhschachtel verziert, ein Loch in den Deckel geschnitten und mein Sohn hat noch einen Zettel drauf geschrieben: „Liebe Böse, hier habt ihr schönes Essen“ – ein Lockruf sozusagen 🙂

Dann noch einen Stein mit einem selbst erfundenen Zauberspruch belegt, in die Kiste gelegt – zusammen mit einer Decke aus Filz, denn wir wollen ja nicht, dass die Bösen es allzu ungemütlich haben und ein paar Süßigkeiten – und fertig war die Falle! Ach ja, zur Erklärung für alle, denen das Prinzip der Falle unbekannt ist: durch den Zauberstein werden die „Bösen“ klein wie eine Kartoffel und in die Kiste gezaubert, wo sie dann gefangen sind. Am nächsten Morgen können sie dann wieder in die Natur gelassen werden, denn – wie mein kleiner Mann feststellte – „die kommen dann nicht wieder“.

Kindern ihren eigenen Weg zur Angstbewältigung zugestehen

Wir können Kindern dabei helfen, ihre Ängste durchzustehen, sie dabei begleiten und bei Bedarf Trost spenden. Allerdings ist es auch wichtig Vertrauen in sie zu haben. Kinder finden ihren Weg, mit Ängsten fertig zu werden, auch wenn wir diesen oft nicht (gleich) verstehen können. So wie ein Kind seinen Kuschelhasen überall hin mitschleppt, wird ein anderes Kind zeitweilig einen imaginären Begleiter erfinden, wieder ein anderes braucht dafür den Schnuller noch ein Weilchen länger. Die Arten der Kinder, mit ihren Ängsten umzugehen, sind vielfältig und wertvoll. Deshalb sollten wir ihnen vertrauen und ihnen ihre eigenen Mittel und Wege lassen.

Fazit: Die Ängste von Kindern immer ernst nehmen. Vertrauen in die Kinder haben, sie dabei begleiten und ihnen ihren eigenen Weg mit ihrer Angst umzugehen, zugestehen.

Eure

Tamara_Schrift

Ich kann nicht schlafen!

Birgit von Mutti´s Nähkästchen hat uns Familienbloggerinnen in ihrer Rubrik #fragmama dazu aufgerufen, etwas zum Thema Schlafen beizusteuern. Dem möchte ich hiermit gerne nachkommen.


 

20130617_141906Schlafen ist ja so eine Sache, wenn man Kinder hat. Bei meinem ersten Sohn kriegte ich ein Jahr lang kaum ein Auge zu, alle ein bis zwei Stunden – beim kleinsten Schnupfen auch gern öfter – wurden mein Mann und ich geweckt. Ich zum Stillen. Er zum Rumtragen oder Bauch massieren. Durchgeschlafen hat der kleine Mann dann mit drei Jahren. Heute ist er fünf und das abendliche Einschlafen ist problemlos. Bei seinem kleinen Bruder lief es schlaftechnisch von Anfang an deutlich besser.

Sie schlafen inzwischen zusammen im Stockbett und wir haben seit jeher ein festes Abendritual: Erst geht es ab ins Bad zwecks nötiger Hygienemaßnahmen. Dann Pyjama anziehen und Gute Nacht Geschichten aussuchen. Anschließend liest Papa den beiden im Bett noch vor, danach kommt meist Mama, um noch mit beiden Jungs zu „beten“. Wir nennen es so, aber in Wahrheit ist es mehr ein Dankbarkeitsritual: wir lassen den Tag Revue passieren, erinnern uns gemeinsam an schöne Momente oder erzählen uns davon, wenn wir sie nicht gemeinsam erlebt haben, sind dankbar für sie und für unser Leben generell. Danach wird das Licht ausgemacht und die Tür bleibt offen, damit das Licht von draußen hinein leuchtet.

Bis auf Ausnahmen (wenn mein kleinster Mann nochmal nach uns ruft) funktioniert das in der Regel sehr gut. Ich denke, es ist wichtig, dass die Schlafsituation für alle passt – also für das Kind, aber auch für die Eltern. Ich kann nicht schlafen, wenn ein rotierendes Kind neben, auf und über mir liegt. Ein Familienbett kommt daher für mich nicht in Frage. Meine Kinder bekommen aber auf anderem Weg die Zuneigung und Nähe, die ihnen die Sicherheit gibt, vertrauensvoll einschlafen zu können. Es gibt, wie immer, kein Patentrezept. Wir können nur individuell entscheiden, was das Kind braucht, um in einen entspannten Schlaf zu finden.


 

Wie geht es euch mit diesem Thema? Habt ihr Schwierigkeiten, Tipps oder wollt ihr einfach erzählen, wie es bei euch läuft? Ich freu mich auf eure Antworten!

Eure

Tamara_Schrift

 

Die Bedürfnisse unserer Kinder

20150418_144931Damit ein Kind sich wohlfühlt und ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln kann, benötigt es unter anderem Geborgenheit. Diese erfährt es, indem sein individuelles Bedürfnis nach körperlicher Nähe ausreichend gestillt wird. Die jeweiligen Bedürfnisse sind dabei nicht nur von Kind zu Kind unterschiedlich, sondern verändern sich auch mit jeder Entwicklungsperiode. Ein Kind, das im Kindergartenalter sehr schüchtern ist und viel körperliche Nähe seiner Bezugspersonen braucht, kann etwa im Schulalter wesentlich mehr Selbstbewusstsein und damit ein geringeres Bedürfnis nach Nähe zu seinen Eltern haben.

Neben der Geborgenheit spielen auch Zuwendung (weniger durch wortreiche Beteuerungen als vielmehr durch gemeinsames Erleben), soziale Anerkennung (das Gefühl, bedingungslos akzeptiert zu werden; mit der Zeit nimmt die soziale Anerkennung durch Gleichaltrige immer mehr zu), sowie die Möglichkeit, sich seinen körperlichen und psychischen Fähigkeiten entsprechend zu entwickeln und von sich aus etwas leisten zu können, eine entscheidende Rolle. Eltern, die auf die individuellen Bedürfnisse in eben genannten Bereichen hinreichend eingehen und ihr Kind nicht für seine Leistungen, sondern für seine (von ihm ausgehenden) Bemühungen und Anstrengungen loben, vermitteln ihm auf diese Weise das Gefühl,  bedingungslos geliebt zu werden.

Eine große Herausforderung dabei ist es zumeist, die kindlichen Bedürfnisse als solche überhaupt erst zu erkennen. Wir Eltern tragen intuitiv die Fähigkeit in uns, auf unser Neugeborenes einzugehen, uns ihm anzupassen und dadurch unsere Zuneigung zu ihm auszudrücken. Mit der Zeit verlieren aber viele Eltern das Gespür für die Bedürfnisse ihres Kindes und vertrauen mehr auf irgendwelche Ratgeber als auf ihre eigene Intuition. Dabei sind ihre Beobachtungsgabe und ihr Einfühlungsvermögen als Eltern die einzig wahren „Ratgeber“, wenn es um das Wohlergehen ihres Kindes geht.

Wie lassen sich die individuellen Bedürfnisse des Kindes feststellen?

Zunächst einmal können wir Eltern, wie bereits erwähnt, unser Kind genau beobachten. Bei der Sauberkeitserziehung etwa gilt es, genau darauf zu achten, ob es bereits von sich aus Interesse für das Thema zeigt. Möchte es mit uns Eltern mit auf die Toilette gehen? Kommentiert es, wenn es gerade in die Windel macht? Möchte es auch schon ohne Windel gehen wie sein älterer Bruder? Wenn ja, können wir Eltern langsam beginnen, ihm anzubieten, sich mal auf Klo oder Töpfchen zu setzen. Wenn es keinerlei Anzeichen gibt, dann ist das Kind noch nicht reif dafür, trocken zu werden und wir sollten mit diesbezüglichen Angeboten warten. Generell gilt, wenn wir uns dazu entschließen, ein Angebot zu setzen, so sollten wir genau darauf achten, wie das Kind darauf reagiert. Wenn es etwa durch Mimik oder Körperhaltung Ablehnung ausdrückt, so sollte uns dies bereits Antwort genug sein.

Nur wenn wir das Verhalten sowie die Bedürfnisse unseres Kindes ernst nehmen, kann dieses sich bedingungslos akzeptiert fühlen. Wenn es weint, möchte es nicht zu hören kriegen, dass sein Schmerz „eh nicht so schlimm“ sei. Wir nehmen die kleinen Leute nur dann ernst, wenn wir auf sie eingehen und da sind, ohne ihre Gefühle mit unseren eigenen Bewertungen zu brandmarken und herabzuwürdigen.

Um ein besseres Verständnis für die kindliche Entwicklung zu bekommen, ist es sinnvoll, sich entsprechende Kenntnisse darüber anzueignen. So können eventuelle falsche Erwartungen oder Vorstellungen verhindert werden.

Wie verhält sich mein Kind? Schläft es nachts unruhig, so könnte es sein, dass sein Schlafbedarf gedeckt ist und es hilft, des Tagesschlaf zu reduzieren. Zeigt es in gewissen Situationen immer ein ähnliches Verhalten, etwa mit aggressiver Tendenz? Hier könnte es helfen, genau zu beobachten, welche Situationen es sind, wo vielleicht Frustrationen im Kind entstehen, die es auf derartige Weise abbauen muss.

Ein Kind benötigt vertrauensvolle Bezugspersonen, die jederzeit verfügbar und in ihrem Verhalten beständig sind. Das elterliche Verhalten sollte dabei den individuellen Bedürfnissen und Eigenheiten des Kindes entsprechen. Das Kind muss das Gefühl haben, seine Eltern sind jederzeit da und geben ihm den nötigen Rückhalt, ohne es dabei aber einzuengen. Da, wo es entsprechende Kompetenz hat, darf das Kind selbst bestimmen. In jenen Bereichen, in denen das Kind noch nicht selbst entscheiden kann, liegt es an uns Eltern, die Verantwortung zu übernehmen. Kompetenzen zugestehen, wo das Kind noch nicht die entsprechenden Voraussetzungen in seiner Entwicklung dazu mitbringt, führt zu Überforderung.

Leider denken immer noch viele Menschen, Kinder könnten dadurch, dass man ihre Bedürfnisse ernst nimmt und auf sie eingeht, zu sehr verwöhnt werden. Das ist jedoch ein Irrtum. Nur wenn ihre Bedürfnisse angemessen befriedigt werden, können sie sich positiv entwickeln. Kinder, deren Bedürfnisse hingegen nicht ausreichend erfüllt werden, sind fordernd und in ihrem Verhalten auffällig.

Wenn die eigenen Umstände unzureichend sind, wird es umso schwieriger.

Überall da, wo die Bedürfnisse eines Kindes nicht ausreichend befriedigt werden, kann es zu verschiedenen Reaktionen beim Kind kommen. In erster Linie wird auf die Dauer das kindliche Wohlbefinden und sein Selbstwertgefühl beeinträchtigt. Werden seine Bedürfnisse weiterhin nicht erkannt und angemessen befriedigt, so kann das Kind, indem es aktiv versucht, auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen, Veränderungen in seinem Verhalten zeigen. Je nach individueller Veranlagung wird es dabei entweder ein auffälliges (beispielsweise aggressives) Verhalten, psychosomatische Symptome oder im Bereich seiner Entwicklung (oder Leistung) Einbußen aufweisen. Kinder, deren Bedürfnisse ausreichend Befriedigung erfahren, sind in der Regel glückliche Kinder, deren Erziehung weitgehend unproblematisch verläuft.

Es gibt verschiedene Risikofaktoren, die zu einer mangelnden Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse führen können. Armut, Krankheit oder Trennung der Eltern, übersteigerte Erwartungen, eigene ungünstige Kindheitserfahrungen, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Beziehungsprobleme, alleinerziehende Eltern, große Kinderzahl, fehlende Kontakte zu Gleichaltrigen, Über- oder Unterforderung in der Schule sind nur einige davon, die ich an dieser Stelle erwähnen möchte. Meist wirken mehrere solcher Risikofaktoren zusammen, verstärken sich mitunter gegenseitig und machen es den betreffenden Bezugspersonen somit außerordentlich schwer, sich angemessen auf das Kind einzulassen. In solchen Fällen ist es sicherlich ratsam, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Dem Kind zuliebe.

Doch auch wenn wir das Glück haben, von solchen ungünstigen Bedingungen verschont zu sein, haben wir dennoch viel zu tun, wenn wir unserer elterlichen Verantwortung gerecht werden wollen. Jedes Kind möchte sich aus einem inneren Drang heraus entwickeln. Kinder sind von Natur aus wissbegierig, neugierig und lernfreudig. Dabei bringt jedes kleine Wesen andere, individuelle, Voraussetzungen mit. Während ein Kind mit einem Jahr gehen kann, lässt sich ein anderes 20 Monate Zeit. Ein Kind spricht bereits mit zwei Jahren sehr viel, während ein weiteres mit drei Jahren erst langsam damit anfängt. Jedes Kind hat außerdem andere Begabungen, die im Laufe der Zeit zum Vorschein kommen. Es gibt kein Patentrezept für alle Kinder, das uns Eltern genau aufzeigt, wie sich die unterschiedlichen Bedürfnisse ausreichend befriedigen lassen. Wir Eltern haben die herausfordernde Aufgabe, bei unseren Kindern selbst herauszufinden, was sie zu welchem Zeitpunkt von uns benötigen. Unser Bauchgefühl, unser Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, jederzeit da zu sein, wenn unser Kind uns braucht, sind uns dabei wertvolle Begleiter.

„Es gibt keine problematischen Kinder, sondern nur problematische Eltern.“

(A.S. Neill)

Quelle: Remo H. Largo – Kinderjahre


Tamara Jungbauer