„Sag schön`Guten Tag´!“ – warum du dein Kind nicht zu „Höflichkeiten“ drängen solltest!

Es gibt sie immer wieder und bei jedem Kind: Situationen, in denen wir Eltern das Gefühl haben, unser Kind sollte doch bitte etwas sagen: „Guten Tag“, „Auf Wiedersehen“, „Bitte“ oder „Danke“ zum Beispiel. Es gehört sich doch schließlich so, oder? Wenn wir der redefreudigen Nachbarin begegnen, sollte doch auch unser Kind zumindest ein Wort des Grußes über die plötzlich zusammengepressten Lippen bringen, der Höflichkeit halber? Aber ist dem wirklich so oder überschreiten wir dabei nicht eine Grenze, die wesentlich bedeutsamer ist als jene gesellschaftlichen Vorgaben: nämlich die persönliche Grenze unseres Kindes?

Wir alle sind als Kind selbst darauf hingewiesen worden: sag schön bitte und danke, sei höflich und grüße immer freundlich. Das gehört sich einfach so. Natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen: Höflichkeit ist eine gesellschaftliche Grundregel. Höfliche Umgangsformen machen soziales Miteinander nicht nur angenehmer, sondern überhaupt erst möglich. Demzufolge ist es auch wichtig, dass wir unseren Kindern möglichst früh diese Regeln vermitteln, damit sie lernen, was in verschiedenen Situationen von ihnen gesellschaftlich erwartet wird.

Motivieren ja, drängen nein.

Kleine Kinder lernen großteils durch Beobachtung. Das heißt, so wie wir uns in den unterschiedlichsten Situationen verhalten, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, hat Einfluss auf das Verhalten unserer Kinder. Wenn wir respektvoll mit anderen umgehen, höflich und freundlich sind, werden auch unsere Kinder zu höflichen Menschen heranwachsen.

Dies bedeutet nicht, dass die kleinen Leute, sobald sie sich verbal auch nur halbwegs gut ausdrücken können, beginnen, dieses an uns beobachtete Verhalten selbst anzuwenden. Sie beobachten erst einmal und irgendwann werden sie selbst entsprechend handeln. Was wir dabei tun können ist, ihnen ein positives Beispiel zu sein. Wir können sie dazu motivieren, sich zu bedanken, wenn sie etwas bekommen, um etwas zu bitten, wenn sie etwas haben wollen usw. indem wir ihnen sagen, was wir von ihnen erwarten. Was wir allerdings nicht tun sollten ist, sie zu drängen oder gar für mangelnde Höflichkeit zu bestrafen.

Jedes Kind braucht seine Zeit.

Manche Kinder haben weniger Schwierigkeiten damit, etwa laut zu grüßen, als andere. Viele Kinder verstummen regelrecht, wenn sie angesprochen werden oder wenn sie das Gefühl haben, es wird von ihnen erwartet, dass sie etwas (Bestimmtes) sagen sollen. Dabei ist es oftmals weder Schüchternheit noch Angst oder Eigensinnigkeit, die die kleinen Menschen vom Reden abhalten. Vielmehr geht es darum, dass manche Kinder länger brauchen, ausgiebiger beobachten müssen, um sich mit Situationen und Menschen „anzufreunden“. Gerade besonders aufdringliche Menschen wie die redselige Nachbarin von nebenan oder die liebe Urstrumpftante, die die Kleinen mit tausend Fragen überhäufen, sie ungefragt in die Wangen kneifen, weil sie so süß sind usw. haben es da oft sehr schwer, wirklich Zugang zu den Kindern zu finden. Bei näherer Betrachtung ist dies auch vollkommen nachvollziehbar. Auch ich möchte nicht von der netten Nachbarin angetatscht werden.

Die kindlichen Grenzen achten.

Kinder haben, wie wir Erwachsenen auch, ihre persönlichen Grenzen. Sie haben das Recht darauf, sich erst einmal ausreichend ein Bild der Person bzw. Situation machen zu dürfen, ehe sie entscheiden, ob sie sich öffnen wollen oder eben nicht. Wenn die lästige Nachbarin das Kind verbal überhäuft -„Ja hallo, wie geht´s dir denn? Na, du bist aber wieder groß geworden!Wo gehst du denn hin? Warst du im Kindergarten heute? Na, warum sagst denn nix??“ – und es dabei vielleicht auch noch am Kopf tätschelt oder ähnliches, dann ist es doch kein Wunder, dass das Kind verstummt!

Ich habe es schon oft erlebt: Kinder öffnen sich, wenn man ihnen die Freiheit gibt, selbst zu entscheiden. Wenn ich dem Kind zeige, ich bin da und du kannst jederzeit zu mir kommen, so wird es viel eher bereit sein, sich zu öffnen, als wenn ich es mit Fragen zuschütte, ihm nicht von der Seite weiche und mich ihm sonst wie aufdränge.

Kinder brauchen Zeit. Sie wollen selbst entscheiden, wen sie wann an sich heran lassen. Überschreitet man ihre Grenzen immer wieder, indem man sie dazu anhält, dass sie mit Leuten sprechen, von denen sie sich überrollt fühlen oder bei denen sie sich (noch) nicht sicher genug fühlen, so zwingt man sie, ihre eigenen Grenzen zu missachten. Auf Dauer wird dadurch die kindliche Integrität verletzt.

Ein Gleichgewicht finden.

Wichtig erscheint mir daher, dass wir unseren Kindern ein gutes Vorbild sind und ihre persönlichen Grenzen respektieren und achten. Wir können sie auf ein Bitte und Danke hinweisen, wenn sie von uns etwas wollen. Wir können ihnen erklären, wann wir andere grüßen oder was wir in verschiedenen Situationen sagen, um die Höflichkeit zu wahren und das Miteinander zu ermöglichen. Noch besser als alles Erklären und Reden ist aber – wie so oft in der Erziehung – unsere Vorbildwirkung. Was wir tun und wie wir selbst uns verhalten ist Maßstab für das Verhalten unserer Kinder.

Und wenn sie dazu bereit sind, werden sie dieses Verhalten auch selbst in die Tat umsetzen.

Wie sag ich´s der aufdringlichen Nachbarin?

Ich als Mama komme immer wieder in Situationen, in denen meine kleinen Männer verstummen. Anfangs tat ich mir sehr schwer damit. „Warum redet er denn nix, ist er schüchtern?“ ist ein sehr beliebter Satz von Menschen wie der aufdringlichen Nachbarin. Während ich früher nicht wusste, was ich darauf sagen sollte, ist meine Antwort jetzt meist kurz und klar: „Nein, er braucht halt einfach seine Zeit.“ Manchmal füge ich dann auch noch ein „Und das ist auch ganz normal.“ hinzu, in die Richtung meines Sohnes gewandt.

Wenn meine kleinen Männer nicht reden wollen, übernehme ich das halt in solchen Situationen für sie. Dann sag ich eben „Danke“ für das Zuckerl, das sie bekommen, oder beantworte die Fragen, die an meine Kinder gerichtet sind an ihrer Stelle. Es ist nicht immer einfach, Verständnis und Geduld zu haben, den kleinen Leuten Zeit zu geben. Aber wir sollten ihre Grenzen akzeptieren. Sie reden eben dann, wenn es für sie passt. Das ist auch völlig in Ordnung so, eigentlich.

 

Deine

Tamara_Schrift

 

 

 

 


Foto: Fotalia

3 Tipps, wie du mehr Achtsamkeit in deinen Alltag bringst!

20150418_150240.jpgWenn du meinen Blog verfolgst, wirst du schon erkannt haben, dass Achtsamkeit für mich einen großen Stellenwert hat – im Leben generell, aber gerade auch im Alltag mit Kindern. Achtsam den gegenwärtigen Moment leben zu können, ist DIE Grundvoraussetzung für Glück. Deswegen möchte ich dir heute ein paar Tipps in diese Richtung geben.

Wer kennt das nicht? Die Aufgaben des täglichen Lebens mit Kindern sind vielschichtig, komplex und erfordern nicht nur enormes Organisationstalent, Management und ein hohes Maß an Flexibilität (um uns jederzeit auf die aktuellen Umstände und auftauchenden Schwierigkeiten einzustellen), sondern – und ganz besonders – auch viel Energie und Kraft.

Der Schlüssel liegt im Moment

Wenn wir also nicht sorgfältig mit unseren Energiereserven umgehen, kann es schnell passieren, dass wir überfordert sind und wir nur noch auf Sparflamme laufen.Unter solchen Voraussetzungen jedoch bleiben die Gelassenheit und Geduld, die wir im Umgang mit unseren kleinen Leuten so dringend brauchen, auf der Strecke. Wir werden ungeduldig, gereizt, neigen zu Überreaktionen und tun uns schwer damit, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, das da wäre: das Hier und Jetzt. Dieser Moment.

Denn wenn wir genauer darüber nachdenken, dann besteht das Leben ja nur aus einer Aneinanderreihung von Momenten. Die Vergangenheit ist vorbei und kann nicht mehr geändert werden, die Zukunft ist noch weit weg und ebenso wenig beeinflussbar. Alles, was wir also haben, ist das JETZT. Und genau darauf sollten wir uns, so oft es geht, konzentrieren.

Auch ein kleiner Schritt zeigt seine Wirkung!

Das bedeutet nicht, dass wir andauernd präsent sind oder sein müssen. Das ist auch gar nicht möglich. Aber je öfter wir es schaffen, einzelne Momente einzufangen, sie festzuhalten und ganz da zu sein, je mehr wir Achtsamkeit in unser Leben bringen, desto intensiver wird sie uns beeinflussen. Das kann schon mit einem kleinen Ritual täglich beginnen, das keinen extra Zeitaufwand bedeutet, und kann bis hin zu Meditation reichen, die unseren Geist befreit und reinigt.

Seitdem ich begonnen habe, Achtsamkeit in mein Leben zu bringen, spüre ich die Veränderung. Manchmal gelingt es mir besser, dann wiederum habe ich Phasen, in denen es mir schwer fällt, präsent zu sein. Aber – und ich denke, darauf kommt es letztlich an – ich bin zumindest in kleinen Dosen hier und da und auch in einigen festen Ritualen, die ich inzwischen habe, achtsamer und präsenter.

3 Tipps, wie du mehr Achtsamkeit in dein Leben bringen kannst

1 Dein Kind als Anker

Als ich damit begonnen habe, Achtsamkeit zu üben, tat ich zunächst einmal nur eines: wann immer ich Momente zur Verfügung hatte, in denen ich mich voll und ganz meinem Sohn widmen konnte, nutzte ich diese dazu, meine Gedanken abzuschalten und mich ganz dem Augenblick hinzugeben. Ich beobachtete meinen kleinen Mann, war ganz bei ihm, versetzte mich in seine aktuelle Gefühls- und Erlebniswelt und stellte meine eigenen Probleme, Sorgen und Gedanken in den Hintergrund. Ich lachte mit meinem Kind, freute mich mit ihm, versuchte die Welt mit seinen Augen zu sehen.

Diese Momente waren und sind für mich vollkommen. In ihnen spüre ich reines Glück. Auch heute noch versuche ich solche Momente zu genießen und aufzusaugen. Mit Kindern Zeit zu verbringen, ermöglicht uns durchaus, achtsam zu sein. Wenn wir all die Aufgaben des Alltags mal kurz beiseite schieben können und uns auf den Moment einlassen, ist das pure Achtsamkeit, die noch dazu die Beziehung zu unseren Kindern stärkt, die Nähe erzeugt.

2 Dankbar sein

Wir neigen dazu, uns stets auf das zu konzentrieren, was vielleicht noch besser laufen könnte. Ständig haben wir Ziele, Pläne und Träume, die wir verfolgen und von denen wir uns erhoffen, dass sie uns das große Glück vor die Füße legen. Leider vergessen wir dabei allzu oft, dankbar für das zu sein, was wir bereits haben.

Ich habe mir ein kleines Dankbarkeitsritual angewöhnt, das ich jeden Abend mit meinen Kindern ausführe:

Nach der Gute-Nacht-Geschichte werfen wir noch einmal einen Blick auf den vergangenen Tag, indem wir darüber sprechen, was wir gemacht haben und was davon uns besonders gut gefallen hat. Wir bedanken uns für den Tag und für die schönen Momente, die er uns gebracht hat. Auf diese Weise schließen wir gemeinsam den Tag ab, bringen ihn zu einem guten Ende und üben uns in Dankbarkeit, die eine der Grundvoraussetzungen dafür ist, glücklich sein zu können.

Erst wenn wir dankbar sind für das, was wir haben und sind, können wir wirklich glücklich sein. Solange wir nur nach den „Sternen“ greifen, verpassen wir das wahre Glück, das im Hier und Jetzt liegt.

Wenn du möchtest, kannst du auch beispielsweise einmal die Woche aufschreiben, wofür du selbst in letzter Zeit dankbar warst. Nimm dir vor, an einem fixen Tag in der Woche deine persönliche Dankesliste zu machen. Du wirst sehen, es tut gut!

3 Atmen

Wenn du einen Schritt weiter gehen möchtest, dann versuche zumindest zehn Minuten täglich Ruhe zu finden, um dich ganz deiner Atmung hinzugeben.

Leg dich hin oder setze dich auf einen Stuhl und beobachte deinen Atem. Konzentriere dich auf deine Ein- und Ausatmung und erkunde, wie sich dabei dein Bauch hebt und senkt, wie die Luft durch deine Nase strömt und sich deine Brust füllt. Du beobachtest deine Atmung als würdest du dir selbst von außen zusehen, ohne sie verändern zu wollen. Du nimmst sie wahr, bewertest sie jedoch nicht (z.B. indem du denkst „ich atme zu schnell/zu flach/zu hektisch“ etc.).

Auftauchende Gedanken nimmst du wahr, schiebst sie jedoch ohne Bewertung einfach beiseite. Du kannst etwa, wenn du merkst, dass ein Gedanke auftaucht oder du abgedriftet bist, diesen Gedanken einfach kurz benennen („Denken“ oder „Gedanke“) und lässt ihn sogleich weiter ziehen. Ich stelle mir meistens vor, die Gedanken ziehen weiter wie Wolken am Himmel oder sie werden wie von Scheibenwischern einfach weg gewischt. Dann konzentrierst du dich wieder auf deinen Atem.

Viele Menschen denken, dass sie beim Meditieren keine Gedanken mehr haben dürfen. Dies gelingt vielleicht buddhistischen Mönchen, aber ist nicht das absolute Ziel, das es für dich zu erreichen gilt. Gedanken kommen immer wieder hoch, das gilt es zu akzeptieren – unser Gehirn lässt sich nicht einfach so abdrehen. Wichtig ist nur, dass wir sie neutral wahrnehmen und zur Seite schieben, ohne ihnen eine Wertung aufs Auge zu drücken wie z.B. „jetzt hab ich schon wieder gedacht“ oder „heute kann ich einfach nicht abschalten“ etc. Einfach wegschieben und wieder aufs Atmen konzentrieren.

Probier es doch mal aus 🙂

… und wenn du Lust hast, schreib mir über deine Erfahrungen!

Alles Liebe,

Deine

Tamara_Schrift

 

Ist mein Kind hochsensibel?

Hast du die Vermutung, dass dein Kind hochsensibel sein könnte?

Möchtest du herausfinden, ob dein Kind über diesen Wesenszug verfügt?

Mach den Test!

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Bist du unsicher, wie du dein Kind in seiner Hochsensibilität annehmen kannst? Ergeben sich Schwierigkeiten für euer Miteinander? Fühlst du dich hilflos, weißt nicht mehr weiter im Umgang mit deinem Kind?

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Deine

Tamara_Schrift

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Liebe Mamas!Pregnant

Heute möchte ich mit euch einen Text aus Khalil Gibrans „Der Prophet“ teilen, den ich persönlich sehr berührend finde. Er passt, wie ich finde, sehr gut zu einer achtsamen und bindungsorientierten Form der Erziehung und Eltern-Kind-Beziehung, die das Kind als individuelles Wesen mit eigenen Bedürfnissen, Gedanken und Werten schätzt und respektiert.  ♥

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter

der Sehnsucht des Lebens

nach sich selbst.

Sie kommen durch euch,

aber sie sind nicht von euch,

und auch wenn sie bei euch sind, gehören sie euch nicht.

Ihr könnt ihnen eure Liebe geben,

aber nicht eure Gedanken,

weil sie ihre eigenen Gedanken haben.

Ihr könnt ihren Körpern eine Behausung geben,

aber nicht ihren Seelen,

weil ihre Seelen im Haus von  morgen wohnen,

welches ihr nicht betreten könnt,

noch nicht einmal in euren Träumen.

Ihr könnt versuchen,

wie sie zu sein,

aber versucht nicht sie euch anzugleichen,

das Leben geht nicht rückwärts,

noch verweilt es im Gestern.

Ihr seid die Bogen,

von denen eure Kinder

als lebende Pfeile abgeschossen werden.

Der Bogenschütze sieht das Ziel

auf dem Pfad der Unendlichkeit,

und Er biegt euch mit Seiner Kraft,

damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.

Möge das Gebogenwerden

in des Schützen Hand

Freude in euch auslösen.

So wie Er den fliegenden Pfeil liebt,

so liebt Er auch den Bogen,

der fest steht.

Eure

Tamara_Schrift

Mag. Sonja Redl-Gerstenbräun: „Über Gefühle, Instinkte und die Stimmen von außen, die meinen, man solle alles anders machen“

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Mag. Sonja Redl (*1987) lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihren Hunden in Tirol. Sie hat Germanistik studiert und bis zur Karenz als Projektleiterin und Deutschtrainerin im Integrationsbereich gearbeitet. Sie beschäftigt sich seit der Geburt ihrer Tochter mir Themen wie Tragen, Stillen, Stoffwickeln und Bindungsorientierter Erziehung.

Sonja schreibt heute aus ihrer Sicht als Mama, worauf es in ihren Augen ankommt in der Kindererziehung und welche Erfahrungen sie selbst in ihrer Mutterrolle bisher gemacht hat.

Danke dafür, liebe Sonja!


Über Gefühle, Instinkt und die Stimmen von außen, die meinen, man solle alles anders machen

Ich bin Mutter einer 10 Monate alten Tochter, die mir jeden Tag aufs Neue zeigt, wie einfach das Leben sein könnte, wenn wir unseren Instinkten und dem berühmt- berüchtigten Bauchgefühl öfter mal trauen würden.

Aber beginnen wir von Anfang an. Ich wurde schwanger. Freudig geplant, nach dem Studium, nach der Hochzeit – ehrlich, Hollywood hätte es nicht kitschiger und romantischer schreiben können – aber ich muss immer sehr lachen, wenn mir diese Idylle wieder bewusst wird, da mein Mann und ich definitiv die unromantischsten Menschen sind, die ich so kenne. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle auch kurz uns beschreiben, damit ihr euch ein Bild machen könnt. Er, DER Mann meines Lebens, ist beinahe zwei Meter groß, ordentlich tätowiert, fuhr, als wir uns kennenlernten, ein tolles Motorrad, hört ganz böse Metal- Musik und steht auf Horrorfilme. Ich, fast einen halben Meter kürzer, damals altersbedingt noch nicht bunt, selbiger Musikgeschmack und ziemlich nerdy, was Bücher betrifft. Wir kamen, sahen und die Liebe siegte- oder so ähnlich. Jedenfalls sind wir seit 11 Jahren ein ziemlich abgedrehtes, dafür aber umso glücklicheres Paar.

So…und vor beinahe 2 Jahren war es dann so weit- uns war langweilig, wir wollten nicht mehr ausschlafen, die durchzechten Nächte waren lange vorüber. Was also tun? Genau, wir planten Nachwuchs. Ende November zog Krümel in meinen Bauch ein, Ende August erblickte dann die kleine Hexe mit einiger Verspätung das Licht der Welt und stellt seither alles auf den Kopf.

In unserem Freundeskreis war ich so ziemlich die erste, die diesen neuen Lebensabschnitt erleben durfte. Das Glück war mir hold, ich erlebte eine wundervolle, störungsfreie Schwangerschaft, eine Woche nach dem errechneten Termin unternahmen wir noch (mit Baby im Bauch, versteht sich) eine kleine Wanderung – ich war also bis zum Schluss absolut fit und guter Dinge. Keine nervigen Anrufe von Verwandten und Freunden, kaum gut gemeinte Ratschläge, kaum bemitleidende Blicke. Aber warum ging es mir genau so und nicht anders? Viele der Frauen, die ich in diversen Kursen für Schwangere traf, waren genervt, genervt und nochmal genervt – von allen Seiten wurde auf sie eingeredet, „tu‘ dies, lass‘ jenes…“ – viele von euch werden das vermutlich auch kennen.

Was lief bei mir eigentlich falsch? 😉 Es war eigentlich ganz einfach. Ich lernte schon während der Schwangerschaft das Prinzip des selektiven Hörens anzuwenden (übrigens auch sehr beliebt bei Kindern und/oder Männern, die diverse Hausarbeiten verrichten sollen 😉 ). Wann immer mir jemand was über die Schrecken der Geburt erzählte, wurde ich sozusagen taub. Manchmal sagte ich auch deutlich, dass mich das einfach nicht interessiert und ich es nicht hören will.

Ich freute mich auf die Geburt. Ich las in der Schwangerschaft kein einziges Buch darüber, zog keinen Ratgeber zur Rate, hörte auf keinen der selbsternannten Experten, die immer und überall ungefragt ihre Meinung kundtun müssen. Ich vertraute auf mich. Auf meinen Körper. Mein Körper ist dazu geschaffen, Kinder zu gebären. Punkt, aus, ENDE. So einfach war das. Ich war und bin der festen Überzeugung, dass mein Körper mir zeigt, was ich wann zu tun habe.

So geschah es dann auch. Ich hatte einen vorzeitigen Blasensprung, bis die Geburt in Gang kam, vergingen fast 24 Stunden. Weitere sechs Stunden später war unsere Hexe in meinen Armen – unkompliziert, ohne Interventionen – einfach so. Es war also genau so gekommen, wie ich mir das auch vorgestellt habe – mein Körper leitete meinen Geist an – oder umgekehrt…wer weiß das schon so genau. Das kleine Wesen schlüpfte sanft und leise (ich war es eher weniger 😉 ), war innerhalb weniger Minuten dank gekonntem Hebammengriff an meiner Brust angedockt, nuckelte zufrieden vor sich hin und schlief ganz sanft ein, während rund um mich herum die Schweinerei beseitigt wurde.

Ja, ich wollte stillen – Gedanken hatte ich mir aber nie großartig darüber gemacht. Wird schon klappen, bin dafür gebaut. Und wieder kam es genau so. Stillstart ohne Schwierigkeiten, mein Kind stillte die ersten Wochen stundenlang und ich ruhte mich währenddessen aus. Es dauerte keine Woche, bis ich quasi wieder durchschlief, während die kleine Hexe zufrieden an der Brust hing.

Mittlerweile sind 10 Monate vergangen und mein Kind wird noch gestillt. Bestimmt bleibt uns die Stillbeziehung auch noch ein weiteres Jahr erhalten. Wir werden sehen, wie sich alles entwickelt – aber ich vertraue darauf, dass mein Kind weiß, was es braucht und sich irgendwann selbst abstillen wird. Ohne Zwang und Druck von außen.

Im Rückbildungskurs hörte ich oft erschöpfte Mütter jammern, weil ihre Babys nicht durchschliefen, sich nicht ablegen ließen, schlecht einschliefen – die ganze Palette an Problemen eben, die jede frischgebackene Mutter kennt. Meine Tochter wohnte sozusagen die ersten 8 Wochen im Tragetuch. Ich nahm sie überallhin mit, erledigte die Hausarbeit mit ihr im Tuch, legte sie kaum ab. Sie war zufrieden, ich war es auch – alles wunderbar, oder?

Das soll nicht heißen, dass wir keine Probleme hatten oder haben, immer alles wunderbar läuft , meine Tochter wie durch ein Wunder das bravste Kind der Welt ist oder ich die perfekte Supermama bin. Ganz im Gegenteil, auch bei uns läuft es manchmal unrund und es gibt Nächte, die mein Kind dauernuckelnd an der Brust verbringt. Allerdings erleichtern mir Tragetuch, Familienbett und Stillen das Leben erheblich. Wenn die kleine Hexe einmal Verstärkung an der Zwergenfront in Form eines Geschwisterchens bekommt, bin ich mir sicher, dass vor allem das Tragetuch mir die nötige Flexibilität verleihen wird, um sowohl dem Nähebedürfnis eines Neugeborenens als auch dem Spieltrieb einer 2-, 3- oder 4- jährigen nachkommen zu können. Möglicherweise etwas unausgeschlafen – denn sind wir uns ehrlich, den Schlaf, den wir als kinderlose Frauen hatten, bekommen wir wohl nie wieder zurück – aber man gewöhnt sich an weniger Schlaf und spätestens nach ein paar Wochen mit Baby findet man einen Rhythmus, um nicht nur zu überleben, sondern das Leben auch wieder zu genießen. Bis zum nächsten Schub oder zur nächsten Phase. Oder bis zum nächsten Zahn.

Mittlerweile ist sie natürlich höchst mobil und eine richtige wilde Hummel, aber auch sie hat Tage, an denen irgendwie so gar nichts klappt, sie nur getragen werden möchte, an der Brust hängt oder sonst einfach anhänglich ist. Ich bin ja in der glücklichen Position, zu Hause sein zu dürfen. Wenn sie also sehr viel Nähe braucht, bekommt sie die eben. Ich putze heute noch am liebsten mit ihr im Tragetuch auf dem Rücken (wer weiß, was ihr sonst so einfällt 😉 ).

So…und wenn ich das alles so erzähle, kommen wieder die Stimmen, die meinen „Um Himmels Willen, das Kind bekommst du NIE WIEDER aus eurem Bett“, „Waaaaas??? Ihr stillt immer noch???“, „Wie kannst du das Kind immer tragen?? Die wird später auch immer nur getragen werden wollen“ – ihr kennt bestimmt solche oder ähnliche Kommentare. Wisst ihr, was mir da unglaublich hilft? Sarkasmus. Ironie. Und zu guter letzt natürlich wieder selektives Hören 😉 .

Worauf ich hinauswill, ist einfach – hört auf euer Bauchgefühl und nicht auf das, was andere sagen. Wenn ihr das Gefühl habt, euer Kind möchte getragen werden- tragt es! Wenn ihr fühlt, dass euer Kind Nähe braucht – gebt sie ihm. Nicht die anderen kennen euer Kind – ihr selbst kennt es am allerbesten. Und ihr selbst müsst mit eurem Kind Tag für Tag leben. Hört auf eure innere Stimme, auf euer Bauchgefühl – vertraut eurem Instinkt und nicht irgendwelchen Erziehungsratgebern.

Es gibt Tage, da stoße ich an meine Grenzen. Da möchte ich nur ganz schnell weg, mal eine Stunde raus, ohne Kind – und garantiert hat an diesem Tag die Oma keine Zeit, der Mann ist außer Haus – es bleibt mir also nichts anderes übrig, als irgendwie damit klar zu kommen. Und gerade dann, wenn ich kurz vorm Durchdrehen bin, macht meine kleine Hexe irgendetwas so unfassbar Niedliches, dass alle Strapazen vergessen sind und ich sofort neue Energie habe.

Und wisst ihr was? Fast immer, wenn es bei uns irgendwie unrund läuft, habe ich irgendwo aufgeschnappt, dass man in dieser oder jener Situation irgendwas Bestimmtes machen (oder lassen) soll – und ich denke mir „na gut, vielleicht klappt es ja“ (denn leider bin ja auch ich nicht immer ganz frei von äußeren Einflüssen). Ratet mal? Klappt nicht. Jedes Mal, wenn ich nicht auf mein Gefühl höre, läuft es unrund.

Wir sind Mütter und wollen nur das beste für unsere Zwerge. So viel steht fest. Ob Stillen oder Flasche, Familienbett oder eigenes Zimmer, ob Tragen oder Kinderwagen – es spielt keine Rolle. Macht nur einfach das, was ihr für richtig haltet – und zwar nicht, weil es irgendwo steht, weil es irgendjemand sagt- sondern schlicht und einfach, weil ihr fühlt, dass es richtig ist.

Natürlich gibt es Tage, an denen alles schief läuft, man sich fragt, warum man sich das eigentlich antut, man sich einfach nur wünscht, das Kind würde endlich schlafen. Diese Tage kommen und gehen und werden uns alle durch die gesamte Kindheit begleiten. Normalerweise gehen solche Tage aber auch wieder vorbei. Wenn ihr wirklich mal nicht weiterwisst oder dauerhaft in der Krise steckt, dann holt euch bitte Hilfe. Sei es bei Oma & Opa, die euch durch einen kleinen Spaziergang mit dem Baby ein bisschen Zeit für Geschwisterkind/ Haushalt/ in Ruhe duschen verschaffen oder auch bei schwerwiegenderen Problemen, die nicht durch eine Stunde babyfrei gelöst werden können, wirklich professionelle Hilfe in Form von (je nach Problem) Hebamme, Stillberaterin, Schreiambulanz, Hausarzt, Psychologe. Was mir persönlich immer hilft, ist einfach mal kurz so richtig auskotzen bei gleichgesinnten Mamas. Mamas, die, wie ich, bedürfnisorientiert erziehen möchten – und manchmal merken, wie anstrengend das sein kann.

Ein Kind zu bekommen und zu erziehen ist kein Spaziergang. Es ist anstrengend, mühsam, schlafrauben. Zumindest zeitweise. Aber es ist auch das wundervollste, was ich bisher erlebt habe und ich hoffe, euch geht es auch so.

In diesem Sinne – genießt das Leben als MUTTER, genießt eure Kinder und lernt zu vertrauen – euch selbst und euren Kindern, denn sie wissen sehr wohl, was sie tun 🙂

Text und Foto: Mag. Sonja Redl-Gerstenbräun

Gewaltfreie Erziehung

2015-08-03 18.05.54Ich hatte vor einiger Zeit ein Erlebnis am Kinderspielplatz, das mich sehr betroffen gemacht hat: Ein etwa einjähriger Zwerg spielte in einem Meer aus kleinen Kieselsteinen, die den gesamten Spielbereich abgrenzen. Immer wieder nahm er zwischendurch mal einen Stein in den Mund (in diesem Alter ja irrsinnig reizvoll), woraufhin die Mutter ihn diesem natürlich jedesmal wieder aus dem Mund holte. Nach mehrmaligem Stein-in-den-Mund und Stein-wieder-aus-dem-Mund-holen drohte sie dem Kleinen schließlich mit den Worten „Lass die Steine jetzt, oder willst du wieder was auf den Popo bekommen?“. Diese Aussage konnte ich kaum glauben. Eine junge Mama, die ich öfters sehe, weil sie bei uns in der Wohnanlage wohnt, und die eigentlich immer einen entspannten, liebevollen Eindruck macht, droht ihrem Kind Schläge an?! Natürlich ist es gefährlich, wenn ein Kind diese, in einer zum Ersticken idealen Größe, Kieselsteine in den Mund nimmt. Und natürlich muss man sie ihm wieder rausholen und mit klaren Worten zu verstehen geben, dass es die Steine nicht in den Mund nehmen soll. Aber eben mit Worten, nicht mit körperlicher Züchtigung.

Dieses Erlebnis hat mir wieder bewusst gemacht, dass (körperliche) Gewalt an Kindern leider immer noch oft praktiziert wird und offenbar von vielen Eltern als normal gesehen wird. Warum das nicht sein darf, darauf möchte ich an dieser Stelle nun genauer eingehen.

Der Duden beschreibt Gewalt als Macht, Befugnis, das Recht und die Mittel, über jemanden, etwas zu bestimmen, zu herrschen.

Aus dieser Definition wird bereits deutlich: Gewalt hat immer etwas mit Macht zu tun. Derjenige, der Gewalt an einer anderen Person ausübt, demonstriert damit seine Macht (über die andere Person und im speziellen Fall: über das Kind). Jeder Erwachsene, der Gewalt an einem Kind ausübt, nutzt seine Machtposition auf schlimmste Weise. Das Kind ist uns Erwachsenen völlig ausgeliefert. Es ist auf uns angewiesen, ohne uns nicht lebensfähig. Wir Erwachsenen sind also schon von Natur aus in einer gewissen Machtposition, dem Kind gegenüber.

 Gewaltausübung an einem Kind ist ein Armutszeugnis.

Eine Machtdemonstration in Form von Gewalt ist also nicht nur nicht notwendig (weil die Macht ja eindeutig beim Erwachsenen liegt), sondern auch noch ein Zeichen völliger Hilflosigkeit und ein großes Armutszeugnis für den Macht-ausübenden. Wer sich nicht anders zu helfen weiß, als ein Kind zu schlagen oder auf sonstige Weise zu misshandeln, braucht in Wahrheit selbst dringend Hilfe. Das Kind muss mit den Auswirkungen der Hilflosigkeit des Erwachsenen leben: die Folgen, die es zu tragen hat, sind oft schwerwiegend und kennzeichnen es für den Rest seines Lebens.

Wir Eltern haben das Recht und die Pflicht, das Kind zu pflegen und zu erziehen. Es liegt ein sogenannter staatlicher Erziehungsauftrag vor – der Staat wacht über die Ausübung dieser elterlichen Pflicht. Er kann gegebenenfalls eingreifen, sofern Eltern dieser Pflicht nicht gebührend nachkommen. Das Recht des Kindes ist es, gewaltfrei aufwachsen zu dürfen.


Die große Frage in diesem Zusammenhang lautet nun aber: wo fängt Gewalt an?

Bei Gewalt denken wir als erstes unweigerlich an körperliche Gewalt wie Schläge. Diese sind aber nur eine Form unter vielen:

  1. Körperliche Gewalt:

Hierzu zählen alle Formen von Misshandlungen wie Schlagen, an den Haaren Ziehen, Schütteln, Stoßen, Treten, Boxen, (mit Zigaretten) Verbrennen, mit Gegenständen Attackieren, aber auch leichtere Formen wie der berüchtigte Klaps auf den Po oder die Ohrfeige, an den Ohren Ziehen, Zwicken oder Festhalten usw.

  1. Psychische Gewalt:

Es dreht sich hierbei um sämtliche Handlungen, die das Opfer seelisch und emotional schädigen.

Psychische Gewalt ist die häufigste Gewaltform, der Kinder ausgesetzt sind. Sie ist gleichzeitig schwerer festzustellen als die körperliche Gewalt, da sie keine nach außen erkennbaren Narben hinterlässt.

Das Bundesministerium für Familie und Jugend definiert psychische Gewalt an Kindern folgendermaßen (die nachfolgenden Gewaltdefinitionen des Österreichischen Bundesministeriums für Familie und Jugend wurden von dessen Internetseite übernommen):

„Psychische Gewalt ist …

  • wenn Kindern mutwillig Angst gemacht wird.
  • wenn Kinder eingeschüchtert, ausgegrenzt, isoliert werden.
  • wenn Kinder verspottet werden oder der Verspottung Preis gegeben werden.
  • wenn Kinder missachtet und entwertet werden.
  • wenn Kinder klein gemacht, klein gehalten und abgewertet werden.
  • wenn Kinder gezielt entmutigt werden.
  • wenn Kinder mit Druck und Unterdrückung erzogen werden.
  • wenn Kindern keine Grenzen gesetzt werden.
  • wenn Eltern ihren Kindern Orientierung verweigern und sich ihrer Verantwortung gegenüber ihren Kindern entziehen.
  • wenn Strafe zu einem Zeitpunkt vollzogen wird, wo das Kind gar nicht mehr weiß, was es getan hat, und die Strafe nicht als Konsequenz seiner Handlungen erkennen kann.
  • wenn Kinder das tun müssen, was ihre Eltern immer gerne getan hätten, wenn Kindern sozusagen das Leben der Eltern auferlegt wird.
  • wenn Gefühle der Hilflosigkeit und schutzlosen Preisgabe ausgelöst werden und es zu einer Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses des Kindes kommt.
  • wenn Kinder als Spielball der Interessen des jeweiligen Elternteils z.B. im Zuge einer Scheidung missbraucht werden,
  • wenn also das Kindeswohl vorsätzlich und bewusst vorgeschützt wird, um eigene Interessen durchzusetzen oder zu fördern.
  • wenn Kinder Loyalitätskonflikten zwischen den Eltern ausgesetzt werden.
  • wenn den Eltern das Verhalten des Kindes wichtiger als seine Person ist.
  • leise. Sie ist nicht laut. Sie ist nicht spektakulär, aber sie ist langhaltig, sie ist ausdauernd, und sie ist nachwirkend.

Psychische Gewalt ist weiters …

  • immer dort, wo Angst als Erziehungsmittel eingesetzt wird.
  • nicht nur Vernachlässigung, es kann auch ein Übermaß an erstickender Liebe sein.
  • viel schwieriger zu erkennen als körperliche Gewalt, da sie am Körper keine sichtbaren Narben hinterlässt.
  • so schwer fassbar, da sie individuell erlebt wird und ihre Wirkung von außen oft nicht erkennbar und einschätzbar ist.
  • subjektiv zu verstehen und zu betrachten; das subjektive Erleben des Kindes, sein emotionales, existenzielles Empfinden steht im Vordergrund.
  • ein „unangenehmes“ Thema, da dieses Phänomen schwer fassbar ist, sich nicht genau definieren lassen „will“, sich wissenschaftlicher Analyse entzieht und uns zur Auseinandersetzung mit vielen Themen zwingt, auf die wir gar nicht so gerne hinschauen.

Psychische Gewalt …

  • wird durch alle Handlungen und Unterlassungen von Eltern und Bezugspersonen hervorgerufen, die Kinder ängstigen, überfordern, ihnen das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit übermitteln und sie in ihrer psychischen und/oder körperlichen Entwicklung beeinträchtigen können.
  • „passiert“ oftmals eigentlich ohne böse Absicht.
  • wird unterschiedlich aufgefasst; was dem einen noch Spaß macht, kann für den oder die andere schon Verletzung, Abwertung, Verwundung bedeuten.
  • kann dadurch entstehen, dass die Eltern den Druck, dem sie in der Gesellschaft, Arbeit etc. ausgesetzt sind, an ihre Kinder weitergeben.
  • kann auch durch gut gemeinte Hilfsangebote ausgeübt werden.
  • entsteht und besteht dort, wo Kinder und Jugendliche einer Dynamik von „zu viel“ oder „zu wenig“ ausgesetzt sind und die existenziellen Bedürfnisse der Kinder keinen Platz haben.
  • manifestiert sich dort, wo Kinder bei für sie schwierigen Erfahrungen/ Erlebnissen keine Sprache bzw. keine Ausdrucksform finden können oder dürfen.
  • tritt nicht nur alleine auf, sondern zumeist auch als „stille Schwester“ aller anderen Gewaltformen.“
  1. Sexueller Missbrauch

Vom Österreichischen Bundesministerium für Familie und Jugend wird dieser folgendermaßen definiert:

„Sexueller Missbrauch von Kindern ist …

  • … wenn Erwachsene oder ältere Jugendliche sich bewusst und absichtlich am Körper eines Kindes befriedigen oder sich von einem Kind befriedigen lassen.
  • … immer gewaltsames Eindringen in die Psyche und/oder den Körper eines Kindes, durch Blicke, Bemerkungen, Gegenstände oder Körperteile.
  • … in erster Linie körperliche und psychische Gewalt und dient als Mittel, um Macht und Überlegenheit zu gewinnen.
  • … die Befriedigung der Bedürfnisse nach Macht, Anerkennung, Körperkontakt und Sexualität auf Kosten eines oder einer Schwächeren.
  • … ein Missbrauch des Vertrauens der Kinder: Nur durch das Vertrauen und den Schutz, den Kinder genießen, können sie sich entfalten. So wird sexueller Missbrauch auch zu einer schweren Gefährdung für die Entwicklung des Kindes.

Sexueller Missbrauch beginnt …

  • … wenn Erwachsene absichtlich Situationen herbeiführen, planen oder ihre Machtposition missbrauchen, um sich sexuell zu erregen.
  • … mit einer nicht altersgemäßen Aufklärung über Sexualität.
  • … bei der „fachmännischen Beurteilung“ der körperlichen Entwicklung eines Kindes.
  • … mit der Beobachtung eines Kindes beim Ausziehen, Baden, Waschen (Voyeurismus).
  • … mit dem Zeigen der eigenen Genitalien (Exhibitionismus).

Sexueller Missbrauch geht bis …

  • … zum Zeigen pornographischer Abbildungen oder Videos.
  • … zu sexualisierten Küssen.
  • … zum Masturbieren in Anwesenheit eines Kindes.
  • … zum Berühren oder Manipulieren der Genitalien des Kindes.
  • … zum Zwingen eines Kindes, die Genitalien des Erwachsenen zu berühren.
  • … zum Reiben des Penis am Körper eines Kindes.
  • … zum Eindringen in Scheide/After des Kindes mit Finger(n), Penis oder Fremdkörpern.
  • … zu Pornographie mit Kindern und Jugendlichen sowie Kinderprostitution.“

Wie sich aus den jeweiligen Beschreibungen erkennen lässt, sind die einzelnen Bereiche nicht immer klar voneinander zu trennen, oft wird Gewalt gleich auf mehreren Ebenen ausgeübt. Ein Kind, das sexuell missbraucht wird, wird dabei auch seelisch und psychisch, sowie meist auch körperlich misshandelt. Ein Kind, das geschlagen wird, erfährt dadurch unweigerlich auch seelisches Leid.

Gewalt beginnt aber, wie oben ersichtlich, nicht erst bei Prügel oder Vergewaltigungen. Sie setzt viel früher an, und wird leider von außen oft erst viel zu spät erkannt.

Viele Formen von Gewalt sind aber auch gesellschaftlich akzeptiert, wenn nicht gar gefördert. So denken heute immer noch viele Eltern, dass ein Klaps auf den Po oder eine Ohrfeige dem Kind keinen Schaden zufügen.

„Eine „Watsch´n“ hat ja schließlich noch niemandem geschadet.“

Das ist, so unglaublich es klingt, tatsächlich immer noch die Meinung vieler erwachsener Menschen. Oft auch solcher, die es besser wissen müssten, weil sie es am eigenen Leib erlebt haben. In vielen Fällen übernehmen Menschen, die als Kinder geschlagen wurden, dieses Verhalten ihrer Eltern leider und werden selbst Eltern, die wiederum ihre eigenen Kinder schlagen. Ein in der Kindheit erlerntes Verhaltensmuster ist eben meist schwer zu verändern2015-08-03 18.05.54. Ein Ausbruch aus der Gewaltspirale kann erst dann gelingen, wenn die Betreffenden sich des Musters bewusst werden und es aktiv ändern wollen. Das sind dann Menschen, die beschließen, anders zu sein als ihre Eltern und den Kreis zu durchbrechen.

 Eines ist sicher: Gewalt wirkt sich negativ auf das Kind aus.

Ich habe bereits mehrfach betont, dass Gewalt das Kind schädigt, welche Folgen aber kann Gewalt denn konkret mit sich bringen?

Es lässt sich (nach Kiwus und Körner) grundsätzlich zwischen Kurz- und Langzeitfolgen unterscheiden:

  • Kurzzeitfolgen

Bei körperlicher Gewalt kommt es meist zu äußeren Merkmalen wie Blutergüssen, Kratzern, Narben, Beulen, Verbrennungen etc.).

Psychische Gewalt zeigt sich oft in Form von Entwicklungsrückständen und psychosomatischen Symptomen.

Sexueller Missbrauch äußert sich etwa durch altersinadäquates, sexualisiertes Verhalten oder durch Verletzungen im Genital- bzw. Analbereich.

  • Langzeitfolgen

Diese äußern sich im Erwachsenenalter durch verschiedenste Störungsbilder, wobei Frauen eher internalisierte Störungen (Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, autoaggressives Verhalten) aufweisen, Männer hingegen eher zu Störungen im Sozialverhalten (Aggression, Substanzmissbrauch etc.) neigen.

Nicht zu vernachlässigen sind obendrein die Folgen partnerschaftlicher Gewalt auf ein Kind. Oft treten Kindesmisshandlungen in Zusammenhang mit Partnergewalt auf, dabei kann sich jedoch schon allein das Miterleben von Gewalt zwischen den Eltern negativ auf die Entwicklung eines Kindes auswirken.

Gewalt in jeglicher Form fügt dem Kind Schaden zu!

Nicht immer ist Eltern bewusst, dass sie ihrem Kind Gewalt antun. Oftmals ist gewalttätiges Handeln auch nicht als solches klar erkennbar. Vieles, was in den Bereich psychischer Gewalt fällt, wird von liebenden Eltern ohne jegliche böse Absicht getan. Vieles wird unreflektiert gesagt oder getan, oft ist man von seinen eigenen Emotionen und Verhaltensmustern derart gesteuert, dass man selbst nur schwer oder gar nicht sieht, was man falsch macht.

Wenn wir manchmal laut werden und unser Kind anschreien, so sind wir uns selbst vielleicht gar nicht im Klaren darüber, dass es sich hierbei um eine Form von Gewalt handelt.

Es kommt natürlich auch oft darauf an, wie etwas aufgefasst und wie insgesamt miteinander umgegangen wird. Ein Kind, das generell viel Zuwendung und Wertschätzung erfährt, wird den Umstand, dass seine Eltern ab und zu ihre Stimme erheben, anders (nämlich weit besser) verarbeiten als ein Kind, das geschlagen und zudem noch ständig angeschrien wird.

Dennoch: wir Eltern müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Art und Weise, wie wir unser Kind behandeln, sich in dessen Entwicklung und Verhalten widerspiegeln wird. Wir sind die Erwachsenen, in deren Händen das Schicksal der Kinder liegt. Gewalt (jeglicher Form) ist eine abzulehnende Erziehungsmaßnahme, wenn wir unser Kind lieben und wertschätzen wollen.


Tamara Jungbauer