Von mütterlichen (online Rivalinnenkämpfen) und grenzenloser Erziehung

Bloggen braucht starke Ellbogen

Lange ist es her, dass ich auf dieser Seite einen Beitrag veröffentlicht habe. In letzter Zeit jedoch spüre ich so einen starken Impuls, etwas auszusprechen, das mich schon lange und immer wieder beschäftigt und verfolgt. Auch auf die Gefahr hin, dass wieder einige Leserinnen auf die Barrikaden gehen. Im Vorfeld möchte ich betonen, dass ich niemanden hier persönlich angreifen möchte. Genau das stört mich auch sehr am Bloggen in diesem Bereich und ist mit einer der Hauptgründe, weshalb ich mich davon zurückgezogen habe. Mit Ausnahmen wie dieser hier 🙂

Viele Mütter fühlen sich schnell angegriffen, wenn sie etwas über Kindererziehung lesen und viele Mamas sind von vornherein in einer Verteidigungsposition. Als müsste jede andauernd der Welt da draußen „beweisen“, dass sie die wahre Übermutter ist, die weiß, wie der Hase läuft und jeder gleich eine auf den Deckel haut, die es wagt, eine andere Meinung zu formulieren. Das finde ich anstrengend und nervig. Ich habe meinen Blog gegründet, um Müttern eine Stütze zu bieten, wenn sie danach suchen und nicht, um mich angreifen zu lassen für die Meinung, die ich vertrete. Zu schnell wird man jedoch angesichts des Dickichts an Elternblogs in eine solche Verteidigungsposition gedrängt. Wie neulich, als ich wider besseren Wissens aus Erfahrung nach langem mal wieder auf einen Hilferuf einer Mutter in einer dieser Müttergruppen geantwortet habe.

Meine Beobachtung: viele Eltern verwechseln heute Grenzenlosigkeit mit Liebe

Immer wieder beobachte ich, wie Mütter sich schwer tun, ihren Kindern gegenüber eigene Grenzen aufzuzeigen. Kinder werden immer mehr dazu getrieben, Entscheidungen zu treffen, die eigentlich ihre Verantwortung übersteigen. Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter können noch nicht selbst entscheiden, wann sie ins Bett gehen sollen, um ausreichend Schlaf zu bekommen oder was sie essen sollen, um eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu gewährleisten. Auch wie oft und was sie fernsehen obliegt noch nicht ihrem Verantwortungsbereich. Kinder sollen da entscheiden dürfen, wo sie bereits kompetent sind. Alles andere überfordert sie auf Dauer.

Die Folgen: Hilflose Eltern

Ich erlebe dann Eltern, die aus völliger Hilflosigkeit jeden Abend dieselben Probleme haben, ihr Kind endlich zum Schlafen zu bringen. Eltern, die sich wundern, dass ihr Kind nichts Gesundes isst, während sie ihm zwischendurch und kurz vor dem Essen noch Süßigkeiten erlauben. Ich erlebe Kinder, die ständig im Mittelpunkt stehen wollen, weil sie es nicht gewohnt sind, auch mal Kompromisse einzugehen oder ein Nein zu verkraften. Diese Kinder gelten dann oft fälschlicherweise als sehr „selbstbewusst“ – in Wahrheit steckt jedoch der Drang dahinter, so wie von den Eltern auch von anderen Mitmenschen immer das zu bekommen, was sie wollen.

Und wehe jenen, die sich den kleinen Herrschern in den Weg stellen! Das ertragen deren Eltern nämlich überhaupt nicht. Auch wenn sie eigentlich sehr sozial und liberal eingestellt sind: wenn es um das eigene Kind geht, ist alles anders. Es wird dann gern übersehen, dass der eigene Sprössling andere Kinder dirigiert, manipuliert und dabei auch gern die eigenen Fäuste einsetzt. Kriegt es dann – oh Wunder! – selbst mal etwas ab, wird das Gegenüber schnell mal angeklagt, denn die kleine Prinzessin/der kleine Prinz trägt doch niemals die Schuld!

Ich schreibe hier natürlich etwas überspitzt, aber die Tendenz vieler Eltern heute ist tatsächlich eine weg von jeglichen Grenzen und hin zu zu viel Freiheit, die für Kinder schlichtweg überfordernd wirkt.

Eltern sein, nicht Kumpels!

Ich bin keine Übermutter und ich hab die Weisheit, wie man Kinder erzieht, auch nicht mit dem Löffel gegessen. Ich mache tagtäglich Fehler, ich schreie hier und da mal rum und bereue es danach zutiefst. Ich spiele nicht in jeder freien Minute mit meinen Kindern und ich nehme mir bewusst Auszeiten im Alltag, denn anders würden meine Kräfte nicht bis zum Abend ausreichen. Meine Kinder dürfen viel selbst entscheiden und ich rede viel mit ihnen – auch und gerade über meine Grenzen. Ich nehme sie ernst in ihren Bedürfnissen, gleichzeitig nehme ich aber auch meine eigenen Bedürfnisse ernst. Ich habe meine Kinder niemals schreien lassen. Im Alter zwischen 3-4 Jahren aber habe ich ihnen dazu verholfen (bis dahin war immer entweder mein Mann oder ich bis zum Einschlafen bei ihnen), selbst in den Schlaf zu finden, wobei wir seit jeher ein sehr festes und ausgeprägtes Abendritual haben. Überhaupt haben wir sehr feste Rituale wie beispielsweise das gemeinsame Essen bei Tisch. Das ist fester Bestandteil unseres Alltags und verbindet uns. Auch diese Dinge fallen unter das Thema „Grenzen“, denn natürlich ist erst uns Eltern die Wichtigkeit solcher Rituale bewusst, damit wir sie unseren Kindern vermitteln können. Diese nehmen sie aber letztlich dankend an und fordern sie mit der Zeit auch selbst ein. Kinder brauchen Eltern, die klare Grenzen haben und keine Kumpels, die Entscheidungen auf der gleichen Ebene erwarten dürfen.

Meine Kinder sind sehr respektvoll im Umgang mit anderen Menschen und Tieren und das ist für mich – neben der Selbständigkeit – eines der wichtigsten Ziele von Erziehung überhaupt. 

Eltern, die ihren Kindern immer alles recht machen wollen und sich kaum trauen, nein zu sagen, hindern ihre Kinder letztlich auch daran, ihre Selbständigkeit (die sich ja nicht in Stufen, sondern permanent entwickelt) zu erlangen. Sie halten sie an der kurzen Leine, denn wenn mein Kind mich noch mit 6 Jahren am Bett sitzend braucht, um in den Schlaf zu finden, so ist es von mir abhängig. Es fühlt sich dadurch schwach und unselbständig. Lernt es hingegen mit liebevoller Begleitung, selbst einzuschlafen, wohl wissend, dass die Eltern nebenan und stets verfügbar sind, wenn es sie wirklich braucht, so ist es unabhängig und wahrhaft selbständig. 

Ich bin nicht perfekt und keine Übermutter, aber ich bin authentisch und wenn ich damit anderen Müttern ein Vorbild sein kann, freut mich das. Diejenigen, die damit nichts anfangen können, dürfen sich gerne andere Wege suchen. Dann aber bitte ohne gleich in den persönlichen Angriff überzugehen. Besser wäre eine gesunde Portion Selbstreflexion.

 

Danke an meine Leserinnen und alles Liebe weiterhin!

Eure Tamara

Warum ich meinen Kindern niemals sage „Hau zurück!“

Bestimmt kennst auch du Situationen wie diese nur zu gut: dein Kind kommt weinend auf dich zugelaufen und beschwert sich über ein anderes Kind, das es an den Haaren gezogen, geschubst, getreten, geschlagen oder sonst wie unschön behandelt hat. Natürlich klopft sofort der elterliche Beschützerinstinkt an deine Herzenstür, der Vergeltung für die körperlichen und seelischen Verletzungen deines geliebten kleinen Schatzes einfordern möchte. „Hau zurück!“ scheint da oft ein elterlicher Reflex zu sein. Warum ich meinen Kindern diesen Rat jedoch nicht mit auf den Weg gebe, hat gute Gründe, wie ich finde.

Natürlich möchte ich, dass sich meine Kinder gegen Ungerechtigkeiten wehren, sich verteidigen können und sich nicht alles gefallen lassen. Mir geht es nur um die Art und Weise, wie sie lernen, sich zu wehren. Ich persönlich möchte nicht, dass meine Söhne ihre Fäuste einsetzen, um ihren Standpunkt klar zu machen.

Wehren oder abwehren?

Es gibt für mich einen grundlegenden Unterschied zwischen den Begriffen „sich wehren“ und „abwehren“. Wenn ich Schläge, Tritte oder sonstige Angriffe auf meine Person instinktiv abwehre, um möglichst nicht verletzt zu werden, ist das eine völlig natürliche Reaktion.

Wenn ich hingegen den anderen aktiv haue, also nicht als natürliche Reaktion der Abwehr, sondern weil ich meinem Gegenüber zeigen möchte, dass ich „das auch kann“, dann wehre ich mich mehr oder weniger präventiv bzw. im Nachhinein. Nicht um mich unmittelbar instinktiv zu schützen, sondern ganz bewusst. Im juristischen Sinne würde ein solches Verhalten doch auch nicht als Notwehr durchgehen!!?!

„Hau zurück!“, aber fang nicht selbst an?!?

Wenn ich Gewalt generell ablehne, so bedeutet das doch auch, dass ich nicht möchte, dass mein Kind andere schlägt. Warum sollte es dann in Ordnung sein, dass mein Kind zurück schlägt? Macht das „zurück“ die Handlung an sich akzeptabel? Für mich nicht. Schlagen geht nicht – egal ob der eine anfängt oder die andere!

Nicht zurück zu hauen heißt nicht, dass man schwächer ist. 

Ganz im Gegenteil. Wenn mein Sohn zu mir kommt und sich darüber beklagt, dass ein anderes Kind ihn geschlagen hat, dann erkläre ihm, dass er klar und deutlich sagen soll, dass er das nicht möchte und das Kind damit aufhören soll. Wenn es das nicht tut, steht es meinem Sohn frei, sich aus der Situation zurück zu ziehen, Abstand zu nehmen. Mein 5Jähriger kann sich auf diese Weise im Kindergarten sehr gut abgrenzen. Er geht generell Kindern, die schlagen, aus dem Weg und sucht die Nähe zu anderen. So würde ich das selbst auch tun. Wenn Erwachsene ihre „Fäuste sprechen lassen“, finden wir das inakzeptabel. Dies bei Kindern zu fördern, erscheint dagegen Vielen als völlig normal.

Rangeleien, Balgen, Raufen fallen in eine andere Kategorie.

Ich möchte betonen, dass ich kindliche Raufereien und Rangeleien in eine andere Kategorie einordne. Dabei geht es ja um natürliches Kräftemessen, Körperkontakt und ähnliches, bei dem alle Beteiligten einverstanden sind und gleichermaßen profitieren.

Ich möchte, dass meine Kinder sich mit Worten zu wehren wissen, nicht mit Gewalt. Deshalb bekommen sie von mir niemals den Rat „Hau zurück!“ mit auf den Weg.

Wir wehren uns, aber wir schlagen nicht. 

 

Alles Liebe,

Deine

Tamara_Schrift